Neu in den Kinos: „Teaches of Peaches" Musikdoku des gebürtigen Vorarlbergers Philipp Fussenegger (Foto: Avanti Media Fiction)
Michael Löbl · 04. Mär 2023 · Musik

Uraufführung des „Zaunkönig“ in Lustenau

Ein ungewöhnliches Konzert fand am Donnerstagabend im Rahmen der Abonnementreihe „Lustenauer Konzerte“ statt. Im Mittelpunkt standen zwei Uraufführungen des 1994 in Bregenz geborenen Komponisten Felix Bernhard Huber. Wer bei dem Wort Uraufführung an Musik von Herbert Willi, Gerald Futscher oder Michael Floredo denkt, gespielt von Ensembles wie PulsArt oder dem Ensemble plus - nein, das hier ist etwas ganz anderes. Felix B. Huber schreibt Musik im Retro-Stil, akustisch beißt und zwickt da nichts und der überwiegende Teil des Publikums wird seine Musik mit dem Attribut „schön“ charakterisieren. Eine Zuschreibung, auf die viele zeitgenössische Komponisten ein Leben lang verzichten müssen.

Bei den beiden Uraufführungen handelte es sich um ein viersätziges Trompetenkonzert, inspiriert durch die Städte St. Petersburg, Wien, Berlin und London sowie den „Zaunkönig", ein vertontes Märchen der Gebrüder Grimm für Sprecher, Klavier und Kammerorchester. Zu beidem gibt es sehr gelungene, naturalistische Zeichnungen des oberösterreichischen Grafikers Anton Schmid, die auf einer Leinwand hinter dem Orchester zu sehen waren. Huber ist zwar ein gängiger Name, aber dass so viele namensgleiche Komponisten international bekannt geworden sind, ist schon ungewöhnlich: Klaus, Rupert, Alfred, Nicolaus – und es gibt noch weitere. Nun reiht sich auch Felix Bernhard in diese Liste ein, wobei sich seine Musik von den Kollegen deutlich unterscheidet. Felix B. Huber schreibt im Stil von Filmmusik, große Namen wie Nino Rota oder John Williams fallen einem sofort ein. Aber auch Mozart, Tschaikowsky oder Schostakowitsch glaubt man immer wieder zu erkennen. Das sind ja keine schlechten Referenzen, und in dieser Art zu komponieren kann nicht ganz falsch sein. Ist es auch nicht, und über die musikalische Begabung von Felix B. Huber gibt es keinerlei Zweifel. Die Melodien sind eingängig, die Musik kann Stimmungen und Emotionen transportieren und ist sehr gut instrumentiert. Die Gefahr besteht nur darin, dass man die Inspirationsquellen zu dominant heraushört und die eigene musikalische Sprache in den Hintergrund rückt.

Hoher Marktwert

Dabei hätte das Trompetenkonzert einen hohen Marktwert, ein weiteres Konzert mit Kammerorchester neben den ständig gespielten Standardwerken von Haydn und Hummel wäre doch ein Geschenk für jeden Trompetensolisten. Hubers Stück ist da schon nahe dran, bietet mit schönen Melodien, kantablen Soli aber auch Virtuosität und Spitzentönen eine lohnende Aufgabe für jeden guten Trompeter und hat eigentlich alles, was man von einem Solokonzert erwartet. Leider gibt es auch Kritik. Alle Satzschlüsse sind vollkommen verschenkt und enden so, als hätte ein Windstoß die Noten der Musiker vom Pult geweht. Während die Zuordnungen der Städte Berlin und London – inspiriert durch Richard Wagner und Georg Friedrich Händel (hier muss der Solist auf die Piccolotrompete wechseln!) – noch gut nachvollziehbar sind, ist das bei St. Petersburg und insbesondere bei Wien nicht wirklich der Fall. Und die originelle Orchesterbesetzung mit Streichern und drei Hörnern könnte in der Praxis zu Problemen führen, wenn ein Veranstalter für ein einziges Stück einen dritten Hornisten verpflichten und bezahlen muss.

Kinder oder Erwachsene?

Felix B. Huber, selbst ausgebildeter Trompeter, hat dieses Stück seinem ehemaligen Lehrer Jürgen Ellensohn „auf den Leib geschrieben" und dieser hat das – wie nicht anders zu erwarten – souverän, mit leuchtendem, großem Ton, wunderbarer Phrasierung und brillanter Höhe im letzten Satz erfolgreich uraufgeführt. Märchen und Sagen üben auf Felix B. Huber eine besondere Anziehungskraft aus. Bereits vor zwei Jahren hat er mit „Rumpel" das Grimm’sche Märchen von Rumpelstilzchen vertont. Die sehr stimmungsvolle und atmosphärische Musik mit Anklängen an das Mozart-Requiem oder John Williams' „Harry Potter“. Beim „Zaunkönig“ vermisst man diese Atmosphäre, die Musik ist leicht, unkompliziert aber auch ein bisschen kindlich und einfach gestrickt. Man hört erstaunlich wenig Verbindung zum Text, wobei es sich beim „Zaunkönig“ sicherlich nicht um das stärkste Märchen der Gebrüder Grimm handelt. Irgendwie fehlt sowohl dieser Geschichte als auch der Musik eine Pointe. Und was auch nicht klar erkennbar war – ist dieses Stück jetzt eher für Kinder oder für Erwachsene gedacht? Michael Köhlmeier als Sprecher des von ihm bearbeiteten Textes, Yunus Kaya am Flügel und die Sinfonietta Vorarlberg ohne Dirigenten machten ihre Sache ausgezeichnet und wurden vom Publikum dafür vollkommen zu Recht gefeiert.

Dvoraks Meisterwerk

Der erste Teil des Konzertes diente in erster Linie dazu, das Programm auf eine normale Konzertlänge zu bringen. Die wunderschöne Streicherserenade op. 22 von Antonin Dvorak wird zwar durch Kammerorchester aller Art arg strapaziert, bleibt aber ein Meisterwerk. Vor allem wegen der zahlreichen hohen Stellen im Part der ersten Geigen ist es allerdings gar nicht einfach zu realisieren. Die Sinfonietta Vorarlberg, eigentlich eher als Partner von Chören oder durch Opernproduktionen bekannt, hat diese anspruchsvolle Aufgabe gut gemeistert. Es wurde ohne Dirigenten gespielt, Konzertmeister Harald Winkler machte das aber durch seine raumgreifende Körpersprache mehr als wett. Eine zusätzliche erste Violine und ein drittes Cello hätten dem Sound vermutlich noch mehr Volumen gegeben. Das anschließende, etwas seltsam platzierte Adagio aus dem Streichquintett von Anton Bruckner in der ungewöhnlichen Tonart Ges-Dur, war dann die Überleitung zum zweiten Teil mit Musik von Felix Bernhard Huber. Zwei Tipps an den Veranstalter: Künstler wie F.B. Huber und A. Schmid brauchen unbedingt einen erfahrenen Moderator, der die spontanen verbalen Ausbrüche der beiden auf der Bühne in geregelte Bahnen lenkt. Und durch die Angabe der einzelnen Sätze der Dvorak-Serenade im Programmheft hätte man sich das lästige Dazwischenklatschen des Publikums vermutlich erspart.

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