"Kafka in Farbe" derzeit am Vorarlberger Landestheater © Joel Schweizer
Anita Grüneis · 22. Mär 2019 · Theater

"Heiligabend" im TAK: Kammerspiel und Duell der scharfen Dialoge

Manchmal ist Theater doch eine verdichtete Realität. Daniel Kehlmann hat mit dem Stück „Heilgabend“ ein fiktives Verhör zwischen einer Professorin und einem Kommissar geschrieben. Für das Schaaner TAK wurde dieses Stück als Eigenproduktion von Tim Kramer inszeniert. Der Regisseur ließ aus der Fiktion beklemmende 90 Minuten Realität werden und zeigte ein brandaktuelles Stück über unsere (Rechts-)Systeme. Und einen Schlagabtausch zwischen Mann Frau. Thomas Beck und Boglàrka Horvàth lieferten sich ein Duell der klugen Dialoge. 

Dabei blieben die beiden Schauspieler immer in ihren Rollen. Sie, die distanzierte Wissenschaftlerin, immer kontrolliert, die sich keine spontanen Äußerungen erlaubt, mit kühlem Verstand kontert, um ihre Rechte weiß und den Herrn Kommissar mit ihrer Art schon mal zur Weißglut bringt. Boglàrka Horvàth im dezenten schwarz-weiß gepunkteten Kleid, schwarzem Poncho und schwarzer Umhängetasche ist jeden Zoll eine Dame, die weiß, wer sie ist und warum sie etwas tut. Da hat der Zuschauer bisweilen Mitleid mit dem Kommissar von Thomas Beck. Ein rechtschaffener Typ in legerer Lederjacke, der seine Pflicht tut, die nun mal von ihm verlangt, dass die Lady ein Geständnis liefert, wo sie die Bombe deponiert hat, die um Mitternacht detonieren soll. Doch was tun, wenn die Dame beschließt, zu schweigen? Oder ihre Gesinnung verbreitet, die sich sehr von der seinen unterscheidet? Der Kommissar sucht mit allen Mitteln nach einem Weg der Kommunikation, er plaudert offen über sein Privatleben, er versucht es mit dem verbalen Schwitzkasten, er nähert sich der Dame bedrohlich körperlich, er liest ihr eiskalt vor, wie Beamte ihr intimstes Leben ausgeforscht haben, er explodiert – doch die Dame ist auch nicht für sein Feuer.

Der Freiheit den Weg bomben?

Die Philosophieprofessorin soll eine Bombe gelegt haben, die an Heiligabend um Mitternacht explodieren wird. Dem Polizisten bleiben also 90 Minuten, um herauszufinden, wo die Bombe ist und, falls es sie gibt, sie entschärfen zu lassen. In diesen 90 Minuten liefern sich die beiden ein Wortgefecht über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Es geht um Terrorismus, Flüchtlinge und den Überwachungsstaat. «Wenn Sie wüssten, was wir herausfinden, wenn wir uns für jemanden interessieren», sagt Thomas Beck mit kühler Herablassung. Boglàrka Horvàth kontert mit existentiellen Fragen: wer ist für Hunger und Armut in der Welt verantwortlich? Sie referiert über Uranabbau in Niger, das Flüchtlingsdrama und unseren Wohlstand. «Unter unserer Glasglocke herrscht Menschlichkeit, draußen herrscht Chaos», sagt sie. Das Publikum verfolgt den Schlagabtausch der beiden mit gespannter Aufmerksamkeit und tickender Uhr, denn das Spiel geschieht in Echtzeit. Und irgendwann fragt sich jeder, ob es die Bombe denn wirklich gibt. Und ob die Dame sie gebaut hat oder ihr Ex-Mann, der im Nebenraum verhört wird. 

Offenes Ende ohne Antwort

Ein Kammerspiel mit der Einheit von Raum und Zeit. Ein Bühnenbild, das sich auf das Wesentliche konzentriert – ein paar Glaswände, um die gegangen werden kann, auf die sich schreiben und zeichnen lässt. Ein dichter Abend, der zum Nachdenken anregt und Sichtweisen hinterfragt.
Der Schluss? Autor Daniel Kehlmann sagte in einem Interview: „... dort, wo ich glaube, eine sehr gute Antwort zu haben, würde ich die nicht verschweigen. Aber dort, wo ich ratlos bin, sehe ich es als meine Aufgabe an, diese Ratlosigkeit zu teilen.“ Der Rest ist Schweigen. 

Nächste (letzte) Vorstellung:
Di, 26.3., 20.09 Uhr,
TAK Schaan