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05.05.2022 |  Ingrid Bertel

„Don Quijote“ – ein Theaterfest

Das Bregenzer Theater Kosmos zeigt die umjubelte Bühnenfassung von Philip Jenkins „Don Quijote – ein Stück weg von der Wahrheit“. Zaundürr, bettelarm und völlig verrückt, so kennen wir Don Quijote, den Ritter von der traurigen Gestalt, Kämpfer gegen Windmühlen und Schafherden. „Nein“, sagt Reyhan Çiçin, von einem Don Quijote habe sie zuvor nie etwas gehört. Nun steht die Schülerin selbst mit einer Don Quijoterie auf der Bühne, ebenso wie Lea Klimmer, auch sie Schülerin – eine mit dem Traum Schneiderin und Chirurgin zu werden. Das passt gut zusammen, hat schließlich beides mit Schneiden und Nähen zu tun.

Vom Traum einer ganz neuen, funkelnden Identität handelt dieser Abend, und von ihrem eigenen Traum erzählen auch die beiden Mädchen. Sie sind zwei von sechs Expert:innen, die dem Autor und Regisseur Philip Jenkins ihre Geschichten erzählt haben. Er suchte darin Bezüge zu „Don Quijote“ und schrieb kurze Monologe, Annäherungen an ein Stück Weltliteratur. Sabine Ebner (Ausstattung) stellt dazu große, fröhliche Fotos auf die Bühne, Motive, die sich den Expert:innen spielerisch zuordnen lassen. Als Motorradfahrerin etwa tritt Gabi Wantke auf, die als zeitgenössische Ritter-Frau mit ihren „Ladybikers“ durch die Mancha fegt, auf dem Helm eine GoPro, damit sie ihre Abenteuer auch mitfilmen kann.
Am Keyboard sitzt George Nussbaumer, legt leise atmosphärische Sounds in die Erzählung, spricht die ironischen ersten Sätze des Romans und gesteht, selber lese er lieber Krimis als Ritterromane. Und weil er das digital macht, kann er auch den Namen des Chefinspektors gegen seinen eigenen austauschen. Wer wär nicht gern mal selber der Held?

Der abwesende Don Quijote

Der eigentliche Held, Don Quijote tritt gar nicht auf. Er ist nämlich schon tot. An seinem übermächtigen Erbe arbeiten sich der treue Knappe Sancho Panza (Hubert Dragaschnig) und die lebenslang verehrte Edeldame Dulcinea von Toboso (Sabine Lorenz) ab. Und das tun sie in unterschiedlichster Art – einmal im hohen Ton von Cervantes, dann wieder in der hard-boiled Krimi-Manier von Humphrey Bogart und Lauren Bacall. „Sancho wäre sicher gerne so ein tougher Kerl“, meint lächelnd Philip Jenkins, der die beiden mit leichtfüßiger Eleganz auch in eine zeitgenössische Soap versetzt. Da wird Dulcinea zur Wirtin einer Frühstückspension, und Sancho Panza müht sich ab, die Dame zur Beerdigung des Ritters abzuschleppen.
Einfach betörend, wie die beiden mühelos mit den Stilen jonglieren. Einfach beeindruckend, welch klaren, fein gezeichneten Profile sie entwickeln. Einfach wunderbar, wie unterschiedlich die Annäherungen an die ikonische Gestalt des Don Quijote sein können. Denn Philip Jenkins pflegt ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu diesem Kerl, der Schafe absticht, weil er sie für feindliche Söldner hält, und dessen Nähe zur Verschwörungstheorien durchaus bedrohlich sein kann – Hubert Dragaschnig entfaltet dabei eine Wucht, bei der man den Atem anhält.

Die Expert:innen

Jenkins‘ „Don Quijote“ ist ein wirklich gut gebautes Stück, das die rasanten Stilwechsel der beiden Schauspieler mit dem gemächlichen Erzählton der Expert:innen kontrastiert. Ronald Waibel zum Beispiel ist ein Priester, der sein Amt niedergelegt hat. Allerdings kein Priester wie in Cervantes‘ Roman. Dort nämlich ist der Pfarrer der Einzige, der keinen Traum und keine Vision kennt. Er verbrennt die Bücher, die Don Quijote dazu veranlassten, sich auf die Suche nach einer „wahren“ Identität zu begeben. Diese Suche macht den unvergänglichen Zauber des Romans aus, weil jeder Mensch eine solche Sehnsucht in sich spürt. Der feine Humor und die geistsprühende Art, die Philip Jenkins beflügelt haben, machen seine Bühnenfassung zu einem wunderbaren Theaterfest!

„Don Quijote – ein Stück weg von der Wahrheit“ von Philip Jenkins
weitere Vorstellungen: 7./13./14./20./21./25./27./28.5 jeweils um 20 Uhr; 8./15./22.5 jeweils um 18 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz

www.theaterkosmos.at

Mühelos jonglieren Hubert Dragaschnig als Sancho Panza und Sabine Lorenz als Dulcinea von Toboso mit den unterschiedlichsten Stilen. (© Klaus Harting)

Mühelos jonglieren Hubert Dragaschnig als Sancho Panza und Sabine Lorenz als Dulcinea von Toboso mit den unterschiedlichsten Stilen. (© Klaus Harting)

Lea Klimmer und Reyhan Çiçin - zwei Schülerinnen, die sich auf ihre persönliche Art der ikonischen Figur nähern.

Lea Klimmer und Reyhan Çiçin - zwei Schülerinnen, die sich auf ihre persönliche Art der ikonischen Figur nähern.

Auf ihrem Motorrad fegt Gabi Wantke durch die Mancha.

Auf ihrem Motorrad fegt Gabi Wantke durch die Mancha.

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Bilder
  • Mühelos jonglieren Hubert Dragaschnig als Sancho Panza und Sabine Lorenz als Dulcinea von Toboso mit den unterschiedlichsten Stilen. (© Klaus Harting) Mühelos jonglieren Hubert Dragaschnig als Sancho Panza und Sabine Lorenz als Dulcinea von Toboso mit den unterschiedlichsten Stilen. (© Klaus Harting)
  • Lea Klimmer und Reyhan Çiçin - zwei Schülerinnen, die sich auf ihre persönliche Art der ikonischen Figur nähern. Lea Klimmer und Reyhan Çiçin - zwei Schülerinnen, die sich auf ihre persönliche Art der ikonischen Figur nähern.
  • Auf ihrem Motorrad fegt Gabi Wantke durch die Mancha. Auf ihrem Motorrad fegt Gabi Wantke durch die Mancha.