Improvisierte Musik und Tanz öffneten Erinnerungsräume
Eine ausdrucksvolle Performance im vorarlberg museum
Unter dem Motto „Freiheit“ ließen sich die Musiker Guy Speyers, Michael Naphegyi, Marcus Huemer und Benny Omerzell gemeinsam mit den Tänzerinnen Marina Rützler und Silvia Salzmann auf ein kreatives Abenteuer ein. Das Atrium des vorarlberg museum und die Kulisse der derzeit laufenden Ausstellung „Topografie der Erinnerung – Zehn weltumspannende Geschichten“ boten einen optisch und akustisch idealen Rahmen. Der Clou der Performance bestand darin, dass alle gemeinsam improvisierten und der Werdegang der musikalisch-tänzerischen Reise den Akteur:innen und den Zuhörenden große kreative Freiräume gewährte.
Bei der Impro-Session des Ensemble Plus trafen mit Benny Omerzell an den Tasteninstrumenten und Michael Naphegyi am Drumset zwei im Jazz und in der improvisierten Musik versierte Künstler auf Guy Speyers an der Bratsche und Electronics sowie Marcus Huemer am Kontrabass. Beide sind in der klassischen Musik sozialisiert und in Ensembles und Orchestern tätig.
Die musikalische Improvisation lebt eigentlich von der spontanen Interaktion und Kommunikation zwischen den agierenden Musikern. Im Zusammenwirken der Musiker mit den Tänzerinnen entwickelte sich jedoch eine andere Dynamik, denn das Quartett lieferte gewissermaßen einen Soundtrack zum Tanz. Silvia Salzmann und Marina Rützler standen mit ihrer ausdrucksstarken Körpersprache und ihren Interaktionen über weite Strecken im Vordergrund der Wahrnehmung.
Mit elektronischen, obertonreichen und sphärisch kreisenden Klängen eröffneten die Musiker die Performance. Die Electronics waren anfangs laut und dominant, sodass insbesondere Marcus Huemer am Kontrabass gefordert war, um in der Balance präsent zu bleiben. In mehreren Abschnitten entfaltete das Quartett flächige Klangräume mit einem pulsierenden Innenleben. Einerseits steuerten Benny Omerzell an den Synthesizern und Guy Speyers mit dem Kaoss Pad und teilweise mit der Bratsche entsprechende Sounds bei, andererseits entwickelte Marcus Huemer zahlreiche Spieltechniken und Effekte für seinen Kontrabass. Er spannte beispielsweise Löffel und Schläuche zwischen die Saiten oder rhythmisierte sein Spiel mit einem weichen Schlägel. Michael Naphegyi am Drumset bereicherte den Klangfluss mit vielfältigen Klangfarben und spielte sein kreatives Potenzial aus.
Das Quartett spannte einen gut proportionierten dramaturgischen Bogen. Der musikalische Fluss entwickelte sich von der Stille aus und führte auch wieder dorthin zurück. Dazwischen entfalteten die Musiker emotional aufgeladene Passagen, im zweiten Abschnitt unter anderem mit orgelähnlichen Klängen. Danach bildeten Tonrepetitionen eine Art Zeitachse, in die minimalistische Tonfloskeln eingeschrieben wurden. Einen sinusförmigen Ton, begleitet von aufgeregten Tremoli im Kontrabass und in der Bratsche sowie den daraus resultierenden Pulsationen, steigerten die Musiker zu einer raumgreifenden Klangwalze. Bis dieser Klangstrom schließlich in sich zusammenbrach. Aus quietschenden Reibegeräuschen entstand ein musikalischer Neubeginn mit schwirrenden Klangfeldern. Diese wurden noch einmal intensiviert und schließlich zum Ende hingeführt.
Aufmerksam folgten die Musiker den beiden Tänzerinnen und ließen sich von deren vielfältigen Ausdrucksformen inspirieren und leiten. So spiegelten sich am Beginn kleine Gesten und Körperhaltungen auch in kleingliedrigen musikalischen Schichten wider.
Marina Rützler und Silvia Salzmann kommunizierten intensiv miteinander und traten auf vielfältige Weise in Beziehung zueinander. Sie bespielten den Boden ebenso wie den Raum nach oben hin mit weit ausgreifenden Bewegungen. Spannend wirkten auch jene Passagen, in denen sich die Tänzerinnen wie Marionetten bewegten. Emotionale Begegnungen schufen sie mit konfrontativen Körperhaltungen, wie Lauern und Aufforderung, Nähe und Distanz oder Hin- und Abwendung. Überdies lenkten jene Tanzsequenzen die Aufmerksamkeit auf sich, in denen die Gliedmaßen der sich umschlingenden Performerinnen ein Eigenleben zu entwickeln schienen oder sie sich gegenseitig trugen und wie ein einziger Körper wirkten.
Am eindrücklichsten gelang nach meinem Empfinden jene Passage, in der die Musiker immer gewaltiger werdende Klangtürme aufbauten und eine gewaltige Klangwalze erzeugten. Die Tänzerinnen reagierten darauf mit intensiven Bewegungen. In diesen Momenten verbanden sich die Inhalte der Ausstellung im Atrium des vorarlberg museum, die Musik und der Tanz besonders ausdrucksstark zu einem Gesamterlebnis.