Kota – Lebensansichten eines Huhns
Fritz Jurmann · 17. Aug 2025 · Musik

Von himmlischen und anderen Freuden

Das SOV vertrat mit dem letzten Festspiel-Orchesterkonzert erfolgreich die heimischen Farben.

Man brauchte nicht unbedingt ein glühender Patriot zu sein, um die Besetzung der Bregenzer Festspiele 2025 mit fast ausschließlich nordischen Künstler:innen zunächst doch mit etwas Stirnrunzeln registriert zu haben (siehe dazu die Schlagzeile „Helsinki liegt am Bodensee“, mit der Kollege Michael Löbl in der KULTUR seinen Bericht über die erste Programm-Pressekonferenz von Lilli Paasikivi übertitelte). Die bekanntlich aus Finnland stammende, neue Intendantin wollte bei ihrer Feuertaufe am Bodensee das Publikum des Festivals gleich auf Kultur und Lebensart ihres Heimatlandes einstimmen, was wohl über weite Strecken auch geglückt ist.

Arbeitsintensive Woche für das SOV 

So kam in diesem Kontext innerhalb des künstlerischen Personals den verbliebenen Österreicher:innen besondere Bedeutung zu, vorab den Wiener Symphonikern als erstem und dem Symphonieorchester Vorarlberg als zweitem Festspielorchester, das zum Finale bei seinem traditionellen eigenen Orchesterkonzert am letzten Festspielsonntag mit einer hinreißenden Version von Mahlers „Vierter“ selbstbewusst auftrumpfte und damit die heimischen Farben vertrat. Es war, für Freund:innen der Nostalgie, eine Art Leuchtturm jener Identität, aus der heraus 1946 als Initiative des Bregenzer Bürgertums diese Festspiele auch ihren Anfang genommen haben.
Ein Konzert im Übrigen ganz ohne Ermüdungserscheinungen der Musiker:innen, obwohl das SOV eben eine seiner arbeitsintensivsten Wochen des Jahres absolut respektheischend hinter sich gebracht hatte – mit fordernden Proben und vier Aufführungen von Rossinis „La Cenerentola“ beim Opernstudio am Kornmarkt und parallel laufenden Vorbereitungen für das Konzert am Sonntag, das zum fünften Mal in Folge in den Händen von Chefdirigent Leo McFall lag.
Doch lange vor den delikaten Zwistigkeiten im Hause Mahler werden die Besucher dieser Matinee im vollbesetzten Festspielhaus zunächst mit einer kindlich sanften Einbegleitung in hochromantisch ausschweifender Klangfülle eingestimmt: einer Fantasie über Themen aus Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ von Oskar Fried, einem Freund Gustav Mahlers. Da kann man glatt wieder zum Kind werden bei so gekonnt kontrapunktisch variierten und ineinander verflochtenen Melodien aus der Kindheit wie „Backe, backe Kuchen“, der „Abendsegen“ oder „Ein Männlein steht im Walde“, ergänzt durch wunderbare Solist:inneneinlagen aus dem Orchester. Nur für die Hörner war das offenbar noch etwas früh, die kamen erst bei Mahler so richtig in Form.  

Szenen einer Ehe

Dann aber kommt Pfeffer ins Programm, steht doch als Spannungsfeld der schwelende künstlerische Konflikt zwischen den Eheleuten Gustav Mahler und seiner Frau Alma im Zentrum. Beide waren mit wechselndem Erfolg als Komponisten tätig, Mahler in seinen ausgreifenden Symphonien, Alma mit beachtenswerten Liedern. Beide aber hielten wenig bis gar nichts von den Schöpfungen des jeweils anderen und mit ihrer Meinung darüber auch öffentlich nicht hinter dem Berg.
Gustav ging sogar so weit, seinem „Eheweib“ in einem 20-seitigen Brief das Komponieren zu verbieten, sprach von einem „lächerlichen Rivalitätsverhältnis“, bis es zu ernsthaften Krisen kam. Diese Szenen einer stürmischen Ehe im Wien der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts fanden ihren Ausdruck in wechselnden Erfolgskurven. Während Gustav mit seinen Symphonien die Musikwelt eroberte, blieb seine Gattin mit ihren bescheidenen Liedern vergleichsweise auf der Strecke – allein schon deshalb, weil sie eine Frau war, wie wir das hier vor kurzem am Beispiel der Französin Mélanie Bonis erlebt haben.  

