Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Peter Niedermair · 06. Nov 2022 · Theater

Birgit Schreyer Duarte inszeniert Ibsens „Nora“ am Landestheater

Im Programmheft zur Inszenierung: „Ibsens Nora ist eine junge Frau, die im goldenen Käfig der Illusion lebt und nicht sie selbst sein darf. Erst durch eine böse Erpressung wird sie sich dessen bewusst und wächst über sich selbst hinaus – zahlt jedoch einen hohen Preis für ihre Freiheit, denn die Gesellschaft ist noch nicht weit genug dafür. Doch was ist Ursache der Unfreiheit? Die ‚Hausfrau‘ und der ‚männliche Brotverdiener‘ sind auch heute noch allzu oft Wirklichkeit – wo liegen die Wurzeln dieser Dualität?"

Weiters im Programmheft zu lesen: „Was diesem Rollenverständnis vorausgeht, lässt sich an den Figuren von Nora und Torvald Helmer gut erkennen. Nora hat nie anderes gelernt, als die ‚Hausfrau‘ vom ‚Brotverdiener‘ Torvald zu sein, keine eigene Ausbildung genossen. Diese Form von Weiblichkeit galt im Patriarchat des 19. Jahrhunderts als ‚natürlich‘. In ganz Europa kam es in dieser Zeit zu großen politischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen, der Kapitalismus entwickelte sich rasant. Der Haushalt, mithin die Frauen, waren dafür verantwortlich, die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes System zu schaffen und bekamen dafür keine Anerkennung. Die kluge Nora weiß um diese Situation, spielt das Spiel mit im Vertrauen auf einen anderen Tauschhandel: dass Torvald ihr gegenüber im Notfall absolut loyal sein wird. Als sich jedoch der Krimi von Verrat und Erpressung entwickelt, muss sie eine bittere Enttäuschung erleben ...“

„Das Theater an sich ist das Ereignis“ (Jan Kott zu Ibsen)


Das Thema dieser Nora, die uns wie ein seismografisches Dokument gesellschaftlicher Umbrüche im 19. Jhdt. mit anhaltend großer Wirkmächtigkeit ein Leben lang immer wieder aufs Neue begleitet, nimmt mit den exzellenten Konturen einer hoch komplexen Inszenierung und mit hervorragenden Schauspieler:innen des Ensembles am Vorarlberger Landestheater in der Regie von Birgit Schreyer Duarte gleich mit dem ersten Bild alles Unheil dieser Ehesituation auf die Bühne. Es beunruhigt nicht wirklich, Helmer derart sprechen zu hören. Man weiß, Schauplatz der Handlung, ganz aristotelisch, ist nicht der Zoo, sondern das luxuriös eingerichtete Wohnzimmer der Helmers. Ein Dialog der Eheleute …

Erster Akt / 1. Bild

Helmer (in seinem Zimmer.): Zwitschert da draußen die Lerche?
Nora, (während sie einige Pakete öffnet.): Ja, das tut sie!
Helmer: Poltert da das Eichhörnchen herum?
Nora: Ja!
Helmer: Wann ist das Eichhörnchen nach Hause gekommen?
Nora: Diesen Augenblick. (Steckt die Makronentüte in die Tasche und wischt sich den Mund ab.) Komm, Torvald, und sieh Dir mal meine Einkäufe an.
Helmer: Nicht stören! (Bald darauf öffnet er die Tür und sieht herein, mit der Feder in der Hand.) Einkäufe, sagst Du? Diese vielen Sachen? Ist das lockere Zeisiglein wieder aus gewesen und hat Geld verschwendet?

Zeit der Handlung: Bei Helmers wird Weihnachten gefeiert. Nora, wie sonst auch, widmet all ihr Leben, Lieben und Sorgen ihrem Mann Torvald Helmer und ihren drei Kindern. Doch Ungemach droht. Sie wird von dem Rechtsanwalt Nils Krogstad, der ihr Geld geliehen hat, erpresst, nachdem sie auf einem Schuldschein eine Unterschrift gefälscht hat. In den beiden ersten Akten dauert dieser Ehesprech der Helmers bis zur Pause an. Danach nimmt das Stück an Fahrt auf, Nora will alles vertuschen, doch Torvald erfährt davon und ist wütend. Am Ende begreift Nora, dass er sie nie geliebt und nicht verstanden hat und verlässt ihn und die drei Kinder. Das, was lange Zeit bereits verborgen in ihr sich eingerichtet hatte und schlummerte, bricht mit umso größerer Vehemenz auf.

