Neu in den Kinos: „H wie Habicht“
Trauerarbeit mit Greifvogel: Die britische Regisseurin Philippa Lowthorpe hat die Autobiografie der Schriftstellerin und Naturforscherin Helen Macdonald für die Leinwand adaptiert. Claire Foy überzeugt in der Rolle der Wissenschaftlerin, die nach dem Tod des Vaters in der selbstgewählten Einsamkeit landet. Ein bemerkenswerter Film über die Schwierigkeit des Loslassens.
Der Universitätsdozentin Helen (Claire Foy) stehen alle Türen offen. Ihre Unterrichtsmethoden in Cambridge mögen ein wenig unkonventionell sein, aber eben deshalb begegnen ihr die Studierenden mit Respekt. Auch zu ihrer Familie hat Helen ein gutes Verhältnis, vor allem zu ihrem Vater Alisdair (Brendan Gleeson), von dem sie offensichtlich den eigenwilligen Umgang mit Verhaltensregeln übernommen hat – und eine sehr spezielle Denkweise. Alisdair arbeitet als Pressefotograf und weigert sich, in Pension zu gehen. Stattdessen geht er lieber den Dingen auf den Grund. Früher teilte Helen seine Leidenschaft für die Natur, vor allem für Greifvögel, und manchmal unternehmen die beiden noch heute einen Ausflug mit dem Fernglas. Doch dann ist der Vater plötzlich tot – und hinterlässt eine nicht mehr zu füllende Lücke in Helens Leben.
Imposante Dame
Die britische Regisseurin Philippa Lowthorpe hat den 2014 erschienenen autobiografischen Roman der Autorin und Naturforscherin Helen Macdonald in ein ruhiges, wunderschön fotografiertes Drama verwandelt. „H wie Habicht“ („H is for Hawk“) erzählt die Geschichte Helens nach dem Tod ihres Vaters: vom Versuch, den Verlust zu überwinden und den Schmerz zu verdrängen, vom Rückzug und von einer zunehmenden Vereinsamung. Und von Helens spezieller Methode, mit der Situation umzugehen, indem sie sich eine neue Mitbewohnerin zulegt: Die imposante Habichtdame bekommt den Namen Mabel. Mit der Namensgebung hat sich ihre Besitzerin lange Zeit gelassen.
Ambivalente Beziehung
Lowthorpe, die Macdonalds Autobiografie geneinsam mit der irischen Autorin Emma Donoghue („Room“) adaptiert hat, macht aus dieser bereits an sich bemerkenswerten Geschichte jedoch kein herzzerreißendes Drama, sondern wirft einen reflektierten Blick auf diese Art der Trauerbewältigung. Als Helen im Familienalbum blättert und Kinderfotos entdeckt, auf denen sie mit einem Greifvogel zu sehen ist, ist der Entschluss, sich statt des üblich Falken einen Habicht ins Haus zu holen, zwar bald gefasst, seine Umsetzung jedoch umso schwieriger. Wie viel Selbstsucht steckt in diesem Wunsch? Lowthorpe hinterfragt die ambivalente Beziehung zwischen der trauernden Tochter und dem Vogel durchaus kritisch: Denn ob das Tier seiner Besitzerin, die sich sukzessive von der Außenwelt abschottet – sowohl aufgrund der zeitintensiven Vogelpflege als auch aus mangelndem Interesse an Sozialkontakten –, tatsächlich bei der Trauerarbeit helfen kann, bleibt offen. Immer wichtiger wird Mabel in Helens Leben, die Universitätskarriere versandet schnell, und auch die Beziehung zur Mutter, zum Bruder und sogar zur besten Freundin gerät ins Schleudern. Während sie dem Greifvogel zu Hause mit einer Haube die Augen verbindet, verstellt sich Helen, ohne es zu bemerken, selbst den Blick auf das Leben. Und muss lernen, nicht nur Mabel loszulassen.
Gefühl von Freiheit
Dass Lowthorpe früher als Dokumentarfilmemacherin bei der BBC drehte, merkt man „H wie Habicht“ in seinen spektakulären Naturaufnahmen an, etwa wenn sich Mabel im Beuteflug auf die Jagd macht oder mit mächtigem Flügelschlag ein Schauspiel bietet. Doch diese Szenen stehen als Schauwert nie für sich, sondern sind stets klug in die Geschichte eingebettet. Das Gefühl von Freiheit, das Helen dabei zu empfinden meint, hat mit den natürlichen Instinkten des Vogels und seinem Verhalten nichts zu tun. Mabel zu beobachten, mag tröstlich sein, doch für ihre eigene Heilung muss Helen selbst sorgen.
ab 24.7., Cinema Dornbirn (dF)