Neu in den Kinos: „Teaches of Peaches" Musikdoku des gebürtigen Vorarlbergers Philipp Fussenegger (Foto: Avanti Media Fiction)
Peter Füssl · 26. Mai 2023 · Literatur

Verena Roßbacher-Lesung: Voller Witz und Esprit

„Ich musste beim Lesen laut lachen“ – diesen Satz hört man regelmäßig, wenn es um die gemachten Leseerfahrungen zu Verena Roßbachers „Mon Chéri und unsere demolierten Seelen“ geht. Wirklich witzige Literatur auf hohem Niveau ist selten geworden, dabei würde in dieser chaotisch-verzweifelten Welt verständlicherweise ein großer Bedarf danach bestehen. Kein Wunder also, dass die Dornbirner Stadtbibliothek, die in Kooperation mit der Vorarlberger Lehrer:nnen Initiative und der Unabhängigen Bildungsgewerkschaft die in Berlin lebende gebürtige Bludenzerin zur Präsentation ihres mit dem „Österreichischen Buchpreis 2022“ ausgezeichneten vierten Romans eingeladen hatte, gut besucht war.

Witzige Romanheldin ...

Verena Roßbacher hat zum ersten Mal einen aus der Perspektive einer Frau erzählten Roman geschrieben: Charly Benz ist 43 Jahre alt und lebt in Berlin – das trifft auch auf die erfolgreiche Autorin zu, aber hier dürften die Gemeinsamkeiten wohl auch schon wieder aufhören. Denn Charly Benz hat mehrere erfolglose Studien abgebrochen, ist Langzeitsingle, ernährt sich trotz ihres Jobs als PR-Arbeiterin für eine alternative Vegane-Food-Company vorwiegend von Junk-Food, ist Kettenraucherin, liebt Bibi Blocksberg-Kassetten und leidet unter der Phobie, ihre Post zu öffnen. „Ja, das war das Problem, ich musste immer alles alleine machen, Essen kochen und Musik machen, mich vor meiner Post fürchten, einfach alles. Ich seufzte. So wie es aussah, würde ich auch meine Kinder in Eigenregie zeugen müssen, sollte ich je welche haben wollen. Ich musste mir eingestehen: Die Zeit arbeitete gegen mich.“ So lautet der nüchterne Befund der Protagonistin zum Status quo ihrer desolaten Lebensverhältnisse, die sich so überhaupt nicht mit den in Lifestyle-Magazinen propagierten, hippen Lebensformen in Einklang bringen lassen. Die durchaus verunsicherte Charly Benz versinkt aber keineswegs in Frustration und Selbstmitleid, sondern begegnet allen Problemen und Unwägbarkeiten mit humorvollem Optimismus, unkonventioneller Offenheit und viel Selbstironie. Es ist ein großes Vergnügen, ihren zumeist reichlich schrägen Gedankengängen zu folgen, sich darüber zu wundern, wie Pläne völlig in die Hose gehen können und sich daraus dann doch Zukunftsträchtiges entwickelt, wie sie von der Einzelgängerin zur zentralen Figur eines sehr speziellen Beziehungsgeflechts mit drei Männern (und potentiellen Vätern) und einem in außergewöhnlicher Freundschaft verbundenen Ersatzvater wird.

... ungewöhnlich präsentiert

Diese sympathisch-schräge Romanfigur nicht in einer weihevollen Lesung mit anschließender Fragestunde zu präsentieren, sondern in einem witzigen Gespräch mit Frauke Kühn, der Leiterin des in Hohenems im Entstehen begriffenen Literaturhauses Vorarlberg, entpuppte sich als hervorragende Idee. Denn ebenso wie der Romanheldin scheint auch den wohl freundschaftlich verbundenen Frauen durchaus der Schalk im Nacken zu sitzen, wie sich aus zahlreichen Anekdoten und Zitaten aus dem wechselseitigen Mailverkehr der beiden schließen ließ. So erfuhr man durchaus Interessantes zur Entstehung des Romans oder zur schriftstellerischen Arbeitsweise Verena Roßbachers, die etwa damit verblüffte, dass sie ihre Romane nicht von vornherein fertig konzipiert, sondern über weite Strecken unterschiedliche Entwicklungen in der Handlung und in der Entfaltung der Romanheld:innen offen lässt, was mitunter zu auch für die Autorin überraschenden Resultaten führt. So sei sie bei Charly Benz von deren Großzügigkeit und Langmut überrascht gewesen, und was sie alles mit ihrer Heiterkeit hinkriegt. Auch dass eine Geburt vorkommt, sei am Anfang des Romans nicht vorgesehen gewesen. Dass dereinst einer von Roßbachers Gymnasialprofessoren einen ihrer Aufsätze mit der Note 4 und dem Hinweis „Zuviel Phantasie“ bewertete, war ein viel belachtes Bonmot.

