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12.04.2016 |  Peter Niedermair

#ON THE ROAD_Wo komm ich her? Wo bin ich? Wo will ich hin? - Ein interkulturelles Reisetheaterprojekt über Migrationsgeschichten, inszeniert von Brigitte Walk

„Ich bin hierher gekommen für das Leben“ (Reza, 15, Iran) - „Do Deckel. Deckel auf. Nehme Rolle. Stecke auf Stange. Nehme Faden. Steck durch Nadel. Fertig!“ Hier werden Arbeitsanweisungen skandiert wie ein improvisierter Wechselgesang zwischen Vorsänger und Gruppe mit den Formelementen von Call und Response. Der Vorarbeiter, ein vorarlbergischer Vorsänger (leader), gibt eine Melodielinie vor, und die arbeitende Gruppe (choir) antwortet darauf. Dadurch entsteht ein starker Rhythmus, der den Arbeitsablauf anleitet. Die Choreographie von Anne Thaeter inszeniert diesen Workload der schauspielend und tanzend Arbeitenden und des Vorarbeiters in einer faszinierend gespielten Gruppenszene. In „Füre, zruk, ume, dure …“ gibt es einen weiteren derartigen Sklavensong, der in seinen Ursprüngen auf die Baumwollfelder in den Südstaaten der USA zurückgeht und mit die Grundlage für die Entstehung und Entwicklung des Blues und des Jazz bedeutete. Ich vermute, Lustenau ist nicht zufällig das Mekka des Jazz in Vorarlberg geworden, zumindest wurzelt der Lustenauer Jazzclub hier in der Stickereimetropole. Reinhard Gassner hat diesen auf seinem legendären Plakat mit der Lustenauer Senftube verewigt.

„Füre, zruk, ume, dure …“


„On the Road“ reflektiert in szenisch aneinander gereihten Bildern Ausschnitte aus der Geschichte der Zuwanderung nach Vorarlberg und zitiert u.a. Originaldokumente aus dem Historischen Archiv der Marktgemeinde Lustenau - „Lustenau, Lagos, Lace, Luxusstoffe aus Lustenau“ und schaut in einem Lustenauer Gemeindeblatt aus diesen Jahren nach: „Die ersten Neger in der Gemeinde. Dunkle Männer. Im Kleinbus dahinter die Frauen. 20 Meter Ätzstickerei um jede Frau gewickelt.“

Insgesamt 22 Jugendliche, die in der Lehre oder in Beschäftigungsprojekten sind, haben wochenlang mit Schülerinnen und Schülern aus der Handelsakademie und dem Gymnasium sowie mit jugendlichen Flüchtlingen aus Afghanistan zusammen geschrieben und künstlerisch gearbeitet. Sie recherchierten den Stoff für das Stück in Lustenau, Hohenems und Altach, in Kaynashli, Ayancik und Sinop. Im Februar 2016 ging man auf eine Reise in die Türkei. Gemeinsam haben die Akteurinnen und Akteure in der Schreibwerkstatt mit Brigitte Hermann Fragen für Interviews mit migrantischen Familien, Zeitzeugen und Jugendlichen entwickelt, um Porträts von Menschen zu zeichnen. Der Fragenkatalog für die Interviews im Rahmen von „On the Road“ bildet den Hintergrund für die biographischen Skizzen, die im Laufe des gut zwei Stunden dauernden Tanztheaterstücks präsentiert werden: „Wo kommen Sie her? Wie alt sind Sie? Wann sind Sie hergekommen? Warum sind Sie hergekommen? Haben Sie in die Türkei noch Beziehungen? Wie pflegen Sie diese? Wie war das wegzugehen? Wie war der Empfang/Kontakt in Vorarlberg? Wollten Sie einmal zurückgehen? Wie leben die Kinder jetzt? Leben die in zwei Ländern/Heimaten? Was meinen Sie zum Islamischen Friedhof in Altach? Gibt es noch Gegenstände, die Sie mit der Heimat verbinden? Gibt es besondere Geschichten/Familiengeschichten zur Migration?“

„Einen Winter bleiben wir noch“


Als historische Rahmenerzählungen tauchen das Jubiläum zum „50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei“ vom 15. Mai 1964 auf, der Zuzug der „Gastarbeiter“ in den 60er-Jahren, als viele Arbeitskräfte kamen und Integration noch gar kein Thema war, weil deren erste Phase hier in Vorarlberg geprägt war vom Gedanken der Rückkehr, so wie es der in der siebtgrößten türkischen Stadt Konya geborene und seit vielen Jahren hier in Vorarlberg lebende Autor Kundeyt Surdum in einem Gedicht einen Vater seinem Sohn sagen lässt „Einen Winter bleiben wir noch …“; historisch taucht auch die Ölkrise 1973/74 auf, die zu einem kurzfristigen Zuwanderungsstopp führte; in den 80er-Jahren kommen Menschen, die bleiben, in den 90ern verschärfen sich die Zuwanderungsbedingungen. In Lustenau finden sie Arbeit vor allem in der Stickereiindustrie. Die Wohnverhältnisse sind katastrophal, zum Teil leben zehn Personen in einem Raum, oft 20 bis 30 Türken in einem alten, halb zerfallenden Haus.

