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21.05.2021 |  Peter Niedermair

Theater Kosmos/Kosmodrom: „Die Ungetrösteten“ von Armin Wühle – Uraufführung. Premiere: Donnerstag, 20. Mai

Armin Wühle wurde 1991 in Ebersberg bei München geboren, er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim sowie Geschichte und Soziologie in Hannover, wo er auch lebt. Wühle war Finalist des 25. Open Mike und Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses. 2016 erhielt er ein Fellowship der Menschenrechtsorganisation Humanity in Action in Sarajevo, 2017 folgte eine Recherchereise in den Libanon. „Getriebene“, sein erster Roman, erschien 2021 im S. Marix Verlag, Wiesbaden. Gestern Abend wurde im Theater Kosmos in Bregenz „Die Ungetrösteten“ uraufgeführt, ein Stück mit dem er den dritten Platz beim KOSMOSDROM Stückewettbewerb 2020 gewann. Ingrid Berte, ORF Kulturjournalistin und Mitglied der Jury: „Der Text überzeugt mit starken Bildern, einer von Sarkasmus durchdrungenen Situation und vier Figuren, die immer für Überraschung sorgen können - und das liegt nicht zuletzt an der Vielfalt an Sprachfärbungen, über die der Autor mit unangestrengter Eleganz verfügt.“

Dritter Platz des KOSMODROM Stückewettbewerb 2020

Kurator der Kosmodrom-Weekends in Zusammenarbeit mit Literatur Vorarlberg ist Stephan Kasimir, der Armin Wühles Stück auch inszeniert, Ausstattung von Caro Stark. In Armin Wühles Ausblick auf das Jahr 2050 „Die Ungetrösteten“, ein Stück in fünf Szenen, hat sich der Neoliberalismus mit all seinen fratzenhaften Züge Bahn gebrochen und sich etabliert. In einem ersten Teil, mit inszenatorisch grotesken Parallelen zum „Schloss“, hören wir die drei zentralen Personen Konstantin, Rabia und Sebastian in ihren sich anbiedernden, bittstellerischen Monologen vor dem „Komitee“, auf der Bühne hintergründig gespiegelt in mehreren übergroßen Spiegeln, ein, wenn man so will, Rückspiegel auch für das Publikum. Dieses „Komitee“ hält in Wühles dramaturgisch ausgeklügeltem und hervorragend strukturiertem Stück alle Zügel des Wirtschafts- und Politikgeschehens weltweit in der Hand. Vor diesem Komitee, das wir auf dem Bühnengeschehen nie zu Gesicht bekommen, müssen „Die Ungetrösteten“ nicht nur ihre Lebensentwürfe und Geschäftsideen anpreisen, dort müssen sie sich auch selbst verkaufen. Und wer nicht überzeugt, der hat schon verloren. Schon im Prozess der Bittstellerei der drei bestens disponierten Schauspieler/innen entlarvt sich ihr Anliegen, all ihr Sehnen und Flehen, und sei es noch so stringent durchargumentiert, als kafkaeskes Scheitern. Alle Bemühungen und Anbiederungen sind umsonst, nicht erst letzten Endes, sondern schon längst vorher.

