Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Peter Füssl · 30. Dez 2024 · Musik

Vertonte Kindheitserinnerungen und psychische Ausnahmezustände im Jazzorchester-Format

Umjubelte Uraufführungen des Jazzorchester Vorarlberg & Strings feat. Philip Yaeger am Spielboden

Es ist längst zur beliebten Tradition geworden, dass das Jazzorchester Vorarlberg zwischen Weihnachten und Neujahr am Dornbirner Spielboden ein zumeist ganz und gar nicht traditionelles, neues Programm präsentiert. Dementsprechend voll war der Saal mit aufgeschlossenen Jazz-Fans, deren Erwartungen dieses Mal nicht nur erfüllt, sondern mit einem enormen Maß an kreativen, oft auch unorthodoxen kompositorischen Ideen, an perfektem orchestralem Zusammenspiel und an solistischen Highlights belohnt wurden. Kein anderer Komponist kennt diesen mittlerweile nach beinahe 20 Jahren Spielerfahrung exquisiten Klangkörper so gut wie JOV-Urgestein und -Posaunist Philip Yaeger, der für seine beiden Suite-artigen Kompositionen „Scenes From A Play“ und „Egypt Road“ die ohnehin schon vielschichtigen jazzorchestralen Sound-Möglichkeiten zusätzlich mit drei exzellenten Streicherinnen nochmals entscheidend erweitern konnte. Da war der tobende Schlussapplaus fast schon vorprogrammiert!

„Scenes of a Play“

Bei der ersten, fast eine Stunde dauernden Langkomposition handelte es sich um die erstmals auf die Bühne gebrachte, konzertante Fassung des Jazz-meets-Literatur-Projekts „Petit Mal“ mit der aus Hohenems stammenden Literatin Carolyn Amann, das im Rahmen der dortigen Literaturtage 2023 uraufgeführt wurde. Im damals von der Sprachkünstlerin selbst rezitierten Text geht es um eine spezielle epileptische Anfallsform mit kurzen Absencen („Petit Mal“), aber auch um Wahrnehmungsstörungen und fortlaufenden Gedächtnisverlust. „Phil und ich haben versucht, ‚Petit Mal‘ gemeinsam zu entwickeln und uns durch stetigen Austausch gegenseitig zu beeinflussen und zu inspirieren. Wir haben uns dabei einer filmischen Sprache bedient und die Handlung in einzelne Bilder übersetzt. (...) Die Musik erzählt und stellt zugleich dar. Wir haben ein Bild, in dem es zu einem epileptischen Anfall kommt. Die Musik baut sich fortlaufend auf, gleich einer Gewitterwolke, bis hin zu einer gewaltigen Wetterfront – einer Wand. Dann bricht ein Sturm aus, ein elektrischer Sturm im Gehirn, Neuronen feuern und entladen sich. Das Orchester ist dieser Sturm“, erzählte damals die Autorin in einem KULTUR-Interview und schildert damit eine der eindrucksvollsten Schlüsselpassagen („Halo“) dieses imposanten Werks.

In Kombination mit dem Text dürfte Yaegers Musik vielleicht etwas Soundtrack-artiger gewirkt haben, aber auch ganz ohne Worte lösen die sechs, ob ihrer unkonventionellen Arrangements und außergewöhnlichen Instrumentenkombinationen eindrucksvollen Szenen den berühmten Film im eigenen Kopf aus. So startete „Scene 1 – Crepuscule“ mit einem wundervollen French Horn-Solo von Christoph Ellensohn, auf das die Querflöten von Martin Franz und Andreas Broger prallten, woraus sich ein Klanggemälde mit wechselnden Akteuren entspann, ehe das exzellente Rhythmus-Gespann mit Tobias Vedovelli am Bass und Christian Eberle an den Drums gemeinsam mit Benny Omerzell an den Keyboards eine satt groovende Passage einleitete. Martin Eberle übernahm mit einem geschickt aufgebauten, emotionalen Trompeten-Solo die Lead-Funktion, ließ sein Instrument förmlich explodieren und brachte das ganze nunmehr heftig rockende Orchester zum Glühen, bis das musikalische Geschehen schließlich wieder in ruhigeren Gewässern verebbte. Philip Yaeger hat schon in den ersten zehn Minuten mehr kreative Ideen verbraten, als manch andere in einem ganzen Konzert.

