Neu in den Kinos: „Vermiglio“
In ihrem preisgekrönten Familiendrama erzählt die italienische Filmemacherin Maura Delpero die Geschichte eines Alpendorfes im letzten Kriegsjahr 1944. Es ist die Geschichte einer kleinen Welt, die mit dem Auftauchen eines Deserteurs große Veränderungen erfährt.
Als die beiden Heimkehrer nach langem Fußmarsch ihr Ziel erreichen, werden sie von der Dorfgemeinschaft kritisch beäugt. Es ist Winter, man schreibt das Jahr 1944, und noch tobt in Italien der Krieg. „Männer, die aus dem Krieg kommen, haben Geheimnisse. Als hätte man ihnen die Zunge abgeschnitten“, erzählt man sich in Vermiglio. Das trifft auch auf Attilio (Santiago Fondevila) und Pietro (Giuseppe De Domenico) zu. Letzterer hat den verwundeten Kameraden in dessen Heimatdorf gebracht, das letzte Stück soll er ihn sogar auf den Schultern getragen haben. Weil Pietro sich als Deserteur in sein eigenes Dorf nach Sizilien absetzen wollte, beschließt der Dorflehrer Cesare (Tommaso Ragno), den Fahnenflüchtigen bis Kriegsende in seiner Scheune zu verstecken. Doch niemand ahnt, dass auch Pietro ein Geheimnis mit sich trägt – das man allerdings erst erfährt, als es für Lucia (Martina Scrinzi), die älteste Tochter Cesares, zu spät ist.
Vier Jahreszeiten
Pietro ist allerdings weder Mörder noch Verräter, sondern ein zurückhaltender und liebenswerter Mann. Meistens steht er in der Kälte und raucht, manchmal erledigt er kleinere Arbeiten. Er hackt Holz, besucht die Kirche und als Analphabet sogar die kleine Dorfschule, in der Cesare am Nachmittag einigen Männern das Lesen und Schreiben beibringt. In Liebesangelegenheiten weiß er sich dennoch zu helfen und schickt Lucia regelmäßig Zettel, auf die er ein Herz gemalt hat. Und während Cesare als „Nahrung für die Seele" auf seinem Grammophon Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ hört, führt die Romanze zwischen den jungen Leuten noch im Winter zu einer Schwangerschaft und im ersten Sommer nach dem Krieg zur Hochzeit. Bevor das Kind geboren ist, soll Pietro jedoch noch ein letztes Mal seine Mutter in Sizilien besuchen.
Schöner Realismus
„Vermiglio“, geschrieben und inszeniert von der in Südtirol geborenen Filmemacherin Maura Delpero, wurde vergangenes Jahr beim Festival von Venedig mit dem Regiepreis ausgezeichnet und kommt mit einigen Vorschusslorbeeren in die deutschsprachigen Kinos. Delpero erzählt in ihrem Film, der zugleich eine Hommage an ihren verstorbenen Vater ist, von einer Welt voller Geheimnisse: einer heimlichen Liebe, einer erwachenden Sexualität, einem versteckten Laster. Und von einer wahren Identität, die man wie ein Geheimnis mit sich trägt und vor der man nicht davonlaufen kann.
Delpero zeichnet die Kargheit und Härte des Alltags in historisch realistischen Bildern, die Land und Leute jedoch in ein beinah zu schönes Licht tauchen. Denn während sich das bedächtig erzählte Alpendrama entsprechend geruhsam entwickelt, scheinen die kunstvoll komponierten Aufnahmen von Kameramann Mikhail Krichman förmlich um Aufmerksamkeit zu ringen: Wie gemalt wirken die dunklen Stuben und Betten, schwer wiegen die groben Stoffe, kalt scheint die Wintersonne durch die winzigen Fenster und Baumkronen. Arbeit und Beichte, Armut und Buße bestimmen das Leben, eingefangen in tableauartigen Gemälden.
Dem Sommer entgegen
Umso eindrucksvoller gerät der Blick auf die dörflichen und familiären Verhältnisse: auf die Spannungen zwischen dem Patriarchen Cesare und seinem ältesten Sohn, der nicht in die Stadt fortziehen darf, sondern sich mit der Feldarbeit begnügen muss; oder auf die heimlichen Begegnungen der mittleren Tochter Ada mit ihrer aufsässigen Freundin, die als Dorfrebellin von Flucht und Freiheit träumt, während sie geklaute Zigaretten raucht.
Am Ende zieht der Sommer ins Land und erreicht schließlich auch Vermiglio. Vieles hat sich dann geändert. Und einige im Dorf sind ohne Abschied wie der Winter verschwunden.
ab 24.7., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)