Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Karlheinz Pichler · 21. Jul 2026 · Ausstellung

Berühren und berührt werden

Edith Hofer in der Kunstbox und James-Joyce-Passage in Feldkirch

Kunst im öffentlichen Raum hat unter anderem die Funktion, Passant:innen für einige Momente aus ihrem Alltagstrott herauszureißen und die Gehirnzellen in Bewegung zu versetzen. Der Künstlerin Edith Hofer gelingt dies derzeit in Feldkirch mit einer temporären Doppelintervention in der Kunstbox am Jahnplatz und der James-Joyce-Passage auf sensible Weise. Ihre Arbeiten artikulieren sich als visuelle Ruhepole, die den städtischen Raum in einen Ort der Kontemplation und des Nachdenkens verwandeln.

Ein Hase ruht

Zentraler Blickfang dabei ist der überdimensionale, in Zusammenarbeit mit Roland Adlassnigg und Kurator Arno Egger entstandene „meditierende“ weiße Hase in der Kunstbox. Wie zumeist in Hofers Schaffen, geht es auch hier um das Berühren und das Berührt werden. Das Motiv des Hasen übernimmt bei der Künstlerin immer wieder die Vermittlerfunktion zwischen den Welten und als kindliches Symbol. Zärtlichkeit wird hier nicht als privates Gefühl verstanden, sondern als Gegenkraft zu gesellschaftlich emotionalen Verhärtungen und Verkrustungen sowie autoritären Strukturen. Anfangs spekulierte die Künstlerin damit, das auf Styropor aufkaschierte Plüschfell des Berührens wegen außen über die Kunstbox zu stülpen. Aber die Befürchtung möglicher vandalistischer Akte ließ sie diesen Grundgedanken schnell wieder beiseite schieben. 
Für die Künstlerin besitzt der Hase auch eine tiefe persönliche und mythologische Bedeutung. Er fungiert in ihrer Kunst als eine Art Seelenbegleiter und Bindeglied zwischen bewussten und unbewussten Ebenen. Auch greift das Motiv zudem auf ein prägendes Kuscheltier aus ihrer eigenen Kindheit zurück. 
Hofer zieht weiters eine Parallele zu „Fuchur“, dem sanften, weißen, löwenähnlichen Drachen aus Michael Endes märchenhaften Roman „Die unendliche Geschichte“. Fuchur ist ein Glücksdrache, der nie die Ruhe verliert und stets auf das Glück vertraut. Auch der ruhende Hase strahlt harmonische Zufriedenheit aus. Der Hase, traditionell ein Symbol für Wachsamkeit, Sanftmut und Intuition, dient hier als Projektionsfläche. Er lädt Passant:innen auf dem täglichen Weg zur Arbeit oder beim zufälligen Vorbeispazieren dazu ein, innezuhalten, durchzuatmen und der eigenen inneren Welt Raum zu geben.

Visuelle Poesie der Farbe

Während die Kunstbox zur stillen Einkehr auffordert, bringt Edith Hofer in der James-Joyce-Passage mit ihrer Arbeit „Red Lilies“ eine farbige Dynamik in den Stadtraum. Die roten Lilien setzen einen starken, organischen Kontrapunkt zur funktionalen, bedrohlichen Architektur der Unterführung. Sie brechen die graue Tristesse des Betons auf und öffnen die Passage für eine poetische, beinahe meditative Wahrnehmungsebene. Bei den vier Bildern handelt es sich um mittelformatige Aquarelle, die auf zwei mal drei Meter aufgeblasen und auf Folie aufgezogen wurden. Es sind Blütendarstellungen, bei denen die Farben ineinanderfließen und die Konturen weich und aufgelöst wirken. Die unterschiedlichen Bewegungen der Passant:innen, die sich stets ändernden Lichtverhältnisse in der Passage und die intensive Farbgebung der Installation verschmelzen zu flüchtigen, aber prägenden Konstellationen.
Edith Hofer hat ihre beiden Installationen mit einer gedichtartigen Zauberfomel überschrieben: „Betrachte die Blumen – dein Herzschlag ruht, ein Hase schläft – der Tag wird gut“. Eine Aufforderung zur Selbstbesinnung. 
Edith Hofer beweist mit ihrer Bespielung dieser beiden Feldkircher Orte ein feines Gespür für die Bedürfnisse des urbanen Raums. Ihre Werke sind weit mehr als bloße Dekoration; sie sind soziale Skulpturen, die dazu anregen sollen, den eigenen „Panzer“ abzulegen, die Natur und Kunst im Alltag bewusst wahrzunehmen und so dem Tempo der modernen Welt vorübergehend einen Bremsklotz vorzuschieben und Momente der Achtsamkeit entgegenzusetzen.

Edith Hofer: „Mit dem Hasen meditieren“
Kunstbox am Jahnplatz und James-Joyce-Passage, Feldkirch
bis 30. August