Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Michael Löbl · 03. Mär 2023 · Musik

Dramaturgie der Nähe

Die Montforter Zwischentöne intensivieren ihre Kooperation mit der Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik und wollen auch das Publikum noch enger mit dem Festival verbinden. Im Pressegespräch in der Stella geben die Festivalleiter Hans-Joachim Gögl und Folkert Uhde sowie Peter Schmid und Augustin Wiedemann aus dem Leitungsteam der Hochschule Stella Einblicke in die Festivalvorbereitungen für den kommenden Herbst.

Hans-Joachim Gögl: "Was wir nie sein wollten, ist ein "Helikopterfestival". Berühmte internationale Kulturschaffende fliegen für eine Veranstaltung ein, treten auf und reisen wieder ab. Das kann zwar toll sein, man entwickelt aber überhaupt keinen Bezug zum Publikum oder zur lokalen Kulturszene. Wir wollen heimische und internationale Kulturschaffende in Verbindung bringen, wir wollen neue Räume in der Stadt finden und bespielen. Wir nennen das eine "Dramaturgie der Nähe" und glauben, dass das der zentrale Weg ist, um eine nachhaltige Kulturinstitution aufzubauen. Ein lebendiges Netzwerk schafft ein Miteinander, wodurch das Publikum viel enger mit dem Festival verbunden ist. Für diesen Herbst wollen wir die Themen Kontakt und Beziehung nochmals intensivieren. Noch weiter weg von einer Konsumveranstaltung, hin zur Utopie eines Festivals, das die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt. Daraus ist die Idee des Zwischentöne Kolabors entstanden. Wir laden das Publikum ein, mit uns gemeinsam neue Formate zu entwickeln. Unser Thema für 2023 ist 'Was trägt?'. Wir arbeiten ja immer mit Verben und angesichts der derzeitigen Multi-Probleme ist die Frage naheliegend: Was trägt eigentlich, wenn der Boden schwankt, worauf kann man sich verlassen? Wir haben nun das Publikum eingeladen, im Rahmen eines zweitägigen Workshops ein Format zu diesem Thema zu entwickeln, das dann im Rahmen des Festivals aufgeführt wird. Ausgangspunkt ist das Buch "Glücksversuche" der deutschen Autorin Ariadne von Schirach. Ende März wollen wir dieses Thema gemeinsam mit ihr und den Teilnehmern aus dem Publikum vertiefen. Die Anmeldungen dazu sind überraschend zahlreich, die Teilnehmer kommen u.a. aus Winterthur und aus Wien."

 Erweiterte Kooperationsmöglichkeiten

Folkert Uhde: "Ja, ich glaube Prozesse sind ganz unser Ding. Das bringt mich zum Thema Hugo, dem internationalen Wettbewerb für neue Konzertformate, einer immer noch einzigartigen Veranstaltung im deutschsprachigen Raum. Die drei Finalistenteams aus Deutschland und der Schweiz werden sich am 23. März dem Publikum präsentieren. Wir haben ihnen eine Aufgabe gestellt, die wir ehrlich gesagt selber gerne einmal gemacht hätten, nämlich die Bespielung der drei Stockwerke der Stella mit Kapelle, Bibliothek und Festsaal. Da gibt es ja viele Assoziationen, bei jedem natürlich andere und so sind die drei Ansätze der Teams auch sehr vielschichtig. Die Präsentation im Alten Hallenbad werden wir wieder als kleine Fernsehshow inszenieren und live auf Youtube streamen, letztes Jahr hatten wir weit über 1.000 Aufrufe. Wichtig ist, dass alle Diskussionen und die Entscheidungen der Jury öffentlich und transparent sind, die Zuschauer können nachvollziehen, nach welchen Kriterien neue Konzertformate beurteilt werden und wie letztendlich aus einem Konzept eine Aufführung wird."
Der Stella-Vizerektor Dr. Peter Schmid lobt die langjährige Zusammenarbeit mit dem Festival und sieht durch die Umwandlung in eine Hochschule erweiterte Kooperationsmöglichkeiten. Ziel der Stella Hochschule ist es, ihr Wirken in die Gesellschaft zu tragen, bloß nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern verstärkt außerhalb inmitten der Gesellschaft präsent zu sein. Der neue Masterstudiengang "Music Performance and Career Development" wird geleitet von Augustin Wiedemann: "Heutzutage reicht es nicht mehr, wenn man hervorragend Geige oder Klavier spielt. Junge Leute finden das nicht mehr so spannend wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Wir haben jetzt einen sehr ambitionierten und innovativen Studiengang. Der hehre Anspruch an die Studierenden ist nicht weniger als eine Neudefinition des Berufsbildes. Da passt die Beteiligung am Zwischentöne-Kolabor hervorragend in unser Konzept, die Studierenden "designen" gemeinsam mit Ariadne von Schirach, der Festivalleitung und den Teilnehmern aus dem Publikum ein Format und betreuen es bis zur Aufführung im Rahmen des Festivals."

 Am Puls der Zeit

Für Hans-Joachim Gögl und Folkert Uhde ist die Einbindung von Studierenden der Stella entscheidend, um in Kontakt mit jungen Musikern zu bleiben, eigene Grundlagen zu reflektieren und teilweise auch in Frage zu stellen. Hans-Joachim Gögl: "Wir sind dadurch auch immer am Puls eines gewissen Zeitgeistes und auch eines gewissen Geschmacks. Das ist eine ungemein interessante und bereichernde Zusammenarbeit." Folkert Uhde: "Das Besondere an dieser Konstellation ist die Kooperation einer Hochschule mit einem Festival in Form eines Studiengangs und dann die praktische Umsetzung im Rahmen einer Aufführung. Wir sind alle sehr gespannt auf das Ergebnis, der Ausgang ist völlig offen."

https://www.montforterzwischentoene.at 

https://stella-musikhochschule.ac.at/de/