Das Klangkollektiv Wien unter der Leitung von Rémy Ballot gastierte erstmals im Dornbirner Kulturhaus.
Darius Grimmel · 23. Jul 2026 · Musik

Vom „Kleinen Tisch“ in den „Pool“

Der Jazzpianist und Produzent Kiefer kann bereits ein „Tiny Desk Concert“ zu seinem Portfolio zählen und schloss gestern seine Europatournee mit einem gelungenen Konzert beim Poolbar-Festival ab

Kiefer gab heuer sein Debüt beim Poolbar-Festival. Es ist erst sein zweiter Auftritt in Österreich überhaupt. Der Musiker und Produzent kann schon heute im Alter von 34 Jahren stolz auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken, und sein gestriges Konzert im Trio-Format kann als starkes Zeugnis seiner musikalischen Qualität betrachtet werden.

Kiefer Shackelford kommt ursprünglich aus San Diego, begann bereits mit vier Jahren Klavier zu spielen und setzte später sein Studium in der Jazzabteilung der University of California in Los Angeles fort, nachdem er durch seinen Vater bereits sehr früh mit dieser Musikrichtung in Kontakt gekommen war. Kiefer erzählte in Feldkirch selbst die Anekdote, wie er damals mit der Übergangsphase zwischen Musikstudium und erfolgreichem Einstieg in die Musikbranche umgegangen ist:
Ihn plagten offenbar immer wieder Versagensängste, weswegen er einen unkonventionellen Ansatz wählte, nachdem er endlich einen Anruf zu einer Audition erhielt. Um sich nicht schon im Vorhinein verrückt zu machen, entschied er sich dazu, den für den Gig verantwortlichen Musiker Abraham Laboriel nicht zu googeln und sich auch nicht mit dessen Laufbahn zu beschäftigen, sondern konzentrierte sich ganz auf seine musikalische Leistung und seine Spielfreude im entscheidenden Moment. Die Probe lief gut und Kiefer wurde engagiert. Kurz danach erfuhr er aber nicht nur, dass der Bassist Abraham Laboriel einer der erfolgreichsten Studiomusiker aller Zeiten ist und im Studio von Quincy Jones Alben für Michael Jackson, Aretha Franklin und weitere eingespielt hatte, sondern auch dass diese Musikerlegende gerade 5 Minuten fußläufig von seiner Wohnung in Los Angeles wohnte. In den folgenden Monaten lud ihn Laboriel jeden Freitag zum gemeinsamen Musizieren zu sich nach Hause ein und wurde ein wichtiger Mentor für den jungen Jazzpianisten. 

Zwischen Hip-Hop-Beats und Jazz-Improvisationen

Kein Wunder also, dass Kiefer ihm eine Nummer der Setlist widmete, nämlich das Stück „Be Encouraged“. Dieses begann in der Live-Version mit einem langen Solo von Kiefer, in dem er wunderbare harmonische Bögen mit feinsinnigen melodischen Fäden umspannte und die komplexeren Akkordwechsel auch agogisch wunderbar artikulierte und nachvollziehbar machte. Seine feine Anschlagskultur könnte auf seine klassische Ausbildung in jungen Jahren zurückzuführen sein und verleiht Kiefer eine breite Palette an klanglichen Möglichkeiten, die er durch diverse Einstellungen am Keyboard auch während den Stücken stets veränderte. Nach dem Intro setzten seine beiden Mitmusiker:innen Kate Curley (Bass) und Diego Joaquin Ramirez (Drums) ein, die eine Hip-Hop-artige Zwei-Takt-Schleife wiederholen, über die Kiefer mehrere Minuten improvisiert.
Auch in anderen Stücken des Abends boten derartige Beats meistens die Grundlage für Kiefers Soloeskapaden, die aber die Klippen sinnbefreiter Virtuosität souverän umschifften und meistens fein gewürzte Umspielungen der Grundmotive waren, zuweilen um die ein oder andere gewagte harmonische Zwischenstufe bereichert. Nicht selten trat auch Schlagzeuger Ramirez aus der Begleitrolle hervor und forderte das Publikum mit kongenialen rhythmischen Verschiebungen heraus, während die Bassistin über weite Strecken die unerschütterliche Konstante bildete, die die anderen Elemente am Boden hielt. Doch auch wenn sie diese Rolle an diesem Abend nur ein einziges Mal für ein bemerkenswertes Basssolo verließ, ist ihre musikalische Qualität nicht weniger offenkundig. In einem Stück, bei dem der Bass beinahe durchgehend auf einem rhythmisierten Orgelpunkt verweilte, wechselte Kate Curley mühelos und vollkommen natürlich zwischen zwei Abschnitten vom „Behind the beat-Spielen" zum „Pushen“ des Beats. Dies bemerkte man als Zuhörer:in fast erst in Retrospektive, nachdem der Song durch das neue Timing im Bass einen echten Charakterwechsel durchlaufen hatte, ohne dass sich das grundsätzliche Tempo oder die Harmonien geändert haben. Großartig!
Diego Joaquin Ramirez bediente sich am Schlagzeug eines breiten Vokabulars und streute gerne quintolische Verschiebungen im Stil von J Dillas Beats ein, während Kiefer in mehreren Nummern subtile Reharmonisierungen des Hauptthemas vornahm, die trotzdem über der originalen Basslinie funktionierten. Kein Wunder, dass er neben seinen eigenen musikalischen Projekten auch als Produzent erfolgreich tätig war, wie etwa bei Anderson .Paaks Album „ventura“, das 2019 einen Grammy gewann. Zudem hat Kiefer vor einigen Jahren als Gast beim renommierten NPR „Tiny Desk Concert“ musizieren dürfen, das vom Prestige her heute längst an die Strahlkraft der „MTV Unplugged“-Konzerte heranreicht.

Kiefer „feels like a peaceful hand on my shoulder“

Neben Kiefers Eigenkompositionen wurden auch die beiden Covers des Abends mit begeistertem Applaus des Publikums im Alten Pool gefeiert. Neben „Everybody Loves The Sunshine“ war „Love Is Stronger Than Pride“ mit seiner gefühlvoll friedfertigen Rückkehr zum Ausgangsthema nach wilden Soli ein besonderer Genuss. Zusätzlich zu den bereits angesprochenen Hip-Hop-Elementen zeichnet sich Kiefers Musik besonders durch eine weiche, „soulige“ Note aus, die zusammen mit den Lo-Fi-Elementen dazu führt, dass von den Stücken eine konstante, ruhige Feel-Good-Atmosphäre ausgeht, ohne dabei anbiedernd, anspruchslos oder nach „Hintergrund“ zu klingen. Tatsächlich bietet der Top-Kommentar unter Kiefers Youtube-Video zum Stück „Be Encouraged“ eine schöne Zusammenfassung dieses Gefühls: „Feels like a peaceful hand on my shoulder“, schreibt dort ein User.
Die Verantwortlichen für die Programmgestaltung des Poolbar-Festivals haben mit dem Booking von Kiefer und seiner Band erneut ihren guten Ruf bestätigt, und auch der Musiker selbst ließ im kurzen Gespräch nach dem Konzert durchblicken, dass er in Feldkirch nicht nur die Zeit auf der Bühne genossen hat. Dann steht doch einer baldigen Wiederholung dieser Kombination (am besten nächstes Mal an einem Wochenende) eigentlich nichts im Wege, oder?

Kiefers neues Album „Memory Bomb“ erscheint am 25. September auf allen Streaming-Diensten, auf CD und LP.
www.kiefermusic.com
www.poolbar.at