„Tancredi“ begeistert als Hausoper der Bregenzer Festspiele in glänzender Besetzung. (Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)
Dagmar Ullmann-Bautz · 28. Jun 2013 · Theater

Flüchtlingsdrama versus Beziehungskonflikt – das Schauspielhaus Salzburg im Bregenzer Theater KOSMOS

Das derzeit stattfindende 1. Theaterfestival der TheaterAllianz im Theater KOSMOS in Bregenz ist für die Initiatoren bislang ein schöner Erfolg und macht, als Zuschauer, so richtig Spaß. Nach einer schrägen, höchst lebendigen und experimentellen Kammeroper des klagenfurter ensemble und einem tief bewegenden und eindringlichen Monolog des Schauspielhauses Wien erlebte am gestrigen Donnerstag das interessierte Publikum einen Beziehungskonflikt der besonderen Art. Das Schauspielhaus Salzburg zeigte Henning Mankells Drama „Zeit im Dunkeln“.

„Zeit im Dunkeln“ feierte am 14. Mai im Schauspielhaus Salzburg Premiere als österreichische Erstaufführung. Der schwedische Autor ist vielen Leserinnen und Lesern besonders durch seine Wallander-Krimis bekannt, aber auch durch seine wunderbaren Romane über das Leben und die Verhältnisse in Afrika. Mankell, der halbjährig seinen Wohnsitz in Mosambik hat, wo er auch seit 1987 die 70-köpfige Gruppe des Teatro Avenida leitet, ist nicht nur Bestsellerautor, sondern gehört auch zu den ganz großen Gegenwartsdramatikern.

Angst dominiert die Situation


„Zeit im Dunkeln“ erzählt von zwei Flüchtlingen, Vater und Tochter. Irgendwo in Europa sitzen sie fest – in einer kleinen Wohnung warten sie, dass man ihnen die notwendigen Papiere bringt, um die Flucht fortzusetzen. Die Mutter lebt nicht mehr, ist auf der Fahrt übers Meer ertrunken. Sie warten schon lange und die Furcht davor, entdeckt zu werden, ist groß. Und auch die Angst, dass sie betrogen worden sind und dass eigentlich gar niemand kommen wird, dass der Plan, den sie geschmiedet haben, zerplatzt wie eine Seifenblase. Der Vater kommt mit der Situation nicht zurecht, setzt die Flucht nach innen fort, während die Tochter es langsam wagt, nach draußen zu gehen. Immer präsent als Dritte in dieser erzwungenen Zweierkonstellation die Mutter, die zusätzliches Konfliktpotential birgt.

Eingespieltes Team


Die beiden Schauspieler Katharina Pizzera als Tochter und Olaf Salzer als Vater sind ein gut eingespieltes Team. Ihr Zusammenspiel stimmt in jeder Situation, ist fließend, unverfälscht und charakteristisch. Olaf Salzer überzeugt in der Zurückgezogenheit des Trauernden, des nicht mehr Zurechtkommenden, besonders in den leisen Momenten. Der tobende Widerstreit zwischen dem jugendlichen Lebenswillen und der Gehorsamkeit der Tochter wird von Katharina Pizzera überzeugend dargestellt.

Tief unter die Haut


Die Inszenierung von Regisseur Claus Tröger hat sich mehr auf die menschliche Beziehung zwischen Vater und Tochter, mit dem Hintergrund der verstorbenen Mutter, konzentriert als auf die Problematik der beiden Flüchtlinge. Das mag auch der Grund sein, warum der Theaterabend erst ab der zweiten Hälfte zu greifen beginnt, nämlich genau dann, wenn sich die Konflikte um die Beziehung der beiden verdichten. In den ersten 30 Minuten, als es in erster Linie um die Lage als Flüchtling, die Angst vor dem Entdecktwerden geht, treffen weder Regie noch Schauspieler wirklich den richtigen Ton. Doch was die Schauspieler dann zeigen, geht so richtig und ganz tief unter die Haut.

Kontraproduktives Bühnenbild


Dass die beiden in einem Zimmer eingesperrt sind und warten, wird durch das von Katja Schindowski entwickelte Bühnenbild nicht vermittelt. Containerrückwände, Sand und ein durchlöcherter Maschendrahtzaun vermögen es nicht, die Enge eines Raumes zu vermitteln und sind in ihrer Vordergründigkeit eher kontraproduktiv.

Große Betroffenheit


Am Schluss ist die Betroffenheit im Publikum sehr groß und man merkt, wie schwer es fällt zu applaudieren, nicht weil es die Künstler nicht verdient hätten, im Gegenteil, sondern weil sich in den letzten 15 Minuten keiner dem intensiven Spiel entziehen konnte.