… „das Patriarchat ist immer schon da“

„Ibsen und mit ihm andere große Stimmen der Jahrhundertwende, vor allem skandinavische und mitteleuropäische, hatten das Unbehagen der Kultur mit unerbittlicher Klarheit und großer Qual dargestellt, in der Überzeugung, man habe lange gedacht, die Antinomien dieses Unbehagens seien unüberwindlich.“ (Süddeutsche Zeitung, 17.02.2022; vgl. Programmheft) Doch die aktuelle Inszenierung zeigt deutlich, wie diese gesellschaftlichen Szenarien aus der Ausweglosigkeit herausführen. Wie sie dort, nach der Manifestation dieser Entscheidung, weitere Schritte auslösen, gehört ins nächste Bündel an Fragen.

Regisseurin Birgit Schreyer Duarte zur Inszenierung

„Ich staunte, wie präzise Ibsen schon damals die Befindlichkeiten, Wünsche und Ängste nicht nur zwischen Mann und Frau im Privatbereich, sondern auch als Figuren in sozialen, juristischen und politischen Situationen erfasste, die uns bis heute bestimmen. Statistisch gesehen ist der gefährlichste Ort für eine Frau ihr Zuhause, also das ‚Haus‘ oder ‚Heim‘, denn jeden dritten Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch die Hand eines männlichen Partners oder Ex-Partners (über die Zeit des Lockdowns sind die Fälle der häuslichen Gewalt sogar nochmal angestiegen). Spannend ist, dass Nora in seiner Motivik aber auch schon auf ganz ‚alltägliche‘ Strukturen verweist, die das Patriarchat heute in westlichen, ‚entwickelten‘ Demokratien aufrechterhalten, weil sie noch immer von so vielen als normal akzeptiert werden: die anhaltenden Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen, der Mangel an Frauen in Führungspositionen, die schiere Unvereinbarkeit von Karriere und Mutterschaft, die vorherrschende Praxis der Medizin, der noch immer der männliche Körper als Forschungsgrundlage dient, die Phänomene des sogenannten ‚mansplaining‘ (unaufgefordert erklärt ein Mann einer Frau die Welt) oder ‚he-peating‘  (statt ‚repeating‘: ein Mann wiederholt das, was eine Frau bereits gesagt hat und erklärt es zur Eigenidee), etc. Zugleich will ich bei einer Interpretation von Nora auch die Gegenpositionen zur Frau thematisieren, die hier als Repräsentanten des Patriarchats zu lesen sind.“

Selbstbestimmung und Aufklärung

In dieser Welt des Nora Stücks hat die Regisseurin durch Brüche im Stück, durch diverse Wechsel im Stil der Darstellung gespielt, und wir als Zuschauer:innen erleben die Nora aus der Perspektive der erwachsenen jüngsten Tochter Emmi. Diese bei Ibsen studierte Technik hat Arthur Miller im „Death of a Salesman“ 1949 literarisch weiter perfektioniert und gibt (heute) damit dem analytischen Verfahren die Möglichkeit, die Geschichte auch als eine Geschichte des Sich-Erinnerns, der Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Vergangenheit sowie des Hinterfragens der eigenen Identitätskonstruktion zu lesen. Durch den Filter der subjektiven Wahrheit für alle Erinnernden, können wir die erwartbar widersprüchlichen Perspektiven und Lesarten miteinander vergleichen. Damit kann eine kritische Auseinandersetzung mit den künstlerisch-ästhetischen und wissenschaftlichen Entwicklungen der Moderne stattfinden. Mit Ibsens Zugang zu dieser komplexen Frauenfigur taugt die Sprache als das Medium zur Analyse kultureller und gesellschaftlicher Phänomene. Inwieweit es in den heutigen Gesellschaften gewisse historische Parallelen zum ausgehenden 19. Jhdt. in Europa gibt, so etwas wie einen genderpolitischen Stillstand, wäre als Frage nach den Kontinuitäten und allenfalls Brüchen von Interesse. Und die Fragen, die Nora letzten Endes motivieren, ihre Familie zu verlassen, bedeuten weit mehr als die Dekonstruktion starrer patriarchaler Scheinwelten, damals wie heute, mehr als die Überwindung von Torvalds an Nora geübtem Frauenbild von der „Lerche“ und seinem „Eichhörnchen“. Nora fordert im