Singalong der Bregenzer Festspiele mit 6.600 Sänger:innen. (Foto: Anja Koehler)
Michael Löbl · 03. Aug 2026 · Musik

Immer noch modern

Eva Ollikainen leitete das zweite Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker mit Werken von Jean Sibelius und Igor Strawinsky. Solist war der junge brasilianische Geiger Guido Sant’Anna.

Auch 113 Jahre nach ihrer Uraufführung klingt Igor Strawinskys revolutionäre Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ immer noch aufregend, radikal und modern. Wie kann einem Komponisten spontan so etwas einfallen? Eva Ollikainen und die Wiener Symphoniker beschenkten ihr Publikum im ausverkauften Festspielhaus durch eine mitreißende Wiedergabe dieses heidnischen Rituals, das mit dem Todestanz eines jungen Mädchens endet.

Für Festspielintendantin Lilli Paasikivi läuft es derzeit mehr als rund. Ihr erstes vollständig verantwortetes Programm ist ausverkauft und erhält ausschließlich enthusiastische Rückmeldungen von Besucher:innen und Presse. Soviel kann man bereits sagen: Das 80-jährige Jubiläum dieses Festivals wird als hundertprozentiger Erfolg in die Annalen der Bregenzer Festspiele eingehen, sowohl künstlerisch als auch finanziell. Für ihre erste Seebühnenproduktion „La traviata“ gibt es – allen Skeptikern zum Trotz – jeden Abend Standing Ovations. Die doch etwas sperrige Hausoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ begeisterte sowohl musikalisch als auch szenisch. Dazu kommen fast schon euphorische Reaktionen auf alle anderen Projekte wie Burgtheater, BR-Chor in der Galluskirche oder das von Lilli Paasikivi in Auftrag gegebene Werk „Passion of the Common Man“ in der Werkstattbühne. Ein großer Teil dieses Erfolges beruht natürlich auf der Auswahl des künstlerischen Personals. Einen derart charismatischen Chorleiter wie den Australier Steven Moore, der über 6.500 Sängerinnen und Sänger am Samstag beim „Singalong am See“ zu Höchstleistungen animierte, so jemanden muss man erst einmal finden.

Finnische Dirigentenschule

Die Dirigentenauswahl ist dagegen eine der leichteren Übungen. Vor allem, wenn man wie Lilli Paasikivi aus Finnland kommt, der europäischen Dirigentenschmiede schlechthin. Die Anzahl der aus dieser Schule hervorgegangenen Orchesterleiter ist beeindruckend. Von Mäkelä bis Salonen, von Oramo bis Mälkki, die Liste nimmt kein Ende und wird ständig erweitert. Auch Eva Ollikainen, seit sechs Jahren Chefdirigentin in Reykjavík, wurde in Helsinki bei Jorma Panula ausgebildet und konnte in der Matinee am Sonntagvormittag alle dirigentischen Register ziehen. Hochromantischer Überschwang bei „Pohjolas Tochter“ von Jean Sibelius, Begleitung eines sehr spontanen Solisten beim Violinkonzert desselben Komponisten und nach der Pause die schlagtechnische Mammutaufgabe von Strawinskys „Sacre“.
Eva Ollikainen – sie kennt die Symphoniker bereits von Konzerten in Wien – bewältigte diese Aufgaben ausgesprochen souverän. Ihre klare, gut verständliche, aber stets ausdrucksvolle Dirigiertechnik malte in „Pohjolas Tochter“ plastische Bilder aus der mythischen Welt des Nordens und gab Sibelius‘ ganz eigener Klangsprache Weite und Raum. Jean Sibelius‘ Violinkonzert ist da viel konkreter. Oder macht es etwa einen Unterschied, weil man dieses Werk so gut kennt? Jede:r Solist:in muss dieses Stück „draufhaben“, da führt kein Weg dran vorbei. Es gehört gemeinsam mit Beethoven, Mendelssohn, Brahms und Tschaikowsky zu den Top Five der meistgespielten Violinkonzerte mit großem Orchester.

Der Wanderer

Da das Sibelius-Konzert so oft aufgeführt wird, ist es keine schlechte Idee, neue Aspekte einzubringen und spezielle musikalische Wendungen auszuprobieren. Davon machte der 21-jährige brasilianische Geiger Guido Sant’Anna ausgiebig Gebrauch. Er bespielte einen vergleichsweise riesigen Aktionsradius, wanderte ständig von vorne bis hinein in das Hoheitsgebiet der Orchesterkollegen, dann wandte er sich wieder vertrauensvoll der Dirigentin zu, als wollte er ihr auf musikalischem Weg eine persönliche Botschaft übermitteln. Dadurch sahen die vorne links Sitzenden über weite Strecken nur seinen Rücken, während der Klang der Violine vorne rechts oft gefiltert durch die vor dem Solisten platzierte Dirigentin ankam. Der optisch und akustisch beste Spot, nämlich frontal zum Publikum vorne an der Bühnenkante, blieb das gesamte Konzert über verwaist.
Natürlich ist Guido Sant’Anna ein großartiger Geiger mit tonlichem Schmelz, blitzsauberer Intonation und einer fabelhaften Technik. Was ihn ganz besonders auszeichnet, ist seine Bühnenpräsenz. Durch sein entspanntes Auftreten und die musikalische Überzeugungskraft hat er sein Publikum schnell erobert. Gestalterisch packte er jede sich bietende Gelegenheit beim Schopf, hier noch ein wenig langsamer, dort dafür schneller, gerne auch sehr leise geflüstert. Das ist zwar faszinierend, bei Guido Sant’Anna aber durchgehend von allem ein Hauch zu viel. Die Zuschauer:innen tobten und bekamen Zugaben von Fritz Kreisler und George Enescu. Da sie bereits nach dem ersten Satz des Violinkonzertes applaudierten, dürfte es sich nicht ausschließlich um Fachpublikum gehandelt haben. Betrachtet man sein geigerisches Können, steht einer großen Karriere nichts im Wege. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Ausnahmebegabung von Guido Sant'Anna weiterentwickelt.

