Die Sopranistin Emma Kajander und die beiden Komponistinnen Ethel Smyth sowie Elizabeth Maconchy verliehen dem vielschichtigen Orchesterkonzert des SOV mit Leo McFall am Pult eine besondere Strahlkraft. (Foto: Christian Lins)
Darius Grimmel · 22. Jul 2026 · Musik

In Flames und Bleed from Within beim Conrad-Sohm-Kultursommer 2026

Melodic Death Metal aus Göteburg und Metalcore aus Glasgow

Die Schwedischen Metal Legenden In Flames und Bleed From Within aus Schottland gaben am 21. Juli ihr Vorarlberg-Debüt beim Conrad-Sohm-Kultursommer 2026. Starke Bühnenpräsenz und harte Songs sorgten im Publikum für zahlreiche Crowdsurfer und Circle Pits.

Nach 36 Jahren Bandgeschichte spielen In Flames das erste Mal in Dornbirn beim Conrad-Sohm-Kultursommer-Festival. Dass sich auch Fans der ersten Stunden auf die Setlist freuen durften, zeigte die Band direkt mit der ersten Nummer, Colony“, vom gleichnamigen 1999 erschienen Album. Der Bandsound ist druckvoll, aber dabei trotzdem recht transparent, wobei das Schlagzeug zumindest zu Beginn des Konzertes etwas überlaut wirkte. Die von In Flames im Melodic Death Metal etablierten Terzläufe in beiden Gitarren folgen natürlich dem Vorbild von Iron Maiden und Thin Lizzy und werden von Bassist Liam Wilson solide mit grollendem Fundament untermauert. Diesen älteren Song nun im jetzigen Klangbild der Band zu hören, ist ein großer Genuss, und dass Niels Nielsen nun seit fast zehn Jahren dauerhaft am Keyboard Teil der Live-Besetzung ist, gibt der Band die Möglichkeit, eine große Palette an zusätzlichen Sounds ohne Backing Tracks abzudecken. Die Vorband Bleed From Within verfolgt hier eine andere klangliche Vision, aber dazu später mehr. 

Zurück zu den Wurzeln

In Flames haben mit ihren Stil über die Jahre hinweg mehrmals größeren Veränderungen durchlaufen und haben mit dem 2025 veröffentlichten Album Foregone wieder große Schritte in Richtung ihrer klanglichen Wurzeln gemacht, nachdem die Alben Battles und I, The Mask deutlich mehr elektronische Elemente und Klargesang zuließen. Dieser Bogen wurde auch in der Setlist des Konzertes deutlich, wo sich nach Colony der neue Song Foregone Pt. 1 sehr organisch anschloss und bewies, dass In Flames den schmalen Grat zwischen Signature Sound kultivieren und trotzdem spannende Songs schreiben ziemlich gut meisterten. Die Nummern folgen einer leicht begreifbaren inneren Logik und bieten effektvolle Spannungsbögen, ohne dabei effekthascherisch zu klingen. Dass In Flames' Art Songs zu schreiben durch ihre Strahlkraft in den letzten 30 Jahren von selbst in die Musik von unzähligen Metal Bands eingeflossen ist, führt sicher auch dazu, dass man als Metal-Hörer:in ihre Songs als besonders vertraut und logisch empfindet.

Eine epische Ballade als Highlight

Anders Fridéns Screams ließen den ganzen Abend nichts von der durchdringenden Energie vermissen, für die sie bekannt sind. Das Publikum musste von ihm auch nicht lange überzeugt werden, bevor sich die ersten Circle Pits und Crowd Surfer zeigten. Die Stimmung war außerordentlich gut.
Dramaturgisch perfekt platziert wirkte die epische Ballade The Chosen Pessimist, die nach circa 20 Minuten Vollgas die Energie runterbrachte. Für eine fast qualvoll lange Zeit wird von der unverzerrten Gitarre allein das introvertiert und resigniert wirkende Thema vorgetragen, bevor die zweite Gitarre endlich die lang ersehnte versöhnliche Melodie als Gegenstück beisteuert. Bereits zuvor hatte ein Teil des Publikums diese Melodie in Erwartung mitgesummt, sehr zur Freude der Band. Es dauert über zwei Minuten, bis Anders Fridén mit etwas zu gebrochener, aber emotional immer noch sehr aufgeladener Stimme das erste Mal die Strophe anstimmt.
In weiterer Folge setzt der Song mehrmals zu Steigerungen an, die vorerst wieder abflachen, bevor sich die Band nach vollen fünf Minuten das erste Mal mit ganzer Kraft aufbäumt. Als Ruhe nach dem Sturm dient die kurze Rückkehr zum Intro, der eine letzte Steigerung folgt, noch insistierender als zuvor. Der bisher hauptsächlich cleane Gesang bricht erst nach Erreichen des letzten klanglichen Plateaus in vereinzelte Screams auf und lässt die Band danach in einer instrumentalen Endlosschleife zurück, über die sich zum krönenden Abschluss eigentlich eine epischen Synthesizer-Linie legen sollte. Leider geht diese im Mix unter den Rhythmusgitarren und dem Schlagzeug vollkommen unter. 