Eine Flucht wäre ohne jeden Zweifel vergebens

Zunächst tritt Konstantin auf den vorderen Bühnenmittelpunkt und spricht zum Publikum. Sein argumentativer Bericht, den der vor dem Komitee vorträgt handelt von jenem Tsunami, der zu den Weihnachtsfeiertagen vor Jahren als große Katastrophe über Tausende Menschen hereingebrochen war. „Es ist keine Welle, auch keine Flutwelle, es ist eine Wand, die sich aufs Ufer zubewegt, über dreißig Meter hoch an ihren höchsten Stellen, und sie wird viele Kilometer ins Landesinnere hinein züngeln, bevor sie in ihrem Sog, ungleich gewaltsamer, alles mit sich zurückreißt, aber jetzt, jetzt befinden wir uns gerade am Anfang. Was sich da auf den Mann zubewegt, ist eine donnernde Wand, doch er, er steht einfach da und ergibt sich seinem Schicksal. Ob es eine bewusste Entscheidung oder ein schlichtes Versagen der Beine ist, lässt sich nicht sagen. Gewiss ist nur, dass eine Flucht ohne jeden Zweifel vergebens wäre; zu weit hat er sich nach vorne gewagt, als dass ihm noch zu helfen wäre, also steht er da und wartet.“ Er spricht über diese Katastrophe. „Dieses Video, meine Damen und Herren, bleibt mir deshalb so in Erinnerung, weil dieser Mensch dem Lauf der Dinge nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Das ist eine unbequeme Vorstellung. Wir sind es gewohnt, der Zukunft selbstbewusst entgegenzutreten. Wir ziehen genügend Sicherheitsnetze hinter uns her, um immer einen Schritt nach vorne zu wagen, womöglich auch einen zu viel. Aber das ist die Perspektive der Privilegierten. Der Zukunft liegt etwas sehr brachiales und gewalttägiges zugrunde. Nur wer erhöht auf der Terrasse eines Restaurants sitzt, kann den Blick in den Himmel richten und sich ausmalen, einen Drachen steigen zu lassen; alle anderen müssen zusehen, wie sie mit dem, was da auf sie zukommt, umgehen.“

Wenn der Konsument ein echtes Huhn wünscht

Danach tritt die zweite Akteurin, Rabia, eine junge Frau im grauen Blazer, an die vordere Bühne, hält eine Mappe in der Hand, in das sie während ihrer Rede jedoch nicht ein einziges Mal blickt und spricht, als hätte sie ihre Blicke und Perspektive auf ein im Hintergrund wirkendes Komitee gerichtet. „Ich bedanke mich für die Gelegenheit, vor Ihnen sprechen zu dürfen. Wie Sie wissen, hat in den vergangenen Jahrzehnten die Entwicklung von Fleischersatzprodukten und synthetischem In-Vitro-Fleisch große Fortschritte gemacht. Die kühnsten Errungenschaften der Wissenschaft sind jedoch nutzlos, wenn sie der Konsument ablehnt und den Verzehr eines echten Huhns wünscht. Die Nachfrage nach tierischem Fleisch und tierischer Milch ist in den vergangenen Jahren wieder rapide gestiegen, zumindest in den Ländern des fortgesetzten Wirtschaftswachstums.“ Auf Frau Ceylan folgt Sebastian, der schon kurz vor der Aufforderung aufgestanden war, und tritt nach vorne. Sebastian: „Sehr verehrte Damen und Herren, ich möcht mich ähnlich kurzhalten wie meine Vorrednerin und sag nur ein Wort: Schmerz. Wer Schmerzen hat, tut alles, um sie nicht mehr zu haben. Und jeder, egal ob reich oder arm, alt oder jung, Mann oder Frau, hat irgendwann im Leben Schmerzen, was meine potentielle Zielgruppe schon mal auf 100 Prozent der Menschheit steigen lässt. Nicht schlecht, oder? Jetzt brauch ich natürlich nicht kommen und Ihnen vormachen, ich hätt irgendein Wundermittel entdeckt – der weiße Kittel steht anderen besser, müssen‘s wissen – nein, mir geht’s um den Vertrieb. Denn was nützt die beste Medizin, wenn sie sich die wenigsten leisten können? Kaum ein Wirtschaftszweig hat sich in den letzten Jahrzehnten derart verteuert wie der Gesundheitssektor.“

Scheitern ist unumkehrbar

Die drei Protagonisten, wie immer verzweifelt sie sich emotionalisiert und argumentativ ins Zeug legen und einerlei, wieviel Alkohol sie in ihrer grenzenlosen Enttäuschung nach den Anhörungen vor dem Komitee hineinkippen, werden, haben schon verloren, ohne auch nur ein Mitglied des Komitees zu Gesicht zu bekommen. Sie schmettern ab und scheitern vor dem Komitee. In ihrer Verzweiflung wittern sie eine Chance und entführen Frau Döllinger, eine hohe Repräsentantin des „Komitees“. Das Entführungsopfer wird mit ihren Händen am Rücken mit einem dicken Seil verschnürt, über den Kopf bekommt sie eine Papiertüte, sie hört die Personen um sich herum, sieht aber niemanden. Die Strategie der Entführer geht, absehbar, nicht auf; Armin Wühle beschreibt die Optimierungsgesellschaft als zerstörerische Wut- und Enttäuschungspartie, die letztlich an ihrem zerstörerischen Endpunkt angelangt ist.

