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07.03.2020 |  Dagmar Ullmann-Bautz

Künstlerin und Kämpferin - Stephanie Hollenstein am Vorarlberger Landestheater

Der österreichische Autor Thomas Arzt hat sich im Auftrag des Vorarlberger Landestheaters mit der Lustenauer Künstlerin Stephanie Hollenstein (1886–1944) auseinandergesetzt und seine Eindrücke und Emotionen, die er im Laufe der Recherche für diese außergewöhnliche Frau entwickelt hat, in einem Stück verdichtet, das gestern seine Uraufführung im Haus am Kornmarkt feierte. Regisseur Tobias Wellemeyer hat das Stück „Hollenstein, ein Heimatbild“ mit größter Aufmerksamkeit auf die Komplexität der Figur der Stephanie Hollenstein inszeniert.

Eine komplexe Persönlichkeit

In zeitlicher Abfolge, beginnend in den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis zum Tod von Stephanie Hollenstein, reihen sich die Protagonistin prägende sowie aussagekräftige Episoden aneinander: Hollenstein bei ihrem Aufnahmegespräch in der Kunstgewerbeschule in München, ihre ersten homosexuellen Erfahrungen, ihre „glückliche“ Zeit als Soldat(in) im ersten Weltkrieg, ihr Kampf um künstlerische Anerkennung in Wien, ihre unbeschwerten Zeiten in Italien, ihre Faszination für den Nationalsozialismus, ihren Einsatz für ihre Familie in Lustenau, um nur einige zu nennen. Dabei erlebt das Publikum eine Frau und hochbegabte Künstlerin, die alle Höhen und Tiefen erlebt, die ausgelassen tanzt und singt, die mit kaum nachvollziehbarer Härte handelt, die stolz ist, kämpferisch und sehr einsam. Autor Thomas Arzt legt Hollenstein Sätze in den Mund, baut Szenen um sie herum, die nachvollziehbar sind und, was im Theater das Wichtigste ist, die fesseln. Dass dies so gut funktioniert, dafür sorgt sowohl Tobias Wellemeyers Inszenierung als auch insbesondere das spielfreudige und überzeugende Ensemble.

Großartige Katrin Hauptmann

Herausragend zu bewerten ist die Leistung von Katrin Hauptmann in der Rolle der Stephanie Hollenstein. Mit größter Präsenz bedient sie sämtliche Facetten der Figur, taucht ein in deren Vielschichtigkeit und fasziniert mit einer unglaublichen Palette an Emotionen. Quicklebendig trotz spielerischer Homogenität verkörpern Heide Capovilla, Felix Defèr, Luzian Hirzel, Christoph Hohmann, Maria Lisa Huber und Johanna Köster alle anderen Figuren - Menschen, die Hollenstein in irgendeiner Form nahe standen.

Ein Bilderrahmen-Haus

Sowohl Bühne als auch Kostüme von Ines Burisch sind einfach großartig. Die Bühne, ein Podest mit einem darüber schwebenden und verschiebbaren Bilderrahmen-Haus, transparent und mit eindrücklichen Bildern und Videos bespielt, bietet allen Szenen den perfekten Rahmen. Die Kostüme kommen reduziert und sind klar in ihrer Aussage, das Lichtdesign von Arndt Rössler sensible und unaufdringlich, sowohl die Bühne als auch das Spiel unterstützend.

Ein bewegtes Leben

Es ist ein gewagtes Unterfangen, ein Stück über eine derart komplexe Person und Künstlerin wie Stephanie Hollenstein auf die Bühne zu bringen. Genauso vielschichtig wie Hollenstein selbst, zeigen sich auch die Kommentare und Auslegungen zu ihr als Mensch. „Hollenstein, ein Heimatbild“ kann und will keinen Anspruch auf ultimative Wahrhaftigkeit erheben, zeigt aber großartige Blitzlichter auf ein bewegtes Leben und bietet Anlass und reichlich Stoff zu lebhaften Diskussionen.
Man darf gespannt sein auf das umfangreiche Rahmenprogramm, das ab jetzt und während der gesamten Spielzeit des Stückes immer wieder und aus verschiedensten Perspektiven Einblicke in das Schaffen der Künstlerin geben wird.