Im zweiten Teil nach dem historischen Bilderbogen aus gerappten Einlagen und Wechselgesängen, Episoden zur Zuwanderungsgeschichte und den Lebens- und Arbeitsverhältnissen hier in Vorarlberg, geht es auch um die neuesten Forschungen zur sogenannten ‚Gastarbeiterroute’, Europas größte Unfallstrecke. Alle diese Teile der lokal-regionalen Geschichte werden von den Schauspielerinnen und Schauspielern für die gesellschaftliche Erinnerung befragt. Damit werden diese Erzählungen hineingenommen in ein kollektives Gedächtnis. Auf der Bühne des Lustenauer Druckwerks in der Hofsteigstraße werden diese Erzählungen in künstlerischer Arbeit vertieft, reflektiert und umgewandelt in eine faszinierende Kunstproduktion. Ich habe bis dato kein besseres Stück zur Thematik der Arbeitsmigration gesehen.

Vom „schönen Vogel, der in meinem Innern singt“


Die Inhalte werden in szenisch-performativer Arbeit und filmischen Dokumenten, die an die große Wand projiziert werden, nochmals befragt und in theatral-performative Szenen verwandelt. Dazwischen werden starke Emotionen spürbar, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler Dinge erzählen wie: „Man vermisst die Steine von dort, die Erde. Halt Sehnsucht!“ Bevor die Akteure und Akteurinnen mit dem Publikum des Abends in andere Räume der vormaligen Stickerei Grabherr wechseln, tauchen die Namen der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Tänzerinnen und Tänzer auf. Es klingt wie eine große Anrufung, wenn die Jugendlichen ihre Namen aussprechen. In einzelnen Lagerräumen und Büros im ersten Stock hört man zu den ausgehausten Melodien des Saz Spielers Ferhat Özcelik ein junges Pärchen im Lesedialog  zwei Gedichte von Kundeyt Surdum vortragen. Darauf folgt ein arabisch-deutscher Dialog zwischen Ayman Jndi und Magdalena Staffa, ein Liebesgedicht, das Aymann auf arabisch in eine alte Triumph-Schreibmaschine hämmert und Magdalena die deutsche Übersetzung dazu vorträgt. Der Text handelt von der Verliebtheit und von der Liebe, vom „schönen Vogel, der in meinem Innern singt“, denn „mein Leben ist wie für dich gemacht“. In einem anderen Raum, einem Depot, verlangen die Schauspielerinnen Frauenrechte und berichten von den toughen Lebensperspektiven mit all den klassischen Rollenzuschreibungen. Der Schlussteil zeigt uns dann noch eine weitere Perspektive auf die Realität , die gezeichnet ist von mehrfach-züngigen Dialogen, von den heftig reklamierten, doch weitestgehend ungeklärten Fragen zur Mündigkeit und Selbstbestimmtheit der jungen Leute, vor allem der Mädchen.

Bayram Özer ist verantwortlich für die Projektion von Fotos aus Familienalben, vornehmlich älterer Menschen, und aus dem Lustenauer Archiv, für die Projektion der Vornamen aller Akteure und deren Eltern und eine wunderschöne Zeichentricksequenz nach Karagöz, dem berührenden türkischen Figurentheater, in das hinein die Schatten der Jugendlichen gemischt werden.

Was die Migrantinnen und Migranten der ersten und zweiten Generation über ihre Lebensentwürfe, Träume und ihre Heimaten zwischen Vorarlberg und der Türkei erzählen mündet in die leitmotivischen Fragen, die die Jugendlichen der heutigen Generation bewegt:
Wo komm ich her. Wo bin ich. Wo will ich hin. Interviews mit Zeitzeugen und Jugendlichen sowie eine Reise an die Schwarzmeerküste bilden die Grundlagen des Theaterstücks, das Geschichten von Zuwanderung und Veränderung erzählt. Wo komm ich her. Wo bin ich. Wo geh ich hin. Culture Clash. Man wünscht dem Stück eine verlängerte Aufführungspraxis und vor allem viele junge Zuschauerinnen und Zuschauer. #On the Road ist Theater ohne Zeigefinger und Zuspitzung pädagogischer Fragen. Es ist hot stuff. Wie halt das Leben ist. Der Walk und ihrem Team herzliche Gratulation zu dieser Produktion. Auch der Marktgemeinde Lustenau und ihrem Kulturreferat.

 

Weitere Vorstellungen
12.4. / 13.4. / 14.4.2016
jeweils um 19.30 Uhr im Druckwerk Lustenau
Eine walktanztheater.com Produktion in Kooperation mit der Marktgemeinde Lustenau

„On the Road“ reflektiert in szenisch aneinander gereihten Bildern Ausschnitte aus der Geschichte der Zuwanderung nach Vorarlberg und zitiert u.a. Originaldokumente aus dem Historischen Archiv der Marktgemeinde Lustenau © markmosman

„On the Road“ reflektiert in szenisch aneinander gereihten Bildern Ausschnitte aus der Geschichte der Zuwanderung nach Vorarlberg und zitiert u.a. Originaldokumente aus dem Historischen Archiv der Marktgemeinde Lustenau © markmosman

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