Aber er hatte sein Pulver längst nicht verschossen, denn es ging in diesem unkonventionellen Tonfall weiter. In „Scene 2 – Ich bin Ich 1“ duellierten sich die Posaunen mit dem E-Bass und Streicherschmelz legte sich über eine schräg-abgehackte Rattermaschinerie. Ein exzellentes Tuba-Solo Thomas Halfers eröffnete „Scene 3 – Körpergedächtnis“, das von den Bläsern in ein großorchestrales Stück voller Bop-Energie und dramatischer Tutti-Passagen überführt wurde und in einem energischen Sax-Solo von Martin Franz gipfelte. In „Scene 4 – Ich bin Ich 2“ startete der Komponist höchstpersönlich mit einem erstklassigen Posaunensolo eine zügig rockende Funk-Passage, die mit dem darübergelegten, verlangsamten Streicher-Sound auf interessante Weise schräg wirkte. „Scene 5 – Verunsicherung“ klang anfangs Latin-artig, stellte Andreas Broger am Tenor-Sax ins Rampenlicht und endete mit disparat wirkenden Tönen. Diese Stimmung wurde in „Scene 6 – Halo“ mit den reinen Atemgeräuschen der Blechbläser fortgesetzt, über die sich irrlichternde Streicher-Sounds und heftig Trommelschläge legten, was sich zu höchst dramatischen Orchester-Passagen aufbaute, die schließlich von Benny Omerzell – mal in einer ungewohnten Rolle – mit einem heftig gegeneinander geschlagenen Beckenpaar effektvoll aufgelöst wurden. Phil Yaeger meinte darauf schmunzelnd, dass man mit solch gewaltigen Tönen ein Publikum nicht in die Pause entlassen könne und schickte noch eine „etwas versöhnlichere Coda“ nach.

Welch eine musikalisch reichhaltige Komposition! Wie abwechslungsreich und mit Ideen gespickt! Dabei gab es die eigentliche, dem Programm den Namen gebende Uraufführung erst nach der Pause zu hören.

„Egypt Road“

Zur fünfteiligen Suite „Egypt Road“ ließ sich Philip Yaeger von den Erinnerungen an ein kleines Dorf in North-Maine inspirieren, wo er als Sohn einer musikalischen Bauernfamilie seine Kindheit verbrachte. Die sieben, acht Meilen lange, gut gepflegte, von Bauernhäusern gesäumte „Egypt Road“, die sich aus dem Dorf hinaus ins unbestimmte Umland erstreckte, war damals sein Universum, auch wenn er enttäuscht gewesen sei, dass sie nicht wirklich nach Ägypten führte. Jeden Teil leitete der Komponist mit einem melodiösen, englischgesprochenen Text ein. In „June Morning“ schilderte er Gebäude und Bäume, die Gerüche, die man roch und wie die Sonne am tiefblauen Himmel den Tag erhellte. Die gezupften Saiteninstrumente entwickelten eine folkige Atmosphäre voller Stimmungen und Gefühle, die Orchesterarrangements wirkten bald so bunt wie die gesprochenen Schilderungen. Phil Yaeger begeisterte mit einem emotionalen Solo, Isabella Lingg leitete mit einem intensiven Altsax-Solo in nahezu hymnische Orchesterpassagen über. In „January Dusk“ wurden nicht weniger farbenreich ein Sonnenuntergang in der verschneiten Winterlandschaft und die beißende Kälte musikalisch umgesetzt, hier konnte Martin Eberle abermals mit dem Variantenreichtum seines Trompetenspiels begeistern, das mit Growl-Effekten in groovende Gefilde entführte.

