Bregenzer Festspiele: „Passion of the Common Man“ (Foto: Anja Köhler)
Martina Pfeifer Steiner · 03. Aug 2026 · Musik

Komm, sing mit

Der erste Singalong am See begeisterte das Publikum auf der Tribüne und vereinte eben dieses zu einem gigantischen Opernchor.

Die Intendantin der Bregenzer Festspiele hat sich ein Riesen-Geburtstagsgeschenk zum 80-Jahr-Jubiläum ausgedacht: ein Singalong am See, bei dem im Endeffekt die Zuschauertribüne mit 6.600 freudig, aus voller Brust singenden Leuten bis auf den letzten Platz gefüllt war. „Am Anfang hatte ich keine Ahnung, ob fünfhundert oder tausend oder zweitausend kommen, jetzt sind wir voll!“ Lilli Paasikivi bewies damit nicht nur ein gutes Gespür für die Singbegeisterung in der Region, sondern auch für die exzellente Wahl des Chorleiters Steven Moore.

Ein Streifzug durch 80 Jahre Festspielgeschichte – dem man übrigens den ganzen Festspielsommer lang auch bei der großflächigen Open-Air-Ausstellung mit den wichtigsten Operninszenierungen auf der Seebühne von 1946 bis heute in den Bregenzer Seeanlagen folgen kann. Ausgewählt wurden die bekanntesten Chorpartien aus populären Opern und im bereitgestellten, exklusiven Notenheft mit den legendären Bühnenbildern daran erinnert.
Nach „O sole mio“, dem berühmten Liebeslied an die Sonne – damit die Wettergötter dem Spiel am Bodensee gnädig bleiben – folgt der Jägerchor aus Webers Freischütz. Die winterliche Landschaft vom vorigen Jahr und das fiese Lachen des hinzugefügten Teufels Samiel evident, erschallt – tapfer im Tempo – „Jo ho tralala …“. Bei „Nessun dorma“ dürfen die Sänger:innen zuerst dem Tenor-Solo ergriffen lauschen, bevor sie fortissimo mit „O sole! Vita! Eternità!“ einsetzen. 2015/16 erstreckte sich für Puccinis Turandot eine überdimensionale Chinesische Mauer über den See mit 205 Terrakotta-Soldaten. Anspruchsvoll, der Ambosschor aus Verdis Troubadour, und eine Erinnerung an die Ölraffinerie, gleichzeitig Festung, aus der Saison 2005/06. „Va, pensiero“, den Gefangenenchor aus Nabucco von Giuseppe Verdi, kann wohl jede und jeder aus dem Stegreif mitsingen, und weil's so schön war, dann auch als Zugabe! Nach „Toréador“ aus Carmen ist „Brindisi“ aus „La traviata“ natürlich aufgelegte Sache, und mit Violetta und dem Tenor – allerdings nicht die Besetzung desselben Abends – stoßen alle vor der ikonischen zerborstenen Spiegelskulptur am See auf die Lust und die Liebe an.
Der Samstag, 1. August, war mit rund 15.000 Gästen (entspricht knapp der Hälfte der Bregenzer Bevölkerung) übrigens der besucherstärkste Tag in der Geschichte des Festivals. Man kann die logistische Meisterleistung nur erahnen, wenn drei Stunden nach diesem einzigartigen Chor-Großereignis die Seebühne für die Abendvorstellung mit ebenso vielen Leuten wieder geöffnet wird!

Meet & Sing

Chorleiter Steven Moore weiß über die Kraft des gemeinsamen Singens. Der international gefeierte Dirigent ist gebürtiger Australier, lebt in Kopenhagen und studierte Orgel, Cello und Gesang. Wenn tausende Stimmen – begleitet von den Solistinnen und Solisten des Festivals und einem Instrumentalensemble mit Musiker:innen des Symphonieorchesters Vorarlberg – von der Seetribüne her erklingen, entsteht eine einzigartige Atmosphäre. Doch zu einer außergewöhnlichen Probe wurde im Vorfeld auch in den Großen Saal des Festspielhauses geladen, und 1.300 Sänger:innen (die sich rasch genug anmeldeten) ließen sich dieses mitreißende, einstimmende Ereignis nicht entgehen. Steven Moore war begeistert: „Die Probe war der Hammer! Erstens hat es unglaublich viel Spaß gemacht! Es wurde viel gelacht, gesungen und mit großer Freude musiziert. Zweitens waren die Sänger:innen äußerst neugierig und motiviert, Neues zu erfahren und verschiedene Dinge auszuprobieren. Man kann wohl sagen, dass es für uns alle das erste Mal war, mit einer so großen Gruppe zu singen (oder in meinem Fall zu dirigieren). Es fühlte sich ein bisschen wie ein ‚Rockkonzert‘ an.“
Wo man sonst immer als andächtige Zuschauende sitzt, auf einmal originelle Aufwärmübungen und lustvolles Einsingen zu vollführen, wird wohl ein einzigartiges Erlebnis bleiben. Neben dem schön gestalteten Notenheft standen den Teilnehmenden Audiofiles zum Üben der einzelnen Stimmen zur Verfügung. Mitmachen konnten alle Singbegeisterten, es meldeten sich jedoch viele Chöre (aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Tschechien, Österreich) an, die die Gelegenheit nutzten, höchst motiviert Opernchorpassagen einzustudieren. Was Steven Moore den Sängerinnen und Sängern noch eindringlich mitgab: „Traut euch, achtet auf das Tempo und das Wichtigste – unser Singalong-Chor-Motto: ‚HAU REIN!‘“
Eine großartige Aufführung, bei der es kein Publikum gab, sondern tausende Mitwirkende, die sich monatelang darauf gefreut und vorbereitet haben! „Happy Birthday to You, Happy Birthday Festspiele, Happy Birthday to you!"