Tár
Theatermacher, Filmproduzenten, Regisseure - Mit Machtpositionen steigt auch in Kulturmilieus die Gefahr von Missbrauch. Der Schauspieler und Filmemacher Todd Field hat in einer ausgeklügelten Dramaturgie die Mechanismen dieser Macht seziert. Cate Blanchett zeigt das in der Rolle der fiktiven Dirigentin Lydia Tár auf gewohnt präzise Weise.
Ein Interview mit der weltbekannten Dirigentin Lydia Tár (Cate Blanchett), der Interviewer stellt ehrfürchtig seine Fragen, das Publikum im Saal hat Gänsehaut. Geniekult durchweht den Raum. Blanchett wählt ihre Worte so, als wären sie die gesprochene Bibel. Sind die Antworten auch noch so banal, spielt das keine Rolle. Denn Popstars wird die Rolle zuteil, an ihrer Größe zu partizipieren. Mit dieser Interviewszene, die nebenbei irritierend dokumentarisch wirkt, hat Regisseur Todd Field den ersten Stein für seine bemerkenswerte Studie über Macht und deren Mechanismen gesetzt. Cate Blanchett, die einige Zeit als die "beste Schauspielerin der Welt" bezeichnet wurde, nähert sich ihrer Aufgabe mit der gewohnten Präzision. Sie spielt eine Dirigentin, die als erste Frau die Berliner Philharmoniker leitet, mit "Lenny" Bernstein gearbeitet und schon viele Preise bekommen hat. Es dauert nicht lange, bis sich bei der Lichtgestalt erste Brüche abzeichnen. Ein Klavierschüler wird vor der Meisterklasse geschmäht, während Tár sich in ihrem Umfeld vor allem der Feinheiten der Sprache bedient, um Mitarbeitern ihre Gunst oder auch Verachtung spüren zu lassen. Todd Field gelingt es dabei, einen dünnen Grat zu gehen, der die Ambivalenzen solch einer Figur sichtbar macht. Der Porsche, den die Künstlerin fährt, lässt sich als Sinnbild für den entschlossenen, wenn nicht aggressiven Kurs der Karrieristin verstehen. Dass ihre Lebensgefährtin (Nina Hoss) zugleich ihre Untergebene ist, weil sie Mitglied des Symphonieorchesters ist, arbeitet Field besonders deutlich heraus. Das Private an der Hauptfigur des Films fühlt sich noch kühler an als deren öffentliche Präsenz, wo sie auf die Inszenierungen des Selbst achtet. In der Designerwohnung, in der nackte Betonwände jegliche Geborgenheit verhindern, kommt es zwischen Hoss und Blanchett nur zu flüchtigen Kontakten. Das gilt auch für deren gemeinsame Adoptivtochter. So zeichnet Field das Bild einer Frau, die auf geschickte Weise die eigene Härte (sie geht auch bei strömendem Regen laufen) und das Fehlen einer Kontrollinstanz über ihr Tun zum eigenen Vorteil verbindet. Damit wird allein ihre Gunst zum Kriterium, das über das Fortkommen oder auch das Ende in ihrem kreativen Umfeld entscheidet.
Mauer des Schweigens niederreißen
Während "Tár" es einem zu Beginn noch schwer macht, die lose zusammengesetzten Bilder zu deuten, wird im Verlauf des Films immer klarer, wohin die Reise geht. Für Irritationen sorgte Todd Field, weil die inkriminierte Figur kein Mann wie Weinstein, Trump ("Grab them by the pussy") oder einer der zahlreichen Theatermacher ist, die allein in den letzten paar Jahren vor Gericht standen. Die Entscheidung, als Symbol für die #MeToo-Debatte eine Frau zu wählen, ist ein streitbarer, aber auch fruchtbarer Versuch, den Blick statt auf das Individuum auf die Strukturen selbst zu richten, die sexuelle Nötigung, Abhängigkeiten und Demütigungen erst ermöglichen. Eine patriarchale Ordnung, Geniekult und verknöcherte autoritäre Strukturen bieten dafür die Voraussetzung. Für Lydia Tár wird es im Film aber dennoch irgendwann eng. Der Tonfall, der lange Zeit fast satirisch dem Treiben seiner Protagonistin folgt, nimmt dann bedrohliche Züge an und lässt die lange vorhandenen Sicherheiten der Protagonistin schwinden. Blanchett wird zur tragischen Figur, deren Rückzugsgefecht nicht in der Einsicht über das eigene Tun endet. Der Blick des Publikums gilt aber bereits nicht mehr dem Genie. Denn "Tár" vergisst nicht, daran zu erinnern, was es braucht, um eine Mauer des Schweigens niederzureißen, um zu neuen Verhältnissen zu kommen.