Dem Gott des Frühlings geopfert

Wie konnte ein Komponist im Jahr 1913 auf die Idee kommen, eine Musik wie „Le Sacre du Printemps“ zu schreiben? Quasi aus dem Nichts? Gut, es gab bereits „La Mer“ von Debussy, auch „Salome“ und „Elektra“ von Richard Strauss waren bereits uraufgeführt. Und doch fährt Strawinsky mit seiner Partitur frontal in eine durch die Spätromantik geprägte Musikwelt hinein. Unerhört, unharmonisch, mit unerbittlichen rhythmischen Mustern und Überlagerungen, Dissonanzen, noch nie dagewesener Polyharmonik. Ein heidnisches Ritual gipfelt in einem Menschenopfer. Eine junge Frau tanzt sich zu Tode, um den Gott des Frühlings gnädig zu stimmen. Es wird berichtet, dass der „Sacre“ bei der Uraufführung einen Skandal ausgelöst hat, vermutlich konnten aber die  Orchestermusiker im Jahr 1913 diese Partitur nicht einmal annähernd so realisieren, wie sie gemeint war. Diese Art von Musik gab es zuvor einfach noch nicht.
Heute gehört Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ zum Standardrepertoire jedes Orchesters. Das knapp vierzigminütige Stück in zwei Teilen ist immer noch modern und eine orchestrale Herausforderung. Eva Ollikainen und die Wiener Symphoniker kosteten alle Aspekte von Strawinskys Partitur aus. „Sacre“ ist nicht nur eine kollektive Überwältigung, sondern auch eine Summe aus solistischen Einzelleistungen. 

Solist:innen im Orchester

Stellvertretend für alle großartigen Solist:innen muss man zwei Musiker:innen besonders hervorheben: Zunächst Thomas Schindl an der Pauke, für alle gut sichtbar in der obersten Orchesterreihe, legte sich ins Zeug, als gäbe es kein Morgen. Strawinsky wäre zweifellos begeistert gewesen. Und dann natürlich die aus Hittisau im Bregenzerwald stammende junge Solofagottistin Johanna Bilgeri. Hätte sie ihr Probejahr nicht bereits bestanden, spätestens am Sonntagvormittag wäre es so weit gewesen. Mit einem einsamen Fagott in extrem heikler hoher Lage beginnt Strawinskys Stück. Bei Johanna Bilgeri kommt dieser erste hohe Ton wirklich aus dem Nichts, kein Kratzer, kein Anblasgeräusch stört die Stille des vollbesetzten Festspielhauses. Besser kann man dieses berühmte und gefürchtete Fagottsolo nicht spielen. 
Es ist keine Vermutung, sondern eine Tatsache: Den Wiener Symphonikern fehlen derzeit mindestens drei Konzertmeister. Das ist im Programmheft und auf der Orchesterhomepage ganz klar ersichtlich. Da Spitzenorchester in ganz Europa ständig auf Konzertmeistersuche sind, wird dieses Problem nicht ganz einfach zu lösen sein. Darum lädt man immer wieder Gäste ein, im zweiten Orchesterkonzert übernahm Łucja Madziar, Konzertmeisterin im RSO Wien, diese Aufgabe und meisterte sie sehr souverän und unaufdringlich.
Die Symphoniker sind ein Wiener Orchester, und das hört man, auch bei Strawinsky. Wenn Engländer und Amerikaner in der Schärfe und Unerbittlichkeit bis über die Grenze gehen, ist in Wien irgendwann Schluss. Weil es immer noch schön klingen soll. So lautet das erste Gebot. Es ist doch beruhigend zu wissen, dass die sich immer weiter ausbreitende Globalisierung im Orchesterbereich doch noch klangliche Inseln übriglässt. Wien ist eine solche. 

Die nächsten Orchesterkonzerte:
Wiener Symphoniker, Leitung: Petr Popelka
Mo, 10.8., 19.30 Uhr
www.bregenzerfestspiele.com 

Symphonieorchester Vorarlberg, Leitung: Leo McFall
So, 23.8., 11 Uhr
www.bregenzerfestspiele.com