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05.05.2017 |  Annette Raschner

Der Horror in den eigenen vier Wänden - UNPOP präsentiert die Familiengroteske „Käthe Hermann“ im Kulturhaus Dornbirn

Das vor einem Jahr von Stephan Kasimir, Caro Stark und Thomas Bechter gegründete Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung (UNPOP) präsentiert mit Anne Leppers Familiengroteske „Käthe Hermann“ seine zweite Produktion im Kulturhaus Dornbirn; Ein weiteres Bekenntnis zu einem vom Trio intendierten „Theater des Unrealistischen, Gegenweltlichen“.

Wes Anderson und Ulrich Seidl


Die Gardinen sind vergilbt, die Lampenschirme und Stühle kaputt, die Decke durchbrochen, Staub dringt durch alle Ritzen, und der flimmernde Fernseher, der Viscontis Schwarzweißfilm „Rocco und seine Brüder“ wiedergibt, muss auf einem Erdhaufen Platz nehmen. Ausstatterin Caro Stark lässt in Sachen Detailreichtum Wes Anderson-Flair aufkommen, hinsichtlich der brutalen Verkommenheit, die die gesamte Szenerie ausstrahlt, lässt Ulrich Seidl grüßen.

Keine Balletteinlage


Der Fernseher läuft, der gelähmte Martin glotzt gebannt hinein, und seine Schwester Irmi starrt kreidebleich und mit rot unterlaufenen Augen ins Leere, während die Mutter Käthe unermüdlich Sätze in betont vollendetem Bühnendeutsch doziert: „Die Umsiedelung ist ab sofort ein Fremdwort für uns“ – oder: „Ich gehe nicht“. Dabei deutet sie vage Ballettbewegungen an, schließlich ist sie die einzige mit Talent in diesem Raum. Zu Ruhm, Ehre und Reichtum ist es nur noch ein klitzekleiner Schritt, denn jetzt, wo sie achtzig ist und endlich einmal auf sich schauen kann, steht ihre Ballettweltkarriere unmittelbar bevor. „Was ist unser Talent?“, fragen sie die beiden Kinder, und Käthe antwortet knapp: „Das wird sich noch zeigen.“

Nazi mit Krüppelkind


Einst war sie mit Hans verbandelt, einem stolzen Nazi, der Käthes einziges Glück war, aber leider allzu früh das Zeitliche segnen musste, weil er erschossen wurde. Dafür habe er wenigstens nicht mitbekommen, dass er mit Martin einen Krüppel und mit Irmi ein wahres Ausbund an Hässlichkeit bekommen hat, sagt Käthe zu ihren Kindern. Beides hätte er nie verkraftet, worauf sie Irmi, die Tochter, zu trösten versucht: „Vielleicht hat man uns bei der Geburt vertauscht. Vielleicht bist du ja gar nicht meine Mutter.“

Aberwitziger Kleinfamilienhorror


Die 1978 geborene Anne Lepper, die bei einer Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater Heute“ zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres 2012 gewählt wurde, hat in ihrem zweiten Stück „Käthe Hermann“, mit dem sie zu den Mühlheimer Theatertagen und zu den Autorentheatertagen ans Deutsche Theater Berlin eingeladen wurde, ein beklemmendes Familienszenario gezeichnet, aus dem es – das wird schnell klar! - für alle Beteiligten kein Entrinnen gibt. Dafür sorgt schon Käthe Hermann mit einer ausgeklügelten Mischung aus Raffinesse, Verschwörungstheorien, Lügen, Fantasien, Selbstbetrug und Drohungen. Allein optisch hebt sie sich stark von ihren Kindern ab, die von Caro Stark in eklig-braune Kleidung gesteckt wurden; Käthe hingegen ist top gekleidet, sie scheint gerade vom Friseur zu kommen, das Haar ist frisch blondiert, das Shirt vorne lässig geknotet. „Schließlich ist an mir die Zeit vorbeigegangen.“

Subtile Regie, großartige Schauspieler


Drei derart schräge Figuren in einem so hermetischen Kosmos: Das erinnert an die absurden Welten eines Samuel Beckett. Regisseur Stephan Kasimir vertraut der Kraft des eigenwilligen Personals und der sprachlich kunstvoll verknappten Komposition des Stücks. Er vermeidet jegliches Showelement, das sich etwa aufgrund der Ballett-Thematik angeboten hätte und bringt Tabuthemen wie psychische Gewalt, Inzest, Kindesweglegung und Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigung subtil zur Sprache. Das tut weh, das möchte man eigentlich gar nicht hören und schon gar nicht so lange (Aufführungsdauer: 1 Stunde 20 Minuten). Doch streckenweise sind die gesprochenen Sätze so aberwitzig komisch, dass das Lachen für Momente die ersehnte Erlösung bringt. Ein goldenes Händchen hat das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung bei der Wahl seiner Schauspieler bewiesen: Johanna Tomek, Grande Dame der freien, österreichischen Theaterszene, gibt eine geradezu fulminant manipulative Ballettdiva Käthe Hermann; Barbara Bauer bewegt sich gekonnt zwischen den Polen Naivität, Bewunderung und seelischem Schmerz; Und last but not least Jens Ole Schmieder zieht alle Register eines zutiefst verletzten, gelähmten Menschen mit dessen verzweifeltem Ringen um wenigstens einen Funken Liebe.

Die österreichische Erstaufführung des 2012 in Bielefeld uraufgeführten Stücks wurde mit viel Applaus bedacht.

 

„Käthe Hermann“ von Anne Lepper ÖEA
Weitere Vorstellungen am  5./6./7 und 9. Mai 2017, jeweils 20 Uhr
Kulturhaus Dornbirn 

Johanna Tomek, Grande Dame der freien, österreichischen Theaterszene, gibt eine geradezu fulminant manipulative Ballettdiva Käthe Hermann und Jens Ole Schmieder als "Martin" zieht alle Register eines zutiefst verletzten, gelähmten Menschen

Johanna Tomek, Grande Dame der freien, österreichischen Theaterszene, gibt eine geradezu fulminant manipulative Ballettdiva Käthe Hermann und Jens Ole Schmieder als "Martin" zieht alle Register eines zutiefst verletzten, gelähmten Menschen

Barbara Bauer bewegt sich gekonnt zwischen den Polen Naivität, Bewunderung und seelischem Schmerz

Barbara Bauer bewegt sich gekonnt zwischen den Polen Naivität, Bewunderung und seelischem Schmerz

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  • Johanna Tomek, Grande Dame der freien, österreichischen Theaterszene, gibt eine geradezu fulminant manipulative Ballettdiva Käthe Hermann und Jens Ole Schmieder als "Martin" zieht alle Register eines zutiefst verletzten, gelähmten Menschen Johanna Tomek, Grande Dame der freien, österreichischen Theaterszene, gibt eine geradezu fulminant manipulative Ballettdiva Käthe Hermann und Jens Ole Schmieder als "Martin" zieht alle Register eines zutiefst verletzten, gelähmten Menschen
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