Von Halbwahrheiten, Lügen und Frechheiten
Die Uraufführung der „Landkarte eines Verbrechens“ von Marcus Nigsch war ein voller Erfolg
„Musik & Poesie“ ist eine beliebte Konzertreihe, die im Rahmen der Bregenzer Festspiele im schönen Ambiente des Seefoyers zu erleben ist. Der Autor Michael Köhlmeier und der Komponist Marcus Nigsch bespielten mit einer Neukomposition genau diese Programmschiene und trafen damit ins Schwarze. 23 Gedichte dienten als Grundlage für die „Landkarte eines Verbrechens“. Marcus Nigsch hat für die Textvorlage eine zugleich geheimnisvolle und unterhaltsame Musik verfasst, bestehend aus einem Streichensemble, Klarinette sowie Mezzosopran und Bariton. Die stringente Musik und die herausragende Gestaltungskraft der Musiker:innen Miria Sailer (Violine), Guy Speyers (Viola), Julia Ammerer-Simma (Violoncello) und Marcus Huemer (Kontrabass) sowie der Mezzosopranistin Corinna Scheurle und dem Bariton Maximilian Krummen mit Michael Köhlmeier als Leser zogen die Zuhörenden ganz unmittelbar in ihren Bann. Die Fäden liefen bei der sehr versiert agierenden Dirigentin Karen Ní Bhroin zusammen.
Zu Beginn erzählte Michael Köhlmeier die Ausgangslage: Ein umfangreicher Roman ist verloren gegangen, lediglich ein paar wahllos zusammen gestellte Textseiten sind übrig geblieben. Assoziationen und freies Kombinieren sind den Zuhörenden selbst überlassen.
Genau diese Vorgaben bereiteten ein reizvolles Vergnügen. In mir regte sich sogleich ein detektivischer Spieltrieb. Welche Handlungsschnipsel könnten zusammengehören? Welche Hinweise hierfür liefert der Instrumentalpart? So entwickelte sich, auf einer klugen Dramaturgie aufbauend, ein vom ersten bis zum letzten Ton spannendes Hörerlebnis, ein musikalisches Hörspiel.
Der in Feldkirch lebende Komponist Marcus Nigsch ist ein Meister der Stimmungen und musikalisch-psychologischen Deutung. Bereits im Prolog entfaltete sich eine geheimnisvolle Atmosphäre. Sehnsuchtsvolle melodische Bögen, wunderbar musiziert von der Klarinettistin Clara Hofer, wurden getragen von einem hervorragend besetzten Streichensemble. Die tiefen Streicher boten ein gutes Fundament für den schreitenden Duktus einiger Passagen und die oft in minimalistischen, rhythmischen Schichtungen und Verschiebungen geführten Streicherpassagen schufen vielsagende klangliche Umfelder für die Textinhalte.
Dem Ensemble setzten die Mezzosopranistin Corinna Scheurle und der Bariton Maximilian Krummen die Krone auf. Sie verliehen den Gesangsparts dramatische Züge, die unter die Haut gingen. In Erinnerung blieb beispielsweise „Weißes“, in dem der Bariton ergreifend vom Sterben einer Frau sang. Die Mezzosopranistin Corinna Scheurle führte ihre Stimme mit souveräner Ruhe und verstärkte damit die Wirkung ihrer Parts, unter anderem in „Der Plot“ sowie „Die Lüge“.
Der Werktitel „Landkarte eines Verbrechens“ ließ sich vielfach deuten. Innerhalb der 23 Gedichte wurde von verwahrlosten und verwaisten Kindern erzählt, von (Klein-)Kriminellen und geldgierigen Machern, von widerwärtigen Pfaffen und von sich eingenommenen Neureichen. Im Schmerz wurde Rache geübt und Trauernden ein Raum geboten.
Jeden einzelnen Text formte Marcus Nigsch kompositorisch von einem eigenen musikalischen Blickwinkel aus. Gleichzeitig formulierte er musikalische Klammern, die zwischen den Gedichten eine Zusammenhang stiftende Spur legten. Psychologisch interpretierte er die Inhalte unter anderem mit unterschiedlichen Texturen und deutete damit die Atmosphäre des Erzählten hervorragend. So erschien jedes Gedicht in einem vielfältig nuancierten musikalischen Licht, das ein emotionales und spannungsgeladenes Erlebnis bot. Bemerkenswert ist, dass der Humor dabei nicht zu kurz kam.
Eine Schlüsselrolle nahm die Klarinettenstimme ein, denn Marcus Nigsch hat besonders in diesen Part viel Emotion gelegt. In Erinnerung blieb die melodische Linienführung in der „Narr“, der musikalisch den Höhepunkt des Werkzyklus bildete. Eine ebenso große Wirkung hinterließ auch die Kantilene in „Liebe“. Einiges ließe sich auch über Frage- und Antwortspiele und vorwärtstreibende Geschäftigkeit, strudelnde Verwirrung oder naive Einfachheit im Streicherpart erzählen.
Marcus Nigsch hatte für die kompositorische Konzeption des Werkes eine herausragende Idee. Er setzte nicht jedes Gedicht in eine traditionelle Liedgestalt, sondern ließ die Sprechstimme in Beziehung zur Musik treten. Michael Köhlmeier selbst war als Vortragender ein bedeutender Protagonist. Er las die Texte mit großer Ausdruckskraft und verlieh den Aussagen durch seinen speziellen Tonfall ein ganz eigenes Profil. Oft wurde die Stimme vom Ensembleklang getragen und die Sprache entwickelte sich mit nuancierten Tonhöhenveränderungen musikalisch sehr reizvoll.
Mit jubelndem Applaus dankten die Zuhörenden für diese spannende musikalisch-literarische Feierstunde.