Freischütz mit Merch
Internationale Tagung an der Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik vom 17. bis 19. Juli
Dass Oper äußerst populär sein kann, beweisen seit Jahrzehnten die Bregenzer Festspiele. Was aber sind die Herausforderungen dabei? Wo lauern Tücken und Fallstricke der Popularität? Damit beschäftigte sich aktuell eine Tagung der Stella Vorarlberg Hochschule in Feldkirch.
Der Erfolg stellte sich sofort ein. Unmittelbar nach der Uraufführung 1821 wurde Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ nicht nur an sämtlichen großen und mittleren Opernhäusern gespielt. Das Werk trat auch einen Siegeszug jenseits der Bühne an. Aktuell begeistert es in Philipp Stölzls ziemlich freier Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne, und am Ende des Sommers haben es wohl 400.000 Besucher:innen gesehen.
Kein Wunder also, dass Andrea Horz, frischgebackene Stiftungsprofessorin an der Stella Vorarlberg Hochschule für Musik akkurat dieses Werk in den Mittelpunkt einer ersten musikwissenschaftlichen Tagung des Hauses stellte. Denn die Forschung an der Stella soll Musik als gesellschaftliches Phänomen untersuchen. Mit Fokus auf den Bodenseeraum, fügt Rektor Jörg Maria Ortwein hinzu. Die Musikwissenschaftler reisten also an, um ihre Thesen gleichsam vor Ort zu überprüfen, auch wenn – bedingt durch die Ferienzeit – die Studierenden nicht an der Tagung teilnahmen. Das werde sich in Zukunft ändern, betont Horz. Der Zeitpunkt für Tagungen sei ja variabel.
Was also macht den „Freischütz“ seit 200 Jahren zu einem – so der Musikwissenschaftler Fabian Kolb – „herausragenden Beispiel für Popularisierung“? Der Uraufführung folgte unmittelbar eine Fülle von Druckerzeugnissen für die im Biedermeier so intensiv gepflegte Hausmusik. 94 waren es allein in den Berliner Verlagen bis 1828. Zum Vergleich: Mozarts „Zauberflöte“ brachte es auf 44, Beethovens „Fidelio“ auf magere sechs. Die volksliedhaften Melodien des „Freischütz“ wurden für Streichquartette, Flötenduos, Militär- und Tanzmusik-Kapellen arrangiert; selbst auf Drehorgeln waren sie zu hören. Kostüme und Szenenbilder gab es in Taschenbüchern, auf Spielkarten und Tabakdosen. Und das Merchandising reichte bis zu Bilderbogen zum Ausmalen und Ausschneiden.
Möglicherweise habe von Weber selbst schon auf Popularität spekuliert, sagt Fabian Kolb. Damit wäre er nicht einmal der erste. Berthold Over, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Augsburg, weist solche Strategien schon bei Georg Philipp Telemann nach. Flexible Besetzungen und einen leicht fasslichen Stil nennt er als Voraussetzung für Popularität. Und das erfüllt der „Freischütz“ allemal.
Der Freischütz läuft Amok
Aber mutet die Oper heute nicht ziemlich muffig an? Biedermeierliche Brautjungfern und der zu Tode gespielte Jägerchor, ein patriarchales Sozialgefüge, vor allem aber der omnipräsente deutsche Wald – für viele Regisseur:innen ist die Oper einfach nicht mehr inszenierbar, zumal sie noch durch die NS-gesteuerte Vereinnahmung als „deutsche Nationaloper“ belastet ist. In Stuttgart etwa wurde der „Freischütz“ zur Reichsgründungsfeier im Jänner 1938 gespielt. Gesa zur Nieden, Spezialistin für populäre Musik im Nationalsozialismus, verweist auf Elias Canetti, der in seinem Meisterwerk „Masse und Macht“ die Bedeutung der Waldsymbolik in aller Schärfe skizzierte: „Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald.
