Aktuell in den Filmclubs (24.7. – 30.7.26)
Beim Festival „Leinen los!“ in Schloss Hofen, Lochau, wird diese Woche mit dem mitreißenden Dokumentarfilm „Rhythm Is It!“ Einblick in die Genese eines einzigartigen Berliner Jugendtanzprojekts geboten. Das KUB Open-Air in Bregenz startet dagegen mit Agnès Vardas großartigem Essayfilm „Augenblicke – Gesichter einer Reise“.
Rhythm Is It!: Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch begleiten in ihrem 2004 entstandenen Dokumentarfilm ein Jugendtanzprojekt, bei dem der Dirigent Sir Simon Rattle und der Choreograph Royston Maldoom mit 250 Berliner Kindern und Jugendlichen Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“ einstudieren. Eindrücklich zeigt „Rhythm Is It!“, welche Schwerarbeit Kunst ist und welche Selbstdisziplin diese von den Protagonist:innen, die aus unterschiedlichsten sozialen Schichten und Kulturen stammen und mit klassischer Musik nicht vertraut sind, verlangt. So zeichnet der Film nach, wie die Jugendlichen durch das Projekt reifen, wie sie lernen, ihre zunächst ungelenken und unkontrollierten Bewegungen zu koordinieren und präzise zu setzen, wie sie durch die Arbeit an dem künstlerischen Projekt zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen und welche Glücksgefühle die den Film beschließende Aufführung bereitet.
Die fein verwobene, vielschichtige Textur macht diesen Dokumentarfilm zu einem ebenso erhellenden wie mitreißenden Erlebnis. Probenszenen werden mit Stadtansichten vom winterlich verschneiten Berlin dem Alltag der Jugendlichen gegenübergestellt, die Philharmonie als Tempel der Hochkultur steht in Kontrast zu den anonymen Hochhaussiedlungen und die Aussagen der unerfahrenen Jugendlichen prallen förmlich auf die ihrer professionellen Trainer, die leidenschaftliche Plädoyers für ihre Arbeit ablegen. So bietet „Rhythm is it!“ nicht nur faszinierende Einblicke in die Probenarbeit und den künstlerischen Prozess, sondern wirkt durch Rattles und Maldooms Begeisterung für die Musik im Speziellen und künstlerische Tätigkeit im Allgemeinen auch ansteckend.
Schloss Hofen, Lochau: Fr 24.7., 21.15 Uhr (deutsche Originalfassung)
Augenblicke – Gesichter einer Reise: Mit 89 Jahren hat sich die Nouvelle-Vague-Ikone Agnès Varda 2017 noch einmal auf eine Reise durch Frankreich gemacht, um Bekanntschaften zu knüpfen und Bilder zu sammeln. Begleitet wurde sie dabei vom 35-jährigen Fotografen und Street-Art-Künstler JR. Nicht die großen Zentren besuchen die beiden Künstler:innen, sondern kleine, teils schon verfallene Orte. Stoßen sie auf eine interessante Person erstellt JR ein schwarzweißes Poster, das an einer Scheune, der Backsteinsiedlung einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung oder auch auf den Containern in einem Hafen angebracht wird.
Einblick in die Vorgangsweise wird erst nach knapp einer Stunde geboten, davor vermitteln aber die Begegnungen und Gespräche immer auch einen Eindruck vom Wandel des Wirtschaftens und einem Schwinden des Sozialen und – ohne dass der Film je dozierend und prätentiös wird – vom vielfachen Vorrang der Rentabilität vor Respekt und der Menschlichkeit.
Von großer Liebe zu den Menschen und von sanfter Melancholie über die eigene Vergänglichkeit und die der Welt durchzogen ist diese wunderbar entspannte und gelöste Abfolge von Begegnungen und Orten, die keiner bestimmten Route oder Agenda folgt, denn den Zufall nennt Varda ihren besten Ratgeber. Bald geht es so durch die sonnige Provence, bald findet man sich an der rauen Atlantikküste wieder, mal sitzt man in Vardas Küche, dann besucht man JRs 100-jährige Großmutter, und um Jean-Luc Godards legendäre, neun Minuten und 43 Sekunden lange Kamerafahrt aus „Die Außenseiterbande“ nachzuspielen, lässt sie sich von JR im Rollstuhl durch den Louvre schieben.
KUB Open-Air, Karl-Tizian-Platz, Bregenz: Do 30.7., 21.15 Uhr (franz. OmU.)
Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website www.film-netz.com.