Ins Dunkle verbannt

Am Schluss wird es dann völlig „schwarz“, Sebastian, der dritte von den Dreien, gibt vor, Frau Döllinger zu retten …. Im Dialog zu Ende des Stücks, das einem die Haare zu Berge stehen lässt, hören wir: Sebastian: Ach was. Jetzt bringen wir Sie erstmal ins Hospital. Fr. Döllinger: Zuerst zur Polizei. Sebastian: Wollens Anzeige erstatten? Fr. Döllinger: Ich bitt Sie, ich wurde überfallen und entführt! Sebastian: Natürlich. Halten Sie’s so lange aus mit den Schmerzen? Fr. Döllinger: So lange sicher doch. … Fr. Döllinger: Ich möchte mich revanchieren für Ihre Umstände. Sebastian: Ach was. Sie werden jetzt erstmal gesund, danach können wir immer noch über die Belohnung sprechen. Fr. Döllinger: Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Heutzutage ist das keine Selbstverständlichkeit. Ich sage immer, ob ein Mensch gut oder schlecht ist, das hat nichts mit seiner Herkunft zu tun. Oder mit seinem Vermögen. Umstände hat ein jeder, aber was recht ist, ist recht. Auch ein armer Mensch kann moralisch sein. Sebastian: Redens nicht so viel, ich bitt Sie – Sie müssen sich schonen, Sie sind doch verletzt. Fr. Döllinger: Da haben Sie Recht. … Man sieht ja schon die Stadt zwischen den Bäumen… Bei Nacht wirkt alles so friedlich, oder? Wahrscheinlich, weil man nichts sieht. … Fahrens doch bitte über den Tunnel, das ist der schnellste Weg.“ Die Döllinger, Vorsitzende des Komitees, behält also auch am Ende die Oberhand und das Sagen, wo es lang geht. Die drei Bittsteller entlarvt Armin Wühle als die völlig ins Dunkle Verbannten.

Die Dystopie als Gegenwart

Am Ende gibt es viel Beifall für ein an sich im Kern zutiefst tragisches Stück mit großartigen schauspielerischen Auftritten, der da sind: Jens Ole Schmieder, Maria Strauss, Simon Alois Huber, Helga Pedross. Sie verkörpern Menschen und Biographien in einer Gesellschaft, in der alle „Leidtragende des Systems“ sind. Und wer sind die Gewinner, bzw. wer wähnt sich als Gewinner? Manche lassen sich in ihren Absichten und Plänen, Wirtschaftsprogrammen und politischen Weltbildern identifizieren. Von denen wiederum behaupten viele, das Glück liege in der Digitalisierung. Das Komitee wird sie eines Besseren belehren. Davon berichtet Kafka in seiner bedeutenden Literatur. „Das Schloss“ ist neben „Der Verschollene und „Der Process einer der drei unvollendeten Romane Franz Kafkas. Im Schloss schildert Kafka den vergeblichen Kampf des Landvermessers K. um Anerkennung seiner beruflichen und privaten Existenz durch ein geheimnisvolles Schloss und dessen Repräsentanten. In Armin Wühles literarisch hochkomplexen Theaterstücks muss man die Gegenwart nicht mehr ad futurum projizieren. Die Dystopie ist längst schon Wirklichkeit geworden und eigentlich vor die Gegenwart getreten. Für heute Freitag und morgen Samstag gibt es noch ein paar Restkarten. Hilfe kommt natürlich nicht aus Bregenz; wohl jedoch gibt es dort ein ganz besonderes Theater: Das Theater KOSMOS.

Weitere Vorstellungen:
21. u. 22. Mai, 20 Uhr
Karten:
Abendkasse ab 18.30 Uhr unter +43-(0)5574-44034-13
www.theaterkosmos.at

Theater Kosmos/Kosmodrom: „Die Ungetrösteten“ von Armin Wühle – Uraufführung (alle Fotos: © Caro Stark/Theater Kosmos)

Theater Kosmos/Kosmodrom: „Die Ungetrösteten“ von Armin Wühle – Uraufführung (alle Fotos: © Caro Stark/Theater Kosmos)

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