„Die vom Weg Abgekommene“ auf dem See
Verdis „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen
Zum ersten Mal in der 80-jährigen Geschichte der Bregenzer Festspiele ist mit Giuseppe Verdis „La traviata“ eine der beliebtesten und meistgespielten Opern des Repertoires auf der Seebühne angekommen. Am Mittwochabend war Premiere.
In allen internationalen Opernrankings teilt sich „La traviata“ die ersten drei Plätze mit W. A. Mozarts „Zauberflöte“ und George Bizets „Carmen“. Zudem steht Verdis erfolgreichstes Werk regelmäßig auf den Spielplänen der großen Open-Air-Opernfestivals von Verona, Orange (Südfrankreich), Savonlinna (Finnland), Macerata (Italien), Gars am Kamp (Niederösterreich) oder St. Margarethen (Burgenland). Warum um Himmels Willen haben dann eigentlich alle Festspielintendant:innen der letzten vierzig Jahre - Alfred Wopmann, David Pountney und Elisabeth Sobotka - einen großen Bogen um „La traviata“ gemacht?
Die Opernproduktionen auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele haben sich in jahrzehntelanger Entwicklung ein absolutes Alleinstellungsmerkmal erarbeitet: Die Kombination aus künstlerisch-musikalischer Umsetzung auf höchstem Niveau gepaart mit spektakulären Bauten und bühnentechnischen Wunderwerken, deren Bilder alle zwei Jahre um die Welt gehen. Das winterliche Dorf des „Freischütz“, das überdimensionale Blatt Papier bei „Madame Butterfly“ oder der bewegliche Kopf eines Clowns in „Rigoletto“, all diese Bilder fallen einem sofort ein, wenn man die letzten Jahre geistig Revue passieren lässt. Eine Ausstellung all dieser ikonischen Bühnenmonumente gibt es zum 80-jährigen Festspieljubiläum derzeit in den Bregenzer Seeanlagen zu bestaunen.
Kunst und Spektakel
Um diese Kombination aus Kunst und Spektakel zu erreichen, braucht man ein geeignetes Werk. Verschiedene Schauplätze, eine Abfolge von Massenszenen, Ensembles und Arien, Tag, Nacht, Wetter und Wasser oder aber exotisches Kolorit – es gibt eine bewährte Zutatenliste, um die Seebühne so zu bespielen, wie es das Publikum seit Jahrzehnten erwartet. Schon 2022 bei „Madame Butterfly“ hat man versucht, auf einige dieser „spektakulären“ Zutaten zu verzichten und siehe da, es hat geklappt. Mit „La traviata“ ist diese Zutatenliste jetzt nochmals reduziert. Intendantin Lilli Paasikivi sieht darin kein Problem, es gibt ja ein Team mit Regisseur, Bühnenbildner und Light Designer, um diese Lücken optisch und künstlerisch zu füllen.
Das Leading Team dieser Produktion sind Damiano Michieletto (Regie), Paolo Fantin (Bühne), Alessandro Carletti (Licht) und Carla Teti (Kostüme). Die entscheidende Szene dieser Produktion ist keine der beiden großen Partys oder der ergreifende Schluss, vielmehr ist ist es die Zeit zwischen Party eins und zwei, wo sich 50 Minuten lang maximal drei Leute auf der Bühne aufhalten. Violetta alleine, Violetta und Alfredo, Alfredo mit Annina, Violetta mit Alfredos Vater, Vater mit Sohn Alfredo. Da geht es um Seelenzustände, um die Familienehre, um die Zukunft des Liebespaares und um unlösbare Konflikte. Szenisch passiert in diesen 50 Minuten so gut wie nichts. Aus dem riesigen Spiegel wird ganz oben rechts eine Spielfläche mit einem Zimmer in Violettas neuem Haus ausgeklappt, wo Alfredo mit wenig Erfolg versucht, eine Wand rosa zu streichen. Dann gibt es noch eine zweite kleine Spielfläche links mit so etwas wie einem Büro, aber bevor man das näher betrachten kann, ist es auch schon wieder weg. Aus dem riesigen Spiegel strömt Bühnennebel und er dient auch als Projektionsfläche für Filmausschnitte mit Szenen aus Violettas früherem Leben. Das war's dann auch schon. Für 50 Minuten ist das nicht viel, vor allem bei einer Spieldauer von zwei Stunden.
Natürlich kann man der Meinung sein, dass Verdis überirdisch schöne Musik und die hervorragenden Sänger:innen diese 50 Minuten mühelos tragen. Aber sieht das Publikum das genauso? Gibt es nicht ein unausgesprochenes Übereinkommen, dass auf der Bregenzer Seebühne nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge gleichberechtigt zum Zug kommt? Ist nicht die viele Jahre gepflegte optische Überwältigungskomponente ein Schlüssel zu den 350.000 Tickets, die man in zwei Jahren verkaufen will? Man wird sehen …
The Roaring Twenties
Die Premiere am Mittwochabend begann, wie man es in Bregenz erwartet: Mit einer großen Bühnenparty. Alles ist dabei, Chor, Tänzer:innen, Statist:innen – sogar ein Wasserballett demonstriert ausgelassene Fröhlichkeit. Regisseur Damiano Michieletto und sein Bühnenbildner Paolo Fantin haben die Handlung in die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts verlegt, in die „Roaring Twenties“, die Zeit des „Great Gatsby“, wo ausgelassen gefeiert wurde und der Champagner in Strömen floss. Ein Star dieser Party People ist Violetta Valéry, eine „vom Weg Abgekommene“, was „La traviata“ wörtlich übersetzt heißt. Der Weg, das ist die katholisch geprägte Familie mit der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Violetta Valéry hat einen anderen gewählt. Im 21. Jahrhundert wäre sie eine Mischung aus Escort, Influencerin und Jet-Set-Society-Lady im Stil einer Paris Hilton oder Kim Kardashian. Zentraler Ankerpunkt ist hier aber die Bussi-Bussi-Gesellschaft, die sich jeden Abend in einer anderen Location trifft, um sich zu vergnügen und Spaß zu haben. Was hier gar nicht gefragt ist, sind persönliche Probleme wie zum Beispiel Zweifel am Sinn dieses Lebensentwurfes oder eine Krankheit. Hier beginnt Violettas Tragödie: Sie zweifelt und ist dazu noch schwer krank. Die Lösung erscheint in der Figur des Alfredo Germont, einem Mann, der sie wirklich liebt und ihr ein neues Leben abseits des Society-Rummels bieten will. Doch es gibt drei große Probleme: Dem glücklichen Paar geht das Geld aus, Alfredos Vater sieht die Familienehre durch Violettas Ruf gefährdet und Violetta leidet an einer unheilbaren Lungentuberkulose.
Verblüffende Effekte
Die diesjährige Bühnenbild-Ikone ist ein 700 Quadratmeter großer zerbrochener Spiegel, der den Seelenzustand der „vom Weg abgekommenen“ Violetta symbolisiert. Obwohl er aus 86 Teilen besteht, die zum Großteil in alle Richtungen bewegt werden können, bleibt er während des ganzen Abends erstaunlich statisch. Die wenigen Momente mit Wow-Effekt haben sich Regisseur und Bühnenbildner für das letzte Drittel der Oper aufgehoben. Der beeindruckende Lichtring, der sich zu Beginn der zweiten Partyszene aus der Bühnenmitte erhebt, ist einer davon. Ebenso die große schwarze Kugel, die Violettas Krankheit symbolisiert und sich, wie von Geisterhand bewegt, aus dem Spiegel herausschält und bis zum Bühnenrand schwebt. Und schließlich die Partygesellschaft, die man als Reminiszenz weit entfernt in einer Öffnung des Spiegels sehen kann. Das sind tolle Ideen und absolut meisterhaft umgesetzt.
Viele gute Bekannte
Auf den Listen der mehrfach besetzten Rollen tummeln sich zahlreiche alte Bekannte der letzten Jahre. Marjukka Tepponen, die Violetta der Premiere, sang 2015 die Liu in „Turandot“, Vladimir Stoyanov, Alfredos Vater Giorgio Germont, war 2019 der Rigoletto in Verdis gleichnamiger Oper. Julien Behr, der Sänger des Alfredo, gibt hingegen heuer sein Debüt in Bregenz.
Musikalisch war die Premiere am Mittwochabend ein voller Erfolg. Der ukrainische Dirigent Kirill Karabits leitete diese „Traviata“ ohne aufgesetzte Mätzchen und war allen Sängerinnen und Sängern ein verlässlicher Partner. Ob man wirklich bei jedem einzelnen Pizzicato Einsätze geben muss, als ginge es um Leben und Tod, sei dahingestellt. Es hat jedenfalls gut funktioniert. Die Wiener Symphoniker verzauberten das Publikum mit ihrem silbrig süßem Streichersound in den Vorspielen zum ersten und letzten Akt. Der Prager Philharmonische Chor unter Lukáš Kozubik und der Bregenzer Festspielchor unter Benjamin Lack waren ausgelassene Partygäste – erstere eher akustisch, zweitere szenisch. Die zahlreichen kleinen und kleinsten Rollen waren hervorragend besetzt, hier fiel besonders die wohltönende Altstimme von Melissa Zgouridi als Annina auf. Und wenn gegen Schluss der Bass Stanislav Vorobyov als Arzt seine ersten Töne singt, weiß man sofort, dass man von ihm gerne mehr hören würde als seine kurze, niederschmetternde Diagnose.
See im See
Majukka Tepponen, Julien Behr und Vladimir Stoyanov haben die – wegen Premierenberichterstattung, TV-Übertragung und DVD – äußerst begehrte Premierenbesetzung ergattert. Die Finnin Marjukka Tepponen begeistert vor allem durch ihre hochmusikalische und psychologisch überzeugende Gestaltung von Violetta Valérys innerer Zerrissenheit. Der Franzose Julien Behr als Alfredo brauchte eine kurze Anlaufzeit, bis sich sein tenoraler Schmelz so richtig entfalten konnte. Stimmlich und schauspielerisch am stärksten ist er im dritten Teil der Oper, als er Violetta zunächst vor allen Partygästen bloßstellt und sie dann in der Schlussszene voller Reue in den Tod begleitet. Eine Traumbesetzung für den Vater Giorgio Germont ist der bulgarische Bariton Vladimir Stoyanov. Mit seiner kernigen, fokussierten Stimme vereint er in dieser Figur Autorität, Unerbittlichkeit, aber auch Selbstreflexion und Demut.
Regisseur Damiano Michieletto und Bühnenbildner Paolo Fantin waren vom „See im See“, also dem künstlichen Wasserbecken aus dem „Freischütz“ so angetan, dass sie darum baten, dies ebenfalls bei „La traviata“ verwenden zu dürfen. Mit dem Wasserballett in der ersten Szene macht das durchaus Sinn und gibt dem ausgelassenen Fest eine zusätzliche Dimension. Warum dann aber alle Protagonist:innen immer wieder in das oder durch das Wasser müssen, versteht im Publikum niemand. Der Vater mit Koffer, Alfredo und sogar die sterbenskranke Violetta – alle müssen da durch. Das Motto dieser Inszenierung könnte daher nicht wie bei Schubert „Auf dem Wasser zu singen“ sondern „Im Wasser zu singen“ lauten.
Will man sich persönlich ein Bild der Bregenzer „Traviata“ machen, muss man bis nächsten Sommer warten. Alle 28 Vorstellungen 2026 sind ausverkauft.