Humor als zentrales Element

Natürlich wurde auch ausführlich über den Humor gesprochen, ein zentrales Element in den Romanen Verena Roßbachers. Sie sieht Humor als eine grundsätzliche Möglichkeit, mit der Welt umzugehen, als eine Art Lebenshaltung, die es in der Literatur auf den Punkt zu bringen gilt. Allerdings funktioniere „nur lustig“ gar nicht, es brauche den Kontrast, die Tragik, um die notwendige Fallhöhe herzustellen. Bei der Auswahl der vorgelesenen – eigentlich in sympathischer Theatralik vorgespielten – Szenen, konzentrierte sich die Autorin dann allerdings bewusst auf wirklich lustige, teils Slapstick-artige Passagen und sparte die traurigen bzw. ernsthafteren Handlungsstränge aus. Denn es geht in diesem Buch auch um die unkonventionelle Entwicklung einer ganz speziellen Freundschaft im Angesicht einer vorhersehbar tödlich endenden Krankheit – aber auch ums Gegenteil, um die Entstehung neuen Lebens und neuer sozialer Lebensformen.
Im witzigen Prolog um Sex, Träume, Aufs-Klo-Gehen und Peter Handke wird bereits der sich durch den ganzen Roman ziehende selbstironische Klang angeschlagen, und der Warnung an die potentiellen Leser:innen, Erwartungen könnten enttäuscht werden, man möge den Roman doch besser nicht kaufen, werden wohl nur die wenigsten nachkommen.
Dann sprang Roßbacher zum 12. Kapitel, in dem es um eine geschenkte Familienaufstellung geht, an der die Protagonistin nur widerwillig teilnimmt – und die dann doch ihr Leben völlig umkrempelt. In weiteren Passagen werden jene drei, höchst unterschiedlichen Männer vorgestellt, die sich unvermittelt gleichzeitig als Liebhaber in Charlys Leben eingeschlichen haben, sodass sie schließlich nicht weiß, von welchem sie schwanger ist. Dass einer davon Dragaschnig heißt, lasse allerdings nur in Vorarlberg alle im Publikum wissend nicken und habe nichts mit dem bekannten Theatermacher Hubert Dragaschnig zu tun, lässt die Autorin lachend wissen – allein der Name sei halt unglaublich gut. Ein gemeinsamer Abend, an dem Charly Benz die Männer mit ihrer potentiellen Vaterschaft konfrontieren will, artet stattdessen zu einem sinnenfrohen Ukulele-Abend aus. Schließlich gelingt es Charly aber auf verblüffende Weise, das Überangebot an Vätern in ein sehr groß gedachtes, utopisch wirkendes Familienkonzept einzuordnen. Sie selbst lebe aber im traditionellen Konzept der Kleinfamilie, erwähnte Rossbacher – vielleicht um vorzubeugen, dass jemand eine größere autobiographische Übereinstimmung zwischen Autorin und Protagonistin annimmt.
Viele Lacher erntete auch jene Textpassage, in der Charly Benz wortreich und tiefschürfend Überlegungen dazu anstellt, welche Unterwäsche – Stringtanga, klassischen Slip – frau bei einem wichtigen Date mit einem potentiellen Lover tragen sollte. Am besten gar keine, lautet das Resümee, aber das wirft dann wieder das Problem auf, dass es höchst peinlich wäre, wenn man unterwegs einen Unfall hätte.

Österreichischer Buchpreis

Dass sie den Österreichischen Buchpreis 2022 erhalten habe, obwohl Robert Menasse allerorts als haushoher Favorit gehandelt worden war, habe sie selber sehr überrascht, zumal sie bislang immer auf irgendwelchen Listen gestanden sei, aber nie etwas gewonnen hatte. Auflage und Nachfrage hätten sich dadurch total verändert und die Gespräche um Hörbuch- und Taschenbuchausgabe an Fahrt aufgenommen. Das sei alles sehr zeitaufwändig, und sie komme sehr wenig zum Schreiben. Deshalb könne sie nicht sagen, ob sie den ungefähren Vierjahres-Rhythmus der bisherigen Romanveröffentlichungen – „Verlangen nach Drachen“ (2009), „Schwätzen und Schlachten“ (2014), „Ich war Diener im Hause Hobbs“ (2018), „Mon Chérie und unsere demolierten Seelen“ (2022) – beibehalten könne.
Soll man jetzt als Roßbacher-Fan angesichts der längeren Wartezeit auf den nächsten Roman bedauern, dass sie den Preis bekommen hat? Aber die Juror:innen konnte wohl gar nicht anders, wie der Jurybegründung für den Österreichischen Buchpreis zu entnehmen ist: „Das also ist die Romanheldin! Eine desolat-komische Frauenfigur und damit literaturgeschichtlich eine Rarität. Denn komische Frauen haben es schwer bei der Leserschaft. Verena Roßbacher ist es gelungen, mit ihrer Charly Benz nicht nur eine Figur zu schaffen, die man nie mehr vergisst. Sie gesteht ihr auch eine geradezu unglaubliche Persönlichkeitsentwicklung zu. Aus der schrulligen Außenseiterin mit einem Faible für Werbeclips aus den neunziger Jahren (Mon Chéri!) wird im Verlauf dieses rasant lustigen Romans eine Vorreiterin alternativer Lebens- und Liebesmodelle. Nicht nur gibt es auf einmal drei potenzielle Väter für ein Baby. Auch wird ein schwerkranker Mann angstfrei in den Tod begleitet. ‚Mon Chéri und unsere demolierten Seelen‘ erzählt eine Geschichte vom Loslassen. Zwischendrin gibt es Slapstick vom Feinsten. Lustige Frauen, das lernen wir mit Verena Roßbacher, sind einfach unwiderstehlich!“
Dem kann man nur vollinhaltlich zustimmen. Aber Verena Roßbacher schreibt nicht nur exzellent, sondern sie kann auch einen Leseabend zum Ereignis werden lassen, wie dies in der Dornbirner Stadtbibliothek im Zusammenspiel mit Frauke Kühne geschehen ist.

Weitere Lesetermine von Verena Roßbacher: „Mon Chéri und unsere demolierten Seelen“
4.6., 10.30 Uhr, Gargellen, Auditorium 1454
5.7., 20 Uhr, Krumbach, Pfarrsaal
7.7., 19.30 Uhr, Wangen, Stadtbücherei im Kornhaus
15.7., 15 Uhr  Oberlech, Hotel Sonneburg
12.9., 20 Uhr, Bludenz, allerArt – Remise
27.9., 19 Uhr, Sonthofen, Stadtbücherei