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19.01.2019 |  Anita Grüneis

„Shooter“ im TAK: Können Männer Freunde sein?

Der junge amerikanische Autor Sam Graber schrieb mit „Shooter“ ein kluges Stück zum Thema der Amokläufe an amerikanischen High-Schools. Die Liechtensteinerin Katrin Hilbe inszenierte die Uraufführung im „Theaterlab“ in New York und kam mit dieser Produktion nun ins Theater Konstanz und ins TAK. Es war ein interessanter Abend, der Fragen stellte, sie beantwortete und neue Fragen aufwarf. 

Auslöser für das Stück von Sam Graber war der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Jahr 2012. Dabei starben damals 28 Menschen, darunter 20 Kinder, der 20-jährige Täter erschoss sich selbst. Sam Graber erforschte und analysierte, was hinter so einer Tat stecken mochte, die vorwiegend von weißen Männer ausgeübt wird. 

Fünf Männer – fünf Geschichten

Für seine Analyse schuf er fünf Personen: Jim Bender (Ean Sheeny), dem alles durch die Finger zu gleiten scheint, nachdem seine Ehe zerbrach und er seinen Job verlor. Halt findet er in einem Schießverein, wo er hofft, wieder ein „richtiger Mann“ zu werden. Dort regiert der ehemalige Polizist und Waffennarr Troy (Michael Gnat), der keinen privaten Kontakt zu seinen Schützlingen wünscht. Auch das seltsame Verhalten von Gavin Stewart (Nicholas Tyler-Corbin) interessiert ihn nicht. Der 20-jährige Gavin ist offensichtlich ein Außenseiter, der Kontakt zum ebenfalls haltlosen Jim findet. Dazu gesellen sich die früheren High-School-Freunde von Jim: der Anwalt Ben David (David Perez-Ribada) und der Arzt Alan (Ian Gould), zwei Erfolgreiche, die sich vom erfolglosen Jim distanziert haben. Mit dem Verhalten dieser fünf Männer zeigt Sam Graber auf, wie in einer Männerwelt mit Problemen umgegangen wird. Sein Resümee: „Männer lassen einander am meisten im Sich, wenn sie sich am meisten brauchen“.

Männer, die in Plastik leben

Regisseurin Katrin Hilbe steckte diese Männer in eine Plastikwelt. Das Bühnenbild von Sarah Edkins bestand aus schweren Plastikvorhängen, auf einer Seite der Wände wurde Buntes projiziert. Im Laufe des Abends öffnete sich sukzessive die Rückwand. In zwei wechselnden Handlungssträngen wurde die Geschichte der Männer erzählt. Es begann mit dem Ende und endete mit dem Beginn, zwischen den Geschehnissen lag ein halbes Jahr, in dem das Leben von Jim und seine Freundschaften zerbrachen. Die Zeitsprünge funktionierten erstaunlich gut, dies auch dank der guten Texte und der starken, authentischen Schauspieler. Das Stück schien ruhig dahinzufließen, griff immer wieder ineinander und zeigte so die Verstrickungen auf.  

Geschehen in einer Endlosschleife

In mehreren Szenen wurde klargemacht, wie sich Männer in entscheidenden Momenten im Stich lassen. Da trudelt der betrunkene Jim zu einer Party der Freunde ein und wird grob abgewiesen. Daraufhin zieht er seine Pistole und plötzlich ist er Jemand, er wird gesehen, wahrgenommen, die anderen haben Angst vor ihm. Sein junger Freund im Waffenverein vertraut ihm seine Selbstmord- und Amoklauf-Gedanken an, doch Jim labert nur über sich selbst, kapiert erst viel später, was der Junge vorhat und versucht zu warnen. Doch wieder wird er abgewiesen. Daraufhin wartet er vor der High-School auf den bewaffneten Jungen, erschießt ihn und wird verhaftet. Nun könnte das Stück von vorne beginnen, denn am Anfang wurde gezeigt, wie der weinende Jim nach der Tat auf einem Stuhl sitzt und von seinem ehemaligen Jugendfreund Ben David als Anwalt eindringlich gewarnt wird: „Don’t say anything“. Jim schoss, bevor etwas passiert war – ist er damit ein Held, der Schlimmeres verhindert hat, oder selbst Täter?

Die Macht der Waffen

Die Regisseurin Katrin Hilbe konzentrierte sich auf Text und Spiel. Aller Raum gehörte den Akteuren. Diese zeigten keine Action, sondern Innenleben, nach außen gekehrt, und redeten damit über all das, über das bei Männern normalerweise nicht geredet wird. Dazu gehörte beispielsweise die Allmachtsfantasie von Jim, bevor er den jungen Gavin erschoss. Mit einer Waffe in der Hand ist man(n) eben Gott. „I was a monument. I was a mountain. I was planet”, rief er und fügte hinzu: “You are either extra large or you are small“. Einen Mittelweg gibt es nicht. Stellt sich die Frage: Warum nicht?
Das Stück warf bewusst viele Fragen auf, die alle in einer mündeten: Wie kann so etwas passieren? Dass es von einem Mann geschrieben und von Männern gespielt wird, aber ausschließlich von Frauen in Szene gesetzt wurde, ließ die Aussagen vielleicht noch kantiger werden als geplant. Ein starkes Stück, starke Darsteller und eine dichte Inszenierung. Das alles in einer gut verständlichen englischen Sprache. Und mit Humor. Denn trotz des ernsten Themas darf schon auch mal gelacht werden.

Shooter: Männer und ihre Faszination für Waffen (Michael Gnat und Ean Sheehy)

Shooter: Männer und ihre Faszination für Waffen (Michael Gnat und Ean Sheehy)

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