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12.12.2018 |  Anita Grüneis

Comedia Theater Köln im TAK: Taksi to Heimat

Wie wenig es braucht, um gutes Theater zu machen, das zeigte das Comedia Theater Köln im TAK mit seinem Gastspiel „Taksi to Istanbul“. Im Mittelpunkt standen drei Personen und die Frage: „Was ist Heimat?“ Aus dieser Frage entwickelten drei Schauspieler ein Roadmovie der besonderen Art. Denn die magischen Worte hießen „Stell dir mal vor“. Und so stellten sich Sibel Polat, Faris Metehan Yüzbaşioğlu und Harun Çiftçi vor, dass sie nach Istanbul fahren. 

Dabei überquerten sie Landesgrenzen, wurden von Zöllnern angehalten, drehten das Radio laut, tanzten Halay, erzählten sich Geschichten von den Großeltern und überlegten, ob eine Fahrt nach Istanbul ein Heimaturlaub ist oder nicht. Denn alle drei sind Deutsche, wenn auch mit türkischem Hintergrund. „In Istanbul kannst du sein, wer du bist“, versicherten sie sich und fragten sich gleichzeitig: Wer bin ich denn? „Frag dich nie selber, wer du bist, frag immer die anderen. Die wissen genau, wer du bist. Deine Eltern. Die Lehrer. Die Großeltern, die Mitschüler“, meinte einer der Darsteller.  

Gründliche Recherche und gute Autoren

Das Stück wurde aus einem Rechercheprojekt mit Jugendlichen erarbeitet. Fragen zur Identität mischen sich mit Fragen zu den Ursprüngen. Immer wieder heißt es: „Wo kommst du her?“ Und wie ist das, wenn man aus dem Elternhaus drei Sprachen mitbringt, zum Beispiel Französisch, Englisch, Afrikaans oder Kurdisch? Was ist dann die Heimatsprache? Und wie fühlt sich Heimat überhaupt an? Die drei Schauspieler in Pumphosen und T-Shirts gaben keine Antworten, sie hinterfragten die Fragen – zur Gaudi des Publikums, das an diesem Abend vorwiegend aus einer Feldkircher Schulklasse mit 12- bis 14-Jährigen bestand. Sie verfolgten aufmerksam und hellwach das Geschehen auf der Bühne. Denn die da oben waren auch sie da unten.
Nach Istanbul wollten sie fahren, die drei jugendlichen Deutschen da oben. Dazu diente ihnen eine funktionelle weiße Holzkiste, die mal als Auto, als Kiosk, als Zug oder als Schule fungierte. Einer der drei Akteure spielte das GPS, ein Autoradio oder auch mal eine Frau mit langen lockigen Haaren (und üppigem Bart). Mit diesen Rollenspielen wurde die Autofahrt zum reinen Vergnügen. 

Musik ist immer Heimat

„Stell dir mal vor“, hieß es immer wieder und alle im Zuschauerraum stellten sich gerne vor, wie es wäre, wenn diese drei wirklich nach Istanbul fahren würden. Ob es dann auch so aussieht, wie vom Großvater geschildert, der seine Heimat immer tief im Herzen trug und sie an seine Enkel weitergab? Gibt es für diese jungen Deutschen noch Heimat in der Türkei? Schließlich riecht Köln anders als Istanbul und tönt auch anders. „Ich will nicht zurück – ich meine, zurück – wohin?“ sagte Cibel. Und als dann klassische türkische Musik aus der Box tönte und das Publikum dachte: Aha, diese Musik ist Heimat, wurde aus den traditionellen Klängen Technomusik und es war klar: Auch das ist Heimat für diese jungen Menschen. 

Steilvorlage für Rollenspiele

Regisseur und Autor Manuel Moser sowie Autorin und Dramaturgin Hannah Biedermann haben es tatsächlich geschafft, ein Stück aus einem Publikum für ein Publikum zu produzieren. Beinahe hätten die Zuschauerinnen und Zuschauer mitgetanzt beim Halay, doch sie begnügten sich mit Klatschen und Fingerschnipsen. Und als es hieß: „Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Wenn man in Ungarn ist, dann spricht man Ungarisch. Und wer spricht hier schon Ungarisch“, meldeten sich prompt einige aus dem Publikum. Heimat ist wirklich überall, ob in Wien, in Budapest, in Vaduz oder in Istanbul. Und diese Produktion „Taksi to Istanbul“ war eine Steilvorlage für weitere Rollenspiele – in der Klasse, im Freundeskreis oder zuhause am Esstisch. Es müssen nur alle mitspielen.

Die drei und ihr imaginäres Taksi to Istanbul: ein Theaterabend, der Jung und Alt begeistert

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