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12.12.2018 |  Karlheinz Pichler

Das Farben- und Formenspiel eines sich häutenden Baumes – Zum neuen Buch „Platanen“ des Fotografen Nikolaus Walter

Als Nikolaus Walter 2014 in der Galerie Kurzemann in Götzis erstmals Farbfotografien von Platanen ausstellte, war die Überraschung der Besucher perfekt, kannte man den in Feldkirch wohnenden Fotokünstler doch bislang als Meister der Schwarzweißfotografie und als Darsteller von Menschen in allen möglichen Lebens(schräg)lagen. Und nun dies: Ein Farbenmeer, das nur von einem einzigen Motiv handelte, dazu noch von einem landschaftlichen, der Platane. Doch die Überraschung legte sich und die Verwunderung wich einem „Wow“, denn die Fotografien erinnern großteils an abstrakte Gemälde.

Nikolaus Walter ist für fotografische Reportagen und Dokumentationen bekannt, die sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen. Ein gutes Beispiel stellt das Große Walsertal dar, deren Bewohner und Lebensbedingungen er über gut 30 Jahre mit der Kamera begleitet hat. Auch die Platanen stellen ein Langzeitprojekt dar. Erstmals setzte sich Walter über Jahre mit einem Sujet der Pflanzenwelt auseinander. Angefangen hat es damit im Jahre 2005, als er im französischen Journiac an einer Platane ein amorph geformtes Stück dunkelgrüner Rinde über einer darunterliegenden grauen Rindenschicht entdeckte. Er fühlte sich unmittelbar an das Formenvokabular des deutsch-französischen Künstlers und Mitbegründers des Dadaismus, Hans (Jean) Arp erinnert. Die Auseinandersetzung mit „biomorphen“, naturnahen, gerundeten Formen ist es ja, die Arps Werk bis heute unverkennbar macht. Die formalen und farbigen Analogien zu Arp und aber auch etwa zu einem Joan Miró jedenfalls sind mitunter verblüffend. Fotografiert hat Walter die Bäume vor allem in Frankreich. Denn die Platane ist dort ein Nationalheiligtum, säumt dort Alleen, Kanäle, Parkanlagen oder Friedhöfe. Aber auch in seinem regionalen Umfeld hat er fotografiert: In Bregenz, in Rorschach oder das Exemplar in Rankweil, das mit bunten Strickwerken „bekleidet“ wurde. Kunst am Baum sozusagen.    

Mythenumrankt


Die Platane ist aber nicht nur ein Nationalheiligtum der Franzosen, sondern generell ein mythenumranktes, ja heiliges Gebilde, das die Geschichte der Menschheit schon von der Urzeit bis in die Gegenwart begleitet. So galt die Platane etwa im alten Persien als „Wächterbaum der Könige“. In Labraunda (Türkei) gab es einen dem Gott Zeus geweihten Platanenhain. In der Mythologie und Symbolik Kretas stand die Platane symbolisch für den zu- und abnehmenden Mond und damit für den gesamten Mondzyklus, der wiederum einen starken Bezug zum Weiblichen wiedergibt. Sie wird aber auch mit der Sonne in eine kosmische Verbindung gebracht und verkörpert daher wie der germanische Yggdrasil einen typischen Weltenbaum. 

Ein unverkennbares äußeres Kennzeichen der Platane ist die schuppige Borke, die sich wie eine Schlange permanent zu häuten scheint. Daher war die Platane im alten Griechenland unter anderem der vielköpfigen Schlange Hydra geweiht und war wie diese ein Symbol der Regeneration. Der Hydra wuchsen ja die abgeschlagene Köpfe beständig nach.    

Ein Baum, der sich häutet

Die erste Faszination von Nikolaus Walter galt also diesen sich ständig reproduzierenden Borken, die von einer solchen Farbigkeit geprägt sind, dass es keinen Photoshop zur Nachbehandlung der Fotografien braucht. Und je nach Lichteinfall verändert sich das Farbenspiel dieser „Baumschuppen“ fast impressionistisch. 

Die Platane respektive deren Rinde als Kunstwerk ist aber nur einer der Aspekte in diesem Walter-Zyklus. Wobei in diese Kategorie auch die Abbildungen des Wurzelwerkes oder der natürlichen Verletzungen des Baumes fallen. Die Oberflächen wirken hier wie zerklüftete Schluchten oder Kraterlandschaften.    

Die Platane in funktionalem Gebrauch


Andere Aufnahmen weisen diesen Baum als Informationsträger aus, als funktionales Escheinungswesen. Etwa wenn Restauranttafeln, große Menükarten oder Girlanden und Beleuchtungskörper an ihm befestigt sind. Oder wenn kurze Gedichte und Namen hineingeschnitzt wurden. Farbige Reisszwecken zeugen von der Benutzung als Anschlagbrett. Mitunter stehen Platanen auch im Weg. Wenn davor ein Kreuz steht, ist es ein Zeichen, dass jemand in vollem Karacho hineingedonnert ist. 
Der fotografische Blick von Nikolaus Walter auf die Platane könnte nicht vielfältiger und anschaulicher sein. Der gewöhnliche Betrachter würde vieles übersehen, Walter entgeht nichts. Er hält diesen Baum mit den vielen Eigenschaften in beeindruckenden fotografischen Gesten fest. Das Buch „Platanen“ ist eine große Homage eines großen Fotografen an seinen Lieblingsbaum.

Nikolaus Walter: Platanen. Arteimago Verlag, Wien 2018, 86 Seiten, 74 Farbabbildungen, ISBN 978-3-903025-21-9, € 24

Nikolaus Walter: Platane, Montlucon, Frankreich, 2006

Nikolaus Walter: Platane, Montlucon, Frankreich, 2006

Nikolaus Walter: Platane, Riquewihr, Frankreich, 2016

Nikolaus Walter: Platane, Riquewihr, Frankreich, 2016

 Nikolaus Walter: Platane, Colmar, Frankreich, 2017

Nikolaus Walter: Platane, Colmar, Frankreich, 2017

Nikolaus Walter: Platane, Montlucon, Frankreich, 2013

Nikolaus Walter: Platane, Montlucon, Frankreich, 2013

Nikolaus Walter: Platane, Rankweil, 2013

Nikolaus Walter: Platane, Rankweil, 2013

Der Fotograf Nikolaus Walter (Bild: zVg)

Der Fotograf Nikolaus Walter (Bild: zVg)

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Bilder
  • Nikolaus Walter: Platane, Montlucon, Frankreich, 2006 Nikolaus Walter: Platane, Montlucon, Frankreich, 2006
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  • Der Fotograf Nikolaus Walter (Bild: zVg) Der Fotograf Nikolaus Walter (Bild: zVg)