Lieder in Orchesterfassungen

Dabei gilt Alma Mahler-Werfel aus heutiger Sicht als durchaus starke Frauen-Persönlichkeit und ernstzunehmende Komponistin. Es ist fast unglaublich, was sie ihren stimmungsvollen, ernsten sieben Liedern (von insgesamt 14 von ihr bekannten Gesängen) an Ausdruckskraft, Vielfalt und stimmlichen Farben mitgegeben hat; David und Colin Matthews haben diese aus der originalen Klavierfassung geschickt in gut klingende, farblich fein abgetönte Orchesterversionen gekleidet. Die Lieder haben damit zwar irgendwie die Unschuld ihrer Ursprünglichkeit verloren, dafür aber die satte Klanglichkeit eines Orchesters gewonnen, die von den SOV-Musiker:innen mit pulsierendem Leben erfüllt wird. Die namhafte Ungarin Dorottya Láng weiß als Solistin gekonnt mit ihrem Mezzo von erlesener Schönheit und traumhaft dunklen Farben umzugehen, findet in den unergründlichen psychologischen Tiefen erzählerisch immer neue Schätze, die einen als Zuhörer berühren. 

Schellengeklingel und Übermut        

Doch auch in der Gegenüberstellung von Almas lyrischen Kostbarkeiten mit der wohl populärsten Symphonie Nr. 4 in G-Dur ihres Gatten Gustav sollte der direkte Vergleich zwischen den Eheleuten ausgespart bleiben. Das besondere Augenmerk des Betrachters gilt bei Mahler viel mehr der Tatsache, dass das Symphonieorchester Vorarlberg seit dem Symphonien-Zyklus, den der mittlerweile zum Weltdirigenten katapultierte Kirill Petrenko vor ein paar Jahren mit dem SOV arrangierte, noch immer von einer Art Petrenko-Gen infiziert ist, das bis heute nie ganz verschwunden ist.
Mit dem Schellengeklingel im ersten Satz blitzt stellenweise sogar etwas wie jugendlicher Übermut in den Orchesterreihen auf, von der sich nun auch der Dirigent Leo McFall und das Publikum gerne anstecken lassen. Doch die Fröhlichkeit ist eine doppelbödige, von hintersinnigem Humor geprägte: mit geradem Becher grell herausgeblasenes Holz, die großartige Konzertmeisterin Michaela Girardi, die im zweiten Satz auf ihrer skordierten Fidel genüsslich den Tod als „Freund Hein“ aufspielen lässt. Ironisch aufgeraute harmonische Störenfriede erinnern penetrant daran, dass man sich auch 1901 bereits im 20. Jahrhundert befindet und dabei mitten in der Spätromantik. Doch McFall holt das Werk auch ins Heute: Der dritte Satz mit einem Wald in wunderbarer Streicherkultur hört sich im Pianissimo zwar an wie ein inniges Gebet, zum Weinen schön, doch das verführerische Zuviel an Pathos bleibt außen vor, die oft verflochtenen Melodielinien sind plastisch gut nachvollziehbar, die Tempi in einem gesunden Mittelmaß, die Ausbrüche (Doppelschläge des Paukisten) nicht von schlechten Eltern.  

Die „himmlischen Freuden“

Der vierte Satz ist Kern und Zentrum des Werkes. Die Vertonung des „Himmlischen Lebens“ aus der Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ („Wir genießen die himmlischen Freuden“) durch eine Sopranstimme ist wie eine Erlösung in satter Behaglichkeit aus der oft schlichten, manchmal bäuerisch-derben volksliedhaften Einfachheit des Werkes mit all seinen zerklüfteten Irrlichtern. Der mädchenhaft frische Gesang der jungen finnischen Sopranistin Sonja Herranen, klar wie ein Bergbach, hebt den Satz wirklich wie in Himmelshöhen. Dabei kommen auch durchaus noch andere Vorzüge zum Vorschein, die diesen erfüllenden Vormittag köstlich abrunden und das Publikum bei Mahler für das Symphonieorchester Vorarlberg und seinen Chef Leo McFall begeistert mitjubeln lassen.

Nachzuhören:
Mo, 22. und Mo, 29.9., 21.05 Uhr, Radio Vorarlberg
Di, 23.9., 19.30 Uhr, Österreich 1

Start des neuen Abo-Zyklus des Symphonieorchesters Vorarlberg:
Sa, 27.9., 19.30 Uhr, Montforthaus Feldkirch
So, 28.9., 17 Uhr, Festspielhaus Bregenz