Conerto Stella Matutina: Variationen über „O du lieber Augustin“ von Paul Wranitzky. (Foto: Martin Gallez)
Darius Grimmel · 30. Mai 2026 · Musik

Tight Ships aus Lustenau eröffnen die Jubiläumsausgabe des Dynamofestivals

Leidenschaftlicher Rock im Trio mit Grunge-Elementen

Das Dynamo Festival in Dornbirn feiert dieses Jahr das 10-jährige Jubiläum und gehört zum festen Repertoire der Konzertszene im Ländle. Obwohl das beliebte Parkdeck-Opening dem Sparstift zum Opfer fiel, durfte man sich mit Tight Ships aus Lustenau auf eine besonders interessante Festivaleröffnung freuen.

Ein gut eingespieltes Trio spielt auf

Tight Ships veröffentlichen seit 2020 regelmäßig eigene Musik und schon kurz nach Konzertbeginn wird klar, dass es sich hier um ein enorm gut aufeinander eingespieltes Trio handelt. Simon Hofers Drums klingen äußerst knackig und der eher schlank gestaltete Gitarrensound mit viel Brillanz ermöglicht dem satten Bass, selbstbewusst den übrigen Raum einzunehmen. Die ersten beiden Nummern zeigen auch, dass die Band keineswegs nur das produziert, was man sich vielleicht unter „noise rock“ (Band-Bio) vorstellen könnte. Die Songs folgen interessanten und unkonventionellen Strukturen, kosten auch leisere Stellen aus und vereinen die Atmosphäre der klassischen - zuweilen psychedelisch angehauchten - Grunge Stilistik (Soundgarden, Stone Temple Pilots) auf kongeniale Art und Weise mit (Post-)Punk-Elementen und viel Eigenem. Frontmann und Gitarristen Manuel Blechschmidt führt das Publikum mit seinen absichtlich schrullig formulierten Ansagen nicht nur humorvoll durch das Konzert, seine starke und wandelbare Stimme passt wunderbar zum Bandsound und bleibt auch in hohen Lagen absolut intonationssicher. 

Das Highlight des Konzertes: "Good Enough"

Obwohl das gesamte Set von starker spielerischer und kompositorischer Qualität geprägt ist, stellt die Performance des Songs „Good Enough“ die übrigen doch immer noch recht deutlich in den Schatten. Bezeichnend ist hier auch, dass selbst die sehr gute Aufnahme der Nummer auf dem Debütalbum „Temper Tropes“ (Hörempfehlung!) nicht ganz einzufangen vermag, welche Wirkung der Song entfaltet, wenn Tight Ships ihn mit solcher Hingabe live spielen wie an diesem Nachmittag beim Dynamo Festival. 
Der Song beginnt mit einem kurzen, fast marschartigen Pattern in den Toms, über das sich dann das triumphale Ostinato der E-Gitarre legt. Durch die Charaktere dieser beiden musikalischen Bausteine entsteht eine Stimmung des Zuhause-Ankommens. Die textliche und mehrmals wiederholte Aussage „soldier on“ wird durch das unermüdliche Wiederholen der E-Gitarrenfigur passend musikalisch unterstützt, während Bassist Felix Bösch bisher nur als vokale Unterstützung der Hauptstimme beteiligt ist. Nach über einer Minute erfolgt endlich der lang herbeigesehnte Einsatz des E-Basses mit einem weit ausholenden, epischen Thema, das das immer noch unveränderte Ostinato der Gitarre zu einer passenden Begleitung umdeutet. Zeitgleich hat Simon Hofer am Schlagzeug die selbst auferlegten Beschränkungen jenes trocknen Klangteppichs abgelegt und zu einem entfesselten aber langsamen Beat mit Einsatz des vollen Drumkits gewechselt, der das neue, lyrische Thema des Basses mit genügend Vorwärtsdrang unterstützt.

Felix Bösch schlägt bei seinem Bass nicht nur die Saiten (an)

Nach diesem Ausbruch folgt eine Rückkehr zur ersten Gesangspassage, wobei die Hauptstimme nun eine volle Oktave höher erklingt und Manuel Blechschmidt dadurch in ein für ihn sehr vorteilhaftes Register gelangt, das zwar intensiv, aber nie unsauber klingt. Das Gitarrenostinato wird hier nun auch durch den liegenden Grundton im Bass unterstützt, den Felix Bösch tatsächlich nicht durch Zupfen der Saite, sondern durch das Schlagen auf den Korpus seines Instrumentes am Klingen erhält. Nach einer Wiederholung des „instrumentalen Chorus“ unter erneuter Führung des Basses nimmt der Song eine unerwartete Wendung, verlässt die angenehme E-Dur-Monotonie der bisherigen Abschnitte und schlägt in weiter gespannten Akkordprogressionen melancholischere und elegischere Töne an. Über die selbige legt sich auch ein neuer Gesangsabschnitt, der die neue „Rastlosigkeit“ in der Musik konsequent weiterführt. Als verbindendes Element zu den vorigen Abschnitten verbleibt das Schlagzeug bei bereits etablierten rhythmischen Mustern.
Zum Schluss kehren Tight Ships wieder zum Gitarrenthema des Beginns zurück, dass stellenweise sogar vom Bass aufgenommen wird. Die ganze Band fokussiert sich sozusagen zurück auf die eigentliche Keimzelle des Songs und intensiviert diese in einer fulminanten Steigerung bis zum Schlussakkord.

Rhythmische Finesse und unerwartete Stolpersteine

In den folgenden Songs zeigen Tight Ships zusätzliche Finesse durch den gekonnten Einbau ungerader Taktarten oder spannenden rhythmischen Verschiebungen, wie zum Beispiel in „Precipice“ oder „Sun Diego“. Die fantastische Tontechnik (David Stecher) sorgte zudem nicht nur dafür, dass die Band äußert gut ausbalanciert klang, sondern wusste auch geschmackvoll an genau den richtigen Stellen Effekte wie Hall oder Echo hinzuzufügen um die oben erwähnten stilistischen Anleihen an die Grunge-Musik hervorzuheben. Der einzige Stolperstein an diesem Nachmittag für Tight Ships war der selbstmörderische Abwärstdrang von Manuel Blechschmidts Brille: Der Frontmann war mehrfach dazu gezwungen, während dem Singen und Gitarrespielen sein Mikrophon dazu zu nutzen, seine unaufhaltsam rutschende Sehhilfe wieder zurück auf die Nase zu schieben. 

Bandcamp-Profil zum Kaufen und Streamen: tightships.bandcamp.com/music 
Direktlink zum Song "Good Enough": tightships.bandcamp.com/track/good-enough
Instagram-Seite: www.instagram.com/tight_ships/