Vaterland (Foto: Agata Grzybowska)
Silvia Thurner · 16. Aug 2025 · Musik

Emily Dickinson zwischen künstlerischem Anspruch und kompositorischer Effekthascherei

Die grandiose Mezzosopranistin Joyce DiDonato trug das Werk „Emily – No Prisoner Be“

Sehr hohe Erwartungen wurden an die Uraufführung des szenisch aufbereiteten Liederzyklus „Emily – No Prisoner Be“ von Kevin Puts bei den Bregenzer Festspielen gesetzt. Der amerikanische Komponist Kevin Puts, Pulitzer-Preisträger und als Opernkomponist international gefragt, genießt höchstes Renommee. Die herausragende Mezzosopranistin Joyce DiDonato übernahm die zentrale Partie. Nach der Werkpräsentation jubelte das Publikum. Dennoch hinterließ der auf Gedichten von Emily Dickinson basierende Zyklus in kompositorischer Hinsicht einen zwiespältigen Eindruck. Zwar waren die Liedmelodien ausdrucksstark komponiert, doch die Instrumentalparts wirkten über weite Strecken bloß auf Effekte ausgerichtet. Nur bedingt stellte sich ein tiefgründiges musikalisches Erlebnis ein. Joyce DiDonato prägte die gesamte musikalische Aufführung. Mit ihrer wandlungsfähigen Stimme, ihrem bis ins Detail psychologisch deutenden Gesang und ihrer intensiven Bühnenpräsenz zog sie die Zuhörenden in ihren Bann. Versiert und mit spieltechnischer Raffinesse begleitet wurde sie vom Ensemble „Time for Three“, das auch den Backgroundgesang beisteuerte. Die Inszenierung und die Lichtführung von Andrew Staples unterstrichen die Deutung der Lieder wirkungsvoll.

Die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson (1830–1886) wird im deutschsprachigen Raum spätestens seit der 2015 erschienenen Gesamtausgabe ihrer rund 1800 Gedichte in der Übersetzung von Gunhild Kübler weithin geschätzt. Ihre Biografie, faszinierend und befremdlich zugleich, verleiht ihrem Werk eine besondere Aura. 
Früh widersetzte sich Emily Dickinson den gesellschaftlichen Normen ihrer konservativ-religiös geprägten Familie. Sie zog sich in eine radikale innere Emigration zurück, verließ ihr Zimmer kaum, und wenn, dann mit weißem Kleid zu nächtlichen Spaziergängen durch den Garten ihres Wohnhauses. Wissbegierig las sie viele Zeitungen und bildete sich über Bücher weiter. In Briefkontakt stand sie mit sehr vielen Personen. Doch ihre Gedichte schrieb sie weitgehend verborgen vor der Öffentlichkeit.
Emily Dickinsons Gedichte sind inhaltlich vielfältig angelegt, und sie experimentierte mit modernen, formalen Ideen. Zahlreiche symbolische Anspielungen wirken rätselhaft. Wichtig waren der Lyrikerin beseelte Naturbetrachtungen und Analogien. Mit sarkastischem Unterton hinterfragte sie alle Arten von Autoritäten.
Kevin Puts bündelte 26 Lieder in mehreren atmosphärischen Gruppen, die einen überzeugenden dramaturgischen Bogen spannten. Aus dem Sprachduktus heraus entwickelte er ausdrucksstark nuancierte Liedmelodien. Auf die souveräne Mezzosopranistin Joyce DiDonato konnte sich der Komponist voll verlassen. Sie modellierte und interpretierte alle Lieder äußerst intensiv und detailreich, sodass der emotionale Gehalt der Texte hervorragend zur Geltung kam. Mit ihrer Bühnenpräsenz und ihren vielschichtig intonierten Liedern hielt sie die Spannung vom ersten bis zum letzten Ton und zog die Zuhörenden in ihren Bann. Charles Yang, Nicolas Kendall und Ranaan Meyer musizierten im Ensemble „Time for Three“. Die beiden Violinisten sowie der Kontrabassist füllten die Musik mit Leben. Sie begleiteten Joyce DiDonato nicht nur instrumental, sondern überdies mit ihren Stimmen, als „Backing Vocals“ und im Chor. Auch sie agierten mit viel Energie und in einem wunderbaren Einverständnis mit der Sängerin.

Viel Abwechslung und Effekte, aber wenig Tiefgang in der Musik

Kevin Puts ist bekannt für seinen pluralistischen Kompositionsstil. So stellte er auch „Emily – No Prisoner Be“ in Form eines Konglomerates aus unterschiedlichsten musikalischen Stilen zusammen. Im ersten Abschnitt wirkten die Instrumentalparts originell konzipiert und erinnerten im Duktus stellenweise sogar an Gustav Mahler. In weiterer Folge kombinierte Kevin Puts Idiome von Folksongs, choralartige Abschnitte sowie Motive eines Trauermarsches. Sodann setzte er die Gedichte als Spirituals und Gospels um. Rockige Passagen und Renaissanceharmonik sowie barocke Sequenzen standen einander gegenüber. Der Liedgesang wechselte in kurzer Folge vom Lied über Rezitativ bis zu expressivem Operngesang mit großem Ambitus. 
Die ständigen Stilwechsel sorgten zwar für viel Abwechslung, hinterließen jedoch in zahlreichen Passagen einen allzu oberflächlichen, lediglich auf den Effekt ausgerichteten Eindruck. In die emotionale Tiefe der zugrunde liegenden Lyrik gelangten die musikalischen Gestalten kaum. Dieser musikalische Zugang zeigte sich unter anderem in einigen immer wiederkehrenden illustrativen Begleitfloskeln, etwa in Tremoli oder rasenden Arpeggios über alle vier Saiten hinweg. Je weiter der Liederzyklus fortschritt, desto plakativer erschien die Ausgestaltung der Instrumentalparts. 
Erfrischend wirkten hingegen die Scherzi, in denen Kevin Puts auf Emily Dickinsons Faszination für Bienen anspielte. Mit einer Apotheose am Schluss und dem hymnischen Gospel zu den Versen „Keiner sei in Haft – Wo sich Freiheit – Dir zum Hausgenossen macht“ hob der Komponist die politische Komponente des Liederzyklus hervor.

Bedeutungsvolle Raumgestaltung und bildkräftige Lichtführung

Der Regisseur Andrew Staples verlieh dem Liederzyklus mit einer ausdrucksstarken psychologisierenden Lichtführung eine musiktheatralische Dimension. Den größten Eindruck hinterließ jene Passage, in der pendelnde Spots und bewegte Tücher den Bühnenraum wie schwankend erscheinen ließen.