Musik als Erinnerungsspur
„Zeitklang im Museum I“ bot Auseinandersetzung, setzte aber auch Geduld voraus
In Beziehung zum momentanen inhaltlichen Schwerpunkt des vorarlberg museum, der sich mit Erinnerungskultur und belastetem Erbe beschäftigt, fand das erste Konzert von „Zeitklang im Museum“ statt. Mira Weihs, Geschäftsführerin des Wiener Concert-Vereins, konzipierte eine Werkauswahl und ein Konzertsetting, das die Zuhörenden motivieren sollte, ihre Wahrnehmungsperspektive zu erweitern und Irritationen zuzulassen. Präsentiert wurden zwei neue Kompositionen von Dietmar Kirchner und Gerda Poppa sowie Werke von Wolfram Schurig und Wolfgang Lindner. Das Konzert begann vielversprechend, jedoch zeigten sich auch „Durststrecken“. Manfred Welte führte Gespräche mit der Komponistin und den Komponisten. Weiters lieferte er zahlreiche Erklärungen und trug zwei Gedichte vor. Dies und teilweise auch Überlängen bei Kompositionen wirkten insgesamt mitunter langatmig. Hyewon Lim, Katharina Plankensteiner (Violine) und Gonzalo Martin Rodriguez (Viola) musizierten konzentriert, am meisten beeindruckte die Cellistin Hannah Amann.
Es ist inzwischen eine Tradition, dass der Wiener Concert-Verein an zwei Vorabenden während der Festspielzeit das vorarlberg museum mit eigens für die Ausstellung zugeschnittenen Konzertprogrammen bespielt. Hier finden alljährlich Vorarlberger Komponierende ein Podium. Außerdem werden Kompositionsaufträge vergeben, die einen direkten musikalischen Bezug zu den aktuell laufenden Ausstellungen herstellen. An einem Abend widmen sich die Musiker:innen kammermusikalischen Werken, am anderen werden Kompositionen in Kammerorchesterbesetzung präsentiert.
Bezugnehmend auf die derzeit laufende Ausstellung „Baustelle Erinnerung | ‚Hitler entsorgen‘. Arbeiten am belasteten Erbe“ war auch das Konzertsetting eingerichtet. In der Mitte des Saals befanden sich übereinandergestapelte Notenpulte und Schachteln, die teilweise die Sicht versperrten, sowie Abgrenzungen und umgeworfene Stühle.
„Weltbühne 1932“ lautete der Titel der Komposition von Dietmar Kirchner, die Hyewon Lim an der Violine mit Electronics (René Fischer) erstmals spielte. Den Angelpunkt des impulsiven Werkes bildete die zugespielte Rede des Journalisten, Schriftstellers, Pazifisten und Herausgebers der Zeitschrift „Die Weltbühne“ Carl von Ossietzky. Musikalisch wurde die Rede in Beziehung gestellt zu Fotos und einer verstärkten Violine, deren Klang über Lautsprecher im Raum verteilt wurde. Die Electronics vervielfältigten die Spielarten der Violine und standen überdies in einem direkten Zusammenhang mit den projizierten Fotografien. Je aufgeregter der Violinpart erklang, umso mehr wurden die Projektionen verpixelt. Musiziert wurde in Dunkelheit, sodass sich ein eindrückliches Szenario ergab.
Zur Uraufführung gelangte auch das Streichquartett „Deine Rede sei ohne Falsch“ von Gerda Poppa. Sie stellte die Kommunikation und die Redefreiheit in den Mittelpunkt ihrer Komposition. Als ein Mittel zur künstlerischen Verarbeitung dienten musikalische Freiheiten, die die Komponistin den Quartettmusiker:innen gewährte. Über einem Klanggrund kommunizierten Hyewon Lim, Katharina Plankensteiner, Gonzalo Martin Rodriguez und Hannah Amann mit frei kombinierbaren Floskeln. Auf diese Weise entwickelten sich Frage- und Antwortspiele sowie diskursive Erregungslevels, mit denen die Musiker:innen zueinander in Beziehung traten. Im letzten Abschnitt des zugänglichen Werkes brachte Hannah Amann mit einem eindringlichen Cellosolo den emotionalen Gehalt von Martin Luther Kings berühmter Rede „I Have a Dream“ zum Ausdruck. Doch ganz am Schluss vermittelte die verklingende Zurücknahme, dass die derzeitige Gesellschaft weit von diesem Traum entfernt ist.
„In the spirit“ komponierte Wolfgang Lindner im Jahr 2016. Inspiration für die Hommage an Schubert war ein Fragment (D 111a), das in seiner Originalgestalt den Rahmen für das traditionell angelegte viersätzige Streichtrio bildete. Im Eröffnungssatz wurde die Harmonik des elftaktigen Motivs stimmungsvoll weitergeführt. Einander imitierende und umschlingende melodische Linien erklangen im Largo. Sodann wurde der Blick mit einem Ländler zur Volksmusik gewendet und das Finale ließ rhythmisch aufhorchen. Allerdings fehlte dem Werk und vor allem dem langsamen Satz mitunter die musikalische Zielrichtung, sodass Längen entstanden. Bedacht und sehr auf den Notentext konzentriert musizierte das Streichtrio.
Mit dem Rücken zum Publikum spielte Hannah Amann das Solowerk „Fenster“ von Wolfram Schurig. Die Cellistin war direkt vor der raumhohen Verglasung positioniert. So wurde der Blick, sehr passend zu den musikalischen Werkinhalten, auf die Baumgruppe am Kornmarktplatz gelenkt. Hannah Amann wurde 2001 in Vorarlberg geboren und hat ihre Karriere bereits erfolgreich gestartet. Seit September 2025 ist sie erste Solocellistin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. Das aussagekräftige Werk von Wolfram Schurig musizierte die Cellistin mit einem bewundernswert tiefgründigen und obertonreichen Instrumentalklang. Verbunden mit ihrer energetischen Spielart kamen die Kontraste zwischen den rhythmisierenden Bassfloskeln und den klanglich sich variantenreich öffnenden Feldern hervorragend zur Geltung.
Tipp: „Zeitklang im Museum II“
Wiener Concert-Verein unter der Leitung von Christian Birnbaum
U. a. wird das Werk „Bregenz“ aus der Österreich-Suite für Klavier und Orchester von Florian Hecher uraufgeführt.
Do, 7.8.26, 18:30 Uhr
vorarlberg museum