Vaterland (Foto: Agata Grzybowska)
Silvia Thurner · 31. Dez 2024 · Musik

Mit Enthusiasmus Großes geschaffen

Das Konzertmotto „Vibrantvoices“ ging voll auf

Der Vorarlberger Landesjugendchor „Voices“ ist in mehrerlei Hinsicht ein Phänomen. Auf die Einladung zum diesjährigen Konzert war der Zuspruch so groß, dass zweimal die Kulturbühne AmBach und der Angelika Kauffmann Saal in Schwarzenberg bis auf den letzten Platz besetzt waren. Die etwa 100 Sänger:innen, davon 10 Debütant:innen, zogen mit ihrer energiegeladenen Ausdrucksweise die Zuhörenden in ihren Bann. „Voices“ überzeugte mit der Werkauswahl, der Klangbalance sowie Artikulation und einer ausgeklügelten musikalischen Dynamik. Viele Talente sind im Laufe der vergangenen Jahre aus dem Chor hervorgegangen. Jakob Peböck war seit Langem als begeisterter Sänger dabei. Nun übernahm er die Chorleitung und erntete großen Jubel für sein souveränes Dirigat. Vier Chormitglieder gründeten das Vokalensemble „Fourmation“ und begeisterten mit ihren Darbietungen. Sara Hörburgers Choreografien setzten einigen Werkdeutungen die Krone auf.

Mit dem italienischen Hochzeitslied „Ta na solbici“ von Samo Vovk eröffnete der Chor den vielgestaltigen Abend und kristallisierte dabei sogleich seine Qualitäten heraus: Kraftvolle Phrasierungsbögen und rhythmische Akzente wurden mit einer transparenten Stimmenauffächerung in den Raum gestellt. Sogleich war damit der Bann zwischen dem großen Chor auf der Bühne und dem Publikum im Angelika Kauffmann Saal gebrochen und die Zustimmung groß.

Hervorragende Klangkultur

Der Dornbirner Sänger und Dirigent Jakob Peböck leitete die Chormitglieder mit markanter sowie aussagekräftiger Gestik und agierte dabei motivierend und stilsicher. Dass er und die Sänger:innen auf einer „Wellenlänge“ zusammenwirken, war offensichtlich und in allen Werkdeutungen erfahrbar.

Ein homogener Chorklang zeichnete auch die Interpretation des berühmten Werkes „Bogoroditse Devo“ von Sergej Rachmaninoff aus. Besonders die schön geformten Crescendi wirkten in sich ruhend. Spannungsgeladene Wellenbewegungen, die der Chor als klangliches Kontinuum mit ausgeklügelten chromatischen Linienführungen modulierte, lenkten die Aufmerksamkeit im Traditional „Wade in the water“ auf sich. Das polyphone Klanggewebe entfaltete der Chor in „O Vos Omnes“ von Carlo Gesualdo transparent.

Den Höhepunkt des Abends setzte der Landesjugendchor mit dem Werk „Mironczarnia“ von Jakub Neske. Das Spiel mit rhythmischen Patterns, das in polnischer Sprache rezitierte Gedicht von Miron Białoszewski und die beziehungsreich dazu gesetzten melodischen Linien, die ausdrucksstarken Sopranstimmen in hohen Lagen sowie die stringente Choreografie von Sara Hörburger hinterließen einen großen Eindruck. 

Wirkungsvoll bezog „Voices“ unter anderem in „Öhtul“ von Pärt Uusberg den ganzen Raum mit ein und nahm das Publikum in ihre Mitte. Dass jedoch eine überbordende Choreografie mehr Unruhe als Energie in eine Werkdeutung bringen kann, war in „Armottoman Osa“ von Mia Makaroff zu bemerken. 

Frauen- und Männerchor

Für Abwechslung sorgte der Landesjugendchor, indem die Chorfrauen und die Chormänner mit eigenen Darbietungen aufwarteten. Auf diese Weise wurde ein amüsanter „Wettstreit“ ausgetragen. Einen romantischen Touch verlieh der Männerchor, dirigiert von Christoph Hartmann, Robert Prachts Lied „Das Morgenrot“. Dem gegenüber heizten die Frauen mit ausgeklügelter Bodypercussion in Alexandra Olsavskys Song „What happens when a woman takes power“ gehörig ein. Viel Elan verströmte die Darbietung „I’m gonna live“ von Al Hoffman, Walter Kent & Mann Curtis wiederum vorgetragen vom Männerchor. Demgegenüber wirkte das vom Frauenchor gesungene schwedische Lied „Hvem Styrade hit din vög“ von Mia Makaroff etwas blass.

Herausragende Persönlichkeiten in den eigenen Reihen

Christoph Hartmann und Julia Schelling wechselten wie im vergangenen Jahr wieder die Seiten und beeindruckten als Chordirigent bzw. Chordirigentin. Überdies sang der Landesjugendchor zwei Arrangements von Julia Schelling. Besonders in „That don’t impress me much“ kamen klangliche Variantenbildungen, farbenreich proportionierte Vokalisen und rhythmische Artikulationen hervorragend zur Geltung.

Aus dem Landesjugendchor formierte sich mit dem Barbershopquartett „Five Gold Rings“ bereits einmal ein Vokalensemble, das inzwischen seinen eigenen Weg gefunden hat. Nun bereicherte das kürzlich gegründete Vokalquartett „Fourmation“ mit Julia Schelling, Julia Kaufmann, Ralf Gisinger und Jakob Egle das Konzert des Landesjugendchores. Mit großer musikalischer Übereinstimmung wirkte das Vokalensemble zusammen. Besonders in Erinnerung blieb der Song „What was I made for“ im Arrangement von Julia Schelling. 

Der Landesjugendchor hat sich im vergangenen Jahr verjüngt, weil zahlreiche langjährige Mitglieder „aus Altersgründen“ ausgeschieden sind. Dennoch steht der Chor auf sehr starken Beinen. Das stellten die engagiert agierenden Sänger:innen und der neue Chorleiter Jakob Peböck eindrucksvoll unter Beweis. Sympathisch führte das Moderatorenduo Lea Gratzer und Moritz Schöbi durch das Programm. Auf der Bühne und im Saal herrschte eine enthusiastische Atmosphäre und am Ende hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Für die Standing Ovations und den stürmischen Jubel bedankten sich die „Voicler“ mit dem empfindsam gesungenen Montafoner Lied „Brunälla“ von Bruno Wiederin.