Weitere Aufführungen:
Fr
, 13.03.2020, 19.30 Uhr
Mi, 18.03.2020, 19.30 Uhr
Di, 31.03.2020, 19.30 Uhr
Sa, 04.04.2020, 19.30 Uhr
Do, 09.04.2020, 19.30 Uhr
So, 19.04.2020, 19.30 Uhr

Rahmenveranstaltungen in Zusammenarbeit mit Kunstraum und Sammlung Lustenau, Historisches Archiv Lustenau und Franz-Michael-Felder-Archiv

DIALOG IM DEPOT
Ab März regt eine Neupräsentation von Werken aus der „Sammlung Stephanie Hollenstein“ im Lustenauer Depot zu neuen Perspektiven und Gedanken an, lädt ein zu Dialogen – mit Claudia Voit, Leiterin Kunstraum und Sammlung Lustenau, Oliver Heinzle, Historisches Archiv Lustenau, und jeweils einem Gast aus der Theaterproduktion. /Do 12.3., zu Gast: Ralph Blase (Dramaturg) /Mi 8.4., zu Gast: Katrin Hauptmann (Schauspielerin), jeweils 19.00 Uhr,
Kunstraum und Sammlung Lustenau, Pontenstraße 20, 6890 Lustenau

GESPRÄCH ÜBER KUNST MIT SARAH SCHLATTER
Die in Berlin lebende und in Vorarlberg aufgewachsene Künstlerin Sarah Schlatter hat aus der Beschäftigung mit Stephanie Hollensteins Werk eine künstlerische Arbeit geschaffen, die im Foyer des Theaters zu sehen ist. – Im Gespräch mit Claudia Voit (Leiterin Kunstraum und Sammlung Lustenau) /Mi 1.4., 19.30 Uhr, T-Café

HOLLENSTEIN IN IHREN BRIEFEN
Eine Lesung aus ihren Briefen wirft Schlaglichter auf die Person Hollenstein, zeichnet Aspekte ihres Lebens nach, lässt Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit zu und bietet Anlass zum Gespräch, wie zum Beispiel über das Verhältnis von Kunst und Politik. Mit: Heide Capovilla, Johanna Köster, Oliver Heinzle (Historisches Archiv Lustenau) und Ralph Blase / Do 16.4., 19.30 Uhr, T-Café

MALEN UND KÄMPFEN
Aus dem in Lustenau verwahrten künstlerischen Nachlass von Stephanie Hollenstein wurden sechs kolorierte Zeichnungen ausgewählt, die alle 1916 während ihres Einsatzes als Kriegsmalerin des k.u.k. Kriegspressequartiers vermutlich direkt an der italienischen Front entstanden. Die Künstlerin Sarah Schlatter erarbeitete in umfangreicher Recherche im schriftlichen Nachlass
Hollensteins eine Vitrine, die mit Auszügen aus deren Briefen, Notizbüchern und privater Bibliothek die Gedankenwelt der am Krieg faszinierten Künstlerin nachvollziehbar werden lässt und die Zeichnungen kritisch kommentiert.                     Fr 6.3. – So 19.4., Foyer des Vorarlberger Landestheater

Hervorragend: Katrin Hauptmann, im Hintergrund als Mutter: Heide Capovilla

Hervorragend: Katrin Hauptmann, im Hintergrund als Mutter: Heide Capovilla

Im ersten Weltkrieg: Maria Lisa Huber, Katrin Hauptmann

Im ersten Weltkrieg: Maria Lisa Huber, Katrin Hauptmann

Künstlerinnen unter sich: Johanna Köster, Maria Lisa Huber, Luzian Hirzel und Katrin Hauptmann

Künstlerinnen unter sich: Johanna Köster, Maria Lisa Huber, Luzian Hirzel und Katrin Hauptmann

Angekommen im Nationalsozialismus - Stephanie Hollenstein mit dem Künstler Albert Bechtold (Felix Defèr)

Angekommen im Nationalsozialismus - Stephanie Hollenstein mit dem Künstler Albert Bechtold (Felix Defèr)

Die Bühne von Ines Burisch. (Fotos: Anja Köhler)

Die Bühne von Ines Burisch. (Fotos: Anja Köhler)

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