"Church was a fact of life“, leitet Yaeger den mit „Eva“ betitelten, dritten Teil der Suite ein, eine mitreißende Hommage an die gleichnamige Kirchenpianistin. Sie habe niemals etwas zweimal gleich gespielt „and she swang hard. Her playing was a kind of spirituality I could understand”. Diese Erinnerungen setzte Benny Omerzell am Flügel mit Gospel- und Soul-infizierten Tastenzaubereien genial in Szene – ein längeres und heftig beklatschtes Solo, wobei man nicht übersehen darf, dass seine praktisch permanente, Emotionen und Stimmungen evozierende, unglaublich versierte Keyboard-Arbeit für das Klangbild des Orchesters generell von grundlegender Bedeutung ist. Ein Sax-Solo von Martin Franz schlug in dieselbe Kerbe, ehe heftige Orchester-Tutti und Piano-Swing reizvoll in Kontrast traten. Yaeger erinnerte sich aber auch an weniger Erfreuliches, etwa wie er in freier Natur eine Chemiemüll-Deponie mit Abfällen aus der Landwirtschaft gefunden habe – und man ihn beruhigte, dass das etwas ganz Normales sei. „Poisoned wells, fire and flood“ begeistert mit einem exzellenten Kontrabass-Solo von Tobias Vedovelli und mit dem enormen funky Drive, den das Stück entwickelte, bis Omerzell wiederum mit dem bereits erwähnten Beckenpaar markante Schlusspunkte setzte.

„When We’re Gone“ hieß schließlich das finale Stück der Suite. Er habe die Egypt Road vor einigen Monaten wieder besucht, die nun uneben und rissig sei, die Häuser seien desolat, einige sogar eingestürzt, und der wuchernde Wald hole sich immer mehr Raum zurück. Die älteren Bewohner seien großteils verstorben, viele jünger seien weggezogen. „Aber Orte wie dieser haben ältere Seelen als wir wissen, und er wird eines Tages wieder blühen – vielleicht mit uns, vielleicht nicht. Das ist Musik des Optimismus, Musik, die sagt: Wir sehen nur einen Teil des Ganzen und sehen ihn undeutlich noch dazu. Wir müssen nicht die Last von dem tragen, was wir nicht ändern können. Das ist Musik der Erde, Roots Music in jedem Sinn, Soul Music der Wälder und Felder und der Menschen, die einmal hier waren. Musik von jemandem, der weit gewandert ist, diesen Ort aber immer noch in sich trägt.“ – Phil Yaegers Worten auf der Homepage entsprach auch die versöhnliche Atmosphäre des letzten Stückes, ein pastorales Klanggemälde, dem der nun von Yaeger gesungene Text eine herzerwärmende melancholische Note verlieh.       

Porgy&Bess-Stageband zum 20 Jahre-Jubiläum

Das Jazzorchester Vorarlberg geht mit großen Schritten seinem 20-Jahre-Jubiläum entgegen, und wird in der Saison Herbst 2025/Frühjahr 2026 als Stageband des renommierten Wiener Jazzclubs Porgy & Bess monatlich ein Konzert geben – zehn insgesamt. Zugleich wird die Frequenz der Auftritte am Spielboden ebenfalls erhöht, was ein Konzert alle drei Monate bedeuten wird. Das Orchester befindet sich in einer exzellenten Form – da steht also ein ganz besonderes Geschenk für die Fans orchestraler Jazz-Musik ins Haus. Und für die äußerst spielfreudige JOV-Crew sowieso!

JOV & Strings play Philip Yaeger
Fr, 3.1.2025, Porgy & Bess, Wien

JOV „Sonus Variegata“
Do, 27.2.2025, Festival jazzambach, Götzis

www.jov.at