Nur, sagt Gesa zur Nieden, dass der Wald im „Freischütz“ ganz anders sei, ein Märchenwald nämlich. Im Gegensatz zur NS-Ideologie sei er dämonisch, ein „Grauen – und für die Deutschen wäre es ein Grauen, wenn man ihnen den Wald wegnimmt.“
Richard Erkens stimmt zu. In der Konfliktsituation von Max gehe es „um die fatalen Dynamiken von sozialer Ausgrenzung, Angst und Trauma, deren Phasen die Spielhandlung bis zur Katastrophe eines Amoklaufs durchdeklinieren.“ Wie sieht Florian Amort (bis 2025 Chefdramaturg der Bregenzer Festspiele) die von ihm mitbetreute Inszenierung Philipp Stölzls auf der Seebühne? Sie sei „vielleicht die kühnste Produktion der letzten Jahre: mit einer neuen Dialogfassung, veränderter Orchestrierung in einer Nummer und einem Zugriff, der sich stark vom klassischen Opernbetrieb löst und näher zum Schauspiel ansetzt. Gerade diese Freiheit, auch in die Textstruktur einzugreifen, erlaubt es, Figuren so zu zeigen, dass sie heutige Zuschauer unmittelbar berühren.“
Popularisierung als Strategie
„Popularität ist ein Zustand“, sagt Michael Fischer, geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik. „Aber Popularisierung ist eine Strategie.“ Für diese Strategie bekomme die Bregenzer Seebühnen-Produktion zu Recht Bestnoten. Welche Mittel werden da eingesetzt? Zuallererst und am wichtigsten: Man macht die Opernproduktion zum Event. Der Ort ist außergewöhnlich (historisches Vorbild: Bayreuth), die Aufführung ist sinnlich, emotional anregend, kulinarisch und sozial außergewöhnlich. Wie bei einem Popkonzert geht es darum, Teil eines großen Ganzen zu sein. Das macht die allabendlich 7.000 Zuschauer:innen zu Gleichgesinnten. Und dass sie jünger und diverser sind als das übliche Opernpublikum zeigt etwa die „Young People‘s Night“.
Die Musik käme zu kurz, die Visualisierung werde überbetont, heißt es da nicht selten von Seiten der professionellen Kritik. „Die ikonischen Skulpturen sind oft das Erste, was man wahrnimmt“, konzediert Florian Amort, „vielleicht auch der Grund für den spontanen Kartenkauf, aber sie sind nie Selbstzweck – sie schaffen einen Resonanzraum für Musik und Drama.“ Aber eines ist auch wahr: Die auf zwei Stunden reduzierte Spieldauer ist „ein wichtiger Faktor“.
Kulinarisches für die Erlebnisgesellschaft
Hochkultur – dieses Etikett hing der Oper lange an. Und Hochkultur ist eben die Domäne kultureller Eliten. Es habe oft etwas Anbiederndes, wenn man glaube, sie einem breiteren Publikum erst erklären zu müssen, etwa mit Werkeinführungen, sagt Michael Fischer. Und das, was der Soziologe Pierre Bourdieu als Distinktionsgewinn bezeichnete, sei abgelöst worden von der „Erlebnisgesellschaft“. Schon möglich. Aber wenn man sich Klassik-Stars wie den Geiger David Garrett ansieht, scheint es doch um den Distinktionsgewinn durch das Instrument zu gehen. Frisur und Kleidung allein, musikalische Banalitäten wie „Moves like Jagger“ können den Karriere-Boost des Musikers nicht erklären.
Und welche Rolle spielen die Medien? Sie hätten Stars wie Anna Netrebko oder Rolando Villazón erst geschaffen, sagt der Musikwissenschaftler Arnold Jacobshagen. Die massenhafte Verbreitung der LP etwa popularisierte einst (neben der Klatschpresse) Maria Callas. Die Liveübertragungen von Stadionkonzerten das Best-of von Placido Domingo. Und heute sind es neben den Live-Übertragungen aus der Met im Kino eben Streaming und Social Media. Nicht zuletzt spielt klassische Musik eine immer größere Rolle in der Werbung. Keine Pizza ohne Verdi, betont Carolin Krahn.
Irgendwie sei das Publikum dadurch informierter, irgendwie auch vielseitiger, bemerkt der Dramaturg Florian Amort und vergleicht Andreas Homokis sehr reduzierte „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne mit dem bunten Spektakel, in das Philipp Stölzl den „Rigoletto“ verwandelte. Da konnte er beobachten, „dass Gäste, die begeistert von ,Rigoletto‘ waren, zum ,Freischütz‘ zurückkommen und ,Madame Butterfly‘ ausgelassen haben. Und andere Gäste, die ,Madame Butterfly‘ toll fanden, lassen den ,Freischütz‘ aus und freuen sich auf ,La Traviata‘. Wir haben auf der Seebühne nicht ein Publikum, sondern ganz verschiedene."
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