Gut genug kann nicht genügen
Daníel Bjarnasons „Passion of the Common Man“ ließ niemanden kalt
Die Werkpräsentation „Passion of the Common Man“ von Daníel Bjarnason im Rahmen der Bregenzer Festspiele war zugleich ein kraftvolles und beklemmendes Erlebnis. Im Auftrag der Bregenzer Festspiele hat der finnische Komponist mit dem Librettisten Royce Vavrek und der Designerin und Regisseurin Netia Jones ein weltliches Oratorium des 21. Jahrhunderts geschaffen. Wohl niemand verließ unberührt nach der Präsentation die Werkstattbühne.
Das erschreckende Szenario einer Welt, die für den Menschen unbewohnbar geworden ist, besitzt eine beunruhigende Aktualität. Die Bewohner des Habitats empfanden „ewige“ Freude, weil sie zusammen mit einer lebenserhaltenden Nährlösung psychoaktive Substanzen verabreicht bekommen. Zwei erinnern sich an ein Leben mit echten Gefühlen. Der Passion entsprechend soll ein Auserwählter mit Elektroschocks gequält werden, um Leiden zu erfahren. Schockierend verkörpert der Chor die Lust und Freude der Masse, wenn der Leidtragende gequält wird.
Die eindrückliche Handlung wurde musikalisch stringent und präzise ausformuliert und gedeutet. So wurden die Tragik und Perversion dieser verdrehten Welt perfekt erkennbar. Anne Sofie von Otter (Mezzosopran), Aaron Godfrey-Mayes (Tenor), Emma Kajander (Sopran) und Jacques Imbrailo (Bariton), der Chor des Bayerischen Rundfunks sowie das Symphonieorchester Vorarlberg und Ida Schuften Juhl (Electronics) bündelten unter Leitung des Komponisten die Energien. Souverän führten sie das Publikum in einen musiktheatralischen Raum, der intensiv fesselte, einen fast körperlich beengenden Eindruck hinterließ und jedenfalls zum Weiterdenken anregte.
Schon vor der Aufführung lenkte das ungewöhnliche Bühnenszenario die Aufmerksamkeit auf sich. In ein auf drei Seiten geschlossenes Stahlgerüst waren in Stellagen Salatköpfe gepflanzt. Sie verliehen dem Raum eine formal geordnete Struktur und brachten die Farbe der sattgrünen Pflanzen optimal zur Geltung. In offenen Kabinen waren hinten die vier Stimmgruppen des Chores platziert, in der Bühnenmitte das Symphonieorchester und im Bühnenvordergrund die vier Solist:innen. Sie traten in edlen weißen Gewändern auf und verliehen der Aufführung einen sakralen Charakter.
Als Lilli Paasikivi den Kompositionsauftrag an Daníel Bjarnason vergab, formulierte sie die Vorgabe, dass ein weltliches Oratorium in Anlehnung an die Passionen von Bach entstehen soll. Demgemäß legte der Komponist sein Werk formal an die Struktur der Bach-Passion an, mit einem Evangelisten, Jesus Christus als Leidenden und dem Chor, der die Menschen verkörpert. Als musikalisches Grundmotiv verwendete er das geistliche Lied „Komm süßer Tod“ (BWV 478).
Unheilvolle Welt und ein Manko
Daníel Bjarnason leitete die Solist:innen, den Chor und das Orchester mit klarer Geste, energiegeladen und umsichtig. Dem Chor kam gleich zu Beginn eine besondere Stellung zu, denn er stellte mit monumentalen Akkordaufbauten den „Status quo“ dar. Damit gelang dem Komponisten eine perfekte Irritation. Dass sich „The Passion of the Common Man“ in einer verkehrten Welt abspielt, wurde mit diesen Klängen schlagartig klar. Während Chor und Orchester frenetisch über die Freude sangen, erklangen spannungsgeladene und schwergewichtige Akkorde, die die Zwiespältigkeit des Augenblicks mit größter Intensität erlebbar machten. Die Kluft zwischen dem Erzählten und der dazu erklingenden Musik zog als unterschwellige Spannung durch das Werk und löste sich nur an wenigen Stellen auf.
Lediglich eine Schwachstelle zeigte die ansonsten hervorragende Komposition und Interpretation des Oratoriums. Meinem Empfinden nach waren die akzentuierenden Electronics, die den Szenarien und emotionalen Zustandsbeschreibungen eine weitere Dimension hätten hinzufügen können, akustisch zu wenig präsent.
Bewundernswerte Solist:innen
Die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter trat als „Master of Ceremonies“ auf. Sie erzählte die Geschichte und trieb sie voran. Aaron Godfrey-Mayes verkörperte den zum Leiden Berufenen, „The Surrogate“. Ihm zur Seite erinnerte die Sopranistin Emma Kajander als „The Alternate“ an die frühere Fähigkeit, zu lieben. Der Bariton Jacques Imbrailo verkörperte als „The Companion“ den mit der Natur vertrauten und ehemaligen Bauern. Alle füllten ihre Rollen mit bewundernswert vielseitiger Gestaltungskraft sowie einer klaren Diktion aus. Zudem ergänzten sich die Timbres der Stimmen hervorragend.
Mit Rezitativen, Sprechpassagen und dynamisch vorgetragenen Abschnitten erinnerte die elegant agierende Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter an „die weinende Welt“ vor der Klippe. „Die Klippe“ markierte die Grenze zwischen der künstlich glücklichen Gegenwart und der verlorenen Welt, in der die Menschen noch Gefühle erlebten und durch das Leiden auch echte Freude und Liebe verspürten. Als „große Erwärmung“ bezeichnete „The Master of Ceremonies“ Umweltzerstörung und Kriege. Eindringlich wirkten auch hier die kompakt komponierten und deutenden Chorpassagen, die die Chorsänger:innen dynamisch kontrastreich und mit klaren Phrasierungsbögen formten. Die Bildprojektionen am oberen Bühnenrand verstärkten die Wirkung des musikalisch Dargestellten zusätzlich.
Emma Kajander verkörperte als „The Alternate“ eine Frau, die sich noch an Gefühle der Liebe und des Verliebtseins erinnert. Sie sehnt sich einerseits danach, andererseits findet sie sich auch mit der Genügsamkeit der digitalen Möglichkeiten ab. Denn nach der enttäuschten Liebe generiert sie sich ihren idealen Liebhaber und singt dazu eine Schlüsselpassage des Oratoriums: „Gut genug, sollte das Motto der Menschheit diesseits der Klippe sein.“
Die teils arienartig gesteigerten Passagen brachten die emotionale Strahlkraft der Sopranistin hervorragend zur Geltung. Das Orchester begleitete die Sopranistin abschnittsweise mit minimalistischen Begleitfloskeln, führte melodische Linien weiter und verlieh ihren Partien durch den Instrumentalklang eine intensive Farbe.
Der Bariton Jacques Imbrailo erinnerte als „The Companion“ an ein Leben als Farmer, an die Natur und seine Arbeit mit den Händen. Seine Lamenti wurden unterstrichen durch den pastoralen Charakter des Orchesterparts.
Mit der Vorstellung des „Surrogate“, des Stellvertreters des Leidenden, steigerte sich die Passion weiter und gewann noch mehr emotionale Intensität. „Surrogate“ wurde einer vierzigtägigen Entziehungskur unterzogen, um danach „jenseits der Klippe“, Schmerz, Hunger, Krankheit, ein gebrochenes Herz und Einsamkeit zu ertragen. Musikalisch eindringlich vermittelte der Tenor Aaron Godfrey-Mayes den Stolz, der Auserwählte zu sein. Gleichzeitig kam seine Angst zum Ausdruck. Immer bedrohlicher trat dabei der Chor in den Klangvordergrund. In den differenzierten Chorpassagen wurde die mörderische Lust und die Gier, einen anderen leiden zu sehen, eindrücklich verkörpert. Die klaren Linien, die stringente Verarbeitung, auch in polyphonen Chorsätzen, verdichteten sich unheimlich. „The Surrogate“ wurde auf einem Stuhl fixiert und mit drei Stromschlägen Qualen ausgesetzt. „The Master of Ceremonies“ gab die Anweisungen. Der offene Schluss ließ den Zuschauer:innen Freiraum für eigene Assoziationen.