Mehr Potenzial in der Struktur der Setlist

Trotzdem hätte ein weiterer solcher Kontrastpunkt zu den ansonsten meist schnellen und aggressiven Songs den weiteren Verlauf der Setlist stark bereichert und es ist schade, dass In Flames darauf verzichtet haben, in diesem Sinne Halbballaden wie Come Clarity vom gleichnamigen Album 2006 oder Pure Light Of Mind von der neuesten Scheibe zu inkludieren. Seinen fulminanten Abschluss fand In Flames' Performance traditionell mit ihrem Hit Take This Life, der die Stärken der Band wunderbar zusammenfasste. Brutale Riffs in unglaublicher Geschwindigkeit standen neben emotional tiefen melodischen Abschnitten und lassen darauf hoffen, dass die Gruppe bald wieder eine Vorarlberger Bühne beehrt.

Breakdowns mit Schottenrock

Eröffnet wurde der Konzertabend von der Metalcore-Band Bleed From Within. Ihr Herkunftsland wird vom Schottenrock des Sängers stolz nach außen getragen, während die Gruppe in ihrem kurzen, etwa 40 Minuten dauernden Set die Bühne rockt. Besonders Frontman Scott Kennedy heizt durch seine starke Bühnenpräsenz dem aufgeschlossenen Konzertpublikum ein, das seinen Aufforderungen folgt und zahlreiche Circle Pits und sogar eine Wall of Death durchzieht. Auf musikalischer Seite fällt vor allem die abwechslungsreiche Strukturierung der Songs auf, bei denen man nie weiß, wann der 2. oder auch mal der 3. Breakdown über die Hörer:innen hereinbricht. Diese und die häufig ebenfalls gescreamten Verse gewinnen sehr von der stimmlichen Wandlungsfähigkeit Kennedys, die sich durch die verschiedensten Schattierungen gutturalen Gesangs auszeichnet. Melodisch harmonisch sind die Kompositionen der Band sehr häufig von der im modernen Metal sehr beliebten phrygisch-dominanten Tonleiter geprägt, die auch oft als „arabische Skala“ bezeichnet wird. Im Chorus bietet Rhythmusgitarrist Steven Jones durch seinen Cleangesang nicht nur einen willkommenen und effektiven Kontrast, sondern auch Scott Kennedy wechselt hier und da zur anspruchsvollen Technik des „Melodic Screaming/Distorted Singing“, die passender Weise besonders durch Anders Fridén von In Flames bekannt wurde. 

Wenn Backing Tracks überhandnehmen

Die technisch überdurchschnittlich saubere Liveperformance von Bleed From Within wird sicherlich durch die astreine Leistung der Musiker bereichert, stützt sich aber zu großen Teilen auch auf einen nahezu überproduzierten Bandsound, der auch stets vom omnipräsenten Backing Track begleitet wird. Dieser dient nicht nur dazu, Intros einzuspielen, die oft aus künstlichen Streichern oder Chören bestehen, sondern er läuft konstant bei jedem Song mit und bietet zusätzliche einprogrammierte Subkicks, die ausgewählten Abschnitten noch mehr „Umpf“ verleihen sollen. Diese Praktiken sind im modernen Metal inzwischen (leider) längst keine Ausnahme mehr, aber wenn gefühlt ein Drittel des klanglichen Ergebnisses „vom Band“ und nicht mehr aus dem unmittelbaren Moment heraus entsteht, muss man sich schon die Frage stellen, ob wir unsere Ansprüche an ein Live-Konzert so weit sinken lassen sollten. Wohin diese Entwicklung führen kann, zeigt nämlich zum Beispiel Justin Bieber, dessen Set beim diesjährigen Coachella-Festival einen Teil beinhaltete, bei dem er auf der Bühne sitzend einfach seine älteren Songs von einem Laptop aus auf Youtube abspielte und dazu sang.

Nach dem Konzert

Es ist schwer verständlich, wieso keine drei Sekunden nach dem letzten Akkord beider Konzerte jeweils sofort wieder die zuvor abgespielte Playlist übernehmen muss, ohne die vergangene Live-Performance wenigstens eine halbe Minute nachklingen zu lassen. Nachdem In Flames die Bühne verlassen hatten, dröhnte von Bühne und Bar von gegenüberliegenden Seiten unterschiedliche Musik auf das Publikum ein. Schade außerdem, dass man beim Verlassen des Konzertortes über duzende zertretene Plastikbecher steigt. So etwas sollte mithilfe gängiger Pfandsysteme mittlerweile längst der Vergangenheit angehören.
Dieses Konzert bot aber auch Anlass, neben der hochkarätigen Licht- und Tontechnik die Verfügbarkeit von kostenlosem Gehörschutz an der Bar zu loben. Was für ein wertvoller Luxus das ist, merkt man leider erst, wenn man schmerzlich bereut, den eigenen nicht mitgebracht zu haben. 

Websites: 
www.inflames.com
www.bleedfromwithin.com
www.conradsohm.com/kultursommer-festival-2026

Hörtipp:
The Chosen Pessimist