Von „Farmer George“ zu „Mad King“ – atemlose Spannung im Seestudio
Großer Jubel für den Bariton Thomas Florio und die Ensemblemusiker:innen
Sogleich mit einem intensiven kammermusikalischen Konzert starteten die Bregenzer Festspiele nach der Oper im Haus und dem Spiel auf dem See in eine musikalisch äußerst eindrückliche Welt. Der charismatische Bariton Thomas Florio interpretierte mit den „Eight Songs for a (Mad) King“ des britischen Komponisten Peter Maxwell Davies – ein Meilenstein der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts – auf vielschichtige musikalisch-psychologische Weise. Dem Werk voraus ging die Uraufführung des Monodramas „Farmer George“ von Osmo Tapio Räihälä. Er hat sich der Herausforderung gestellt und die Zeit vor der schweren psychischen Krankheit des Königs George III. musikalisch umrissen und damit zu den „Eight Songs“ hingeführt. Ohne Maxwell Davies‘ kompositorische Sprache zu imitieren, gelang es dem Komponisten eindrückliche Erinnerungsbilder aus dem Leben des Königs zu schaffen. Ein versiertes, hoch konzentriertes Ensemble unter der Leitung der Violinistin Sophie Heinrich trug wesentlich zum intensiven Musikerleben bei.
Für den finnischen Komponisten Osmo Tapio Räihälä war der Kompositionsauftrag gleichermaßen reizvoll und komplex. Die Aufgabe bestand darin, ein vorgelagertes Werk für das herausragende Musiktheater über den „Mad King“, den an einer schweren psychischen Krankheit leidenden König George III., zu verfassen. Ähnlich wie im Jahr 1969 der Autor Randolph Stow und Peter Maxwell Davies zusammenarbeiteten, gingen nun der Librettist und Sänger Thomas Florio und Osmo Tapio Räihälä vor. In fünf biografischen Tableaus erzählten sie zentrale Stationen aus dem Leben George III., der von 1760 bis 1801 König von England und Irland war. Seine Liebe zur Natur brachte ihm den Spitznamen „Farmer George“ ein. Tragisch verlief sein Leben, denn jahrelang litt er an einer Geisteskrankheit, die ihn in unfassbare existenzielle Ausnahmesituationen versetzte. „Farmer George“ stellte das Leben vor dem Zusammenbruch ins Zentrum, mit einem künstlerischen Blick auf die Erinnerung.
Schwebende Tonlinien in dunklen Klangfarben führten sogleich hinein in eine Klangwelt, die sich durch eine große unterschwellige Spannung auszeichnete. Die Violinistin Sophie Heinrich, Mathias Johansen am Violoncello, Francesco Negrini an der Klarinette und Bassklarinette, Yunus Kaya am Klavier und Cembalo – sie alle unterrichten an der Stella Privathochschule Vorarlberg – sowie Ulrike Anton (Flöte) und Maximilian Näscher am Schlagwerk musizierten konzentriert und ausdrucksstark. Über weite Strecken unterstrichen die musikalischen Gesten die eindringlich erzählende Singstimme. Mit hervorragend ausgereizten Farben entwickelte sich der Instrumentalpart, stets den musikalischen Verlauf des Vokalparts unterstützend. Die Linien führten jedoch über den Gesangspart hinaus und boten mit instrumentalen Zwischenspielen Raum für textdeutende Reflexionen und Überleitungen.
Zur Steigerung des Ausdrucks verwendete Osmo Tapio Räihälä unter anderem Clusterklänge, Flatterzungen, extreme Vibrati, gestrichene Vibraphontöne, Flageoletts und weitere Spieltechniken. Stellenweise driftete jedoch die Musik ins Plakative, beispielsweise im Abschnitt „Lost and Foundering“ oder am Ende des Teils „No Return“. Besonders eindrucksvoll wirkten hingegen jene Passagen, in denen die Brüchigkeit des Charakters betont wurde, wie im Teil „Im Andenken“ oder im fünften Abschnitt „without title“, der in einer vielsagenden Stille mündete. Besonders stark wirkten jene Abschnitte, in denen der Komponist – zwar dezent, aber eindringlich – auf das Hauptwerk von Peter Maxwell Davies hindeutete und sich die geistige Verwirrung des Königs bereits andeutete.
Ein Sänger mit großer gestalterischer Intensität
Im Mittelpunkt des intensiven Konzertabends stand Thomas Florio. Er durchlebte die Stationen des Protagonisten mit einer unmittelbar wirkenden Ausdruckskraft. Seine stimmliche Bandbreite reichte vom klassischen Liedgesang über Sprechgesang hin zu kehligem Raunen über Schluchzen bis zu Falsetttönen und vielen anderen Lautäußerungen. Er zog die Zuhörenden in seinen Bann, denn auch die Mimik und die Gesten sowie die Körperhaltung spiegelten die emotionalen Befindlichkeiten präzise wider.
Konzentriertes Zusammenwirken im Ensemble
Nahtlos mündete die Uraufführung von „Farmer George“ in das Musiktheater von Peter Maxwell Davies. Die Diskrepanz der musikalischen Ausdrucksmittel an der Bruchkante des 2025 und des 1969 entstandenen Musiktheaters war zuerst irritierend. Auch nach 56 Jahren wirkte der musikalische Ausdruck der „Eight Songs for a Mad King“ sehr aktuell. Die zugleich fragile und aufbrausende Innenwelt des Protagonisten interpretierten die Ensemblemusiker:innen im Zusammenwirken mit dem Sänger hervorragend.
Facettenreich kamen in den acht Liedern die Tragik und die Zerrissenheit, das Sich-selbst-Verleugnen, die Suche nach Erklärungen und auch lichte Momente des „Mad King“ zur Geltung. Auch humorvolle Abschnitte fanden ihren Platz und milderten die aufwühlende Expressivität. Thomas Florio setzte seine Virtuosität ganzheitlich und mit großer Körperspannung ein. Am eindrücklichsten wirkten jene Passagen, in denen dem Protagonisten die Luft zum Atmen abhandenkam. Mit trockenen Kehllauten ließ der Bariton die unbeschreibliche Enge, das Eingesperrt-Sein in sich selbst körperlich spürbar werden.
Kein bloßer Aktionismus
Wohl viele waren entsetzt über das aggressive Potenzial, das mit einem zerstörerischen Akt einherging. Thomas Florio nahm der Geigerin ihr Instrument aus der Hand, betrachtete es zuerst, zupfte es kurz an und gliederte sich in den musikalischen Fluss ein. Unvermittelt zerschmetterte der Akteur die Geige über seinen Knien und zertrampelte die Überreste am Boden. Es galt jedoch für jede und jeden Einzelnen, genau diese Irritation psychologisch, politisch und auch kulturphilosophisch zu deuten. Nicht nur diese aktionistische Handlung, sondern das gesamte Werk beinhaltete viele Aspekte zum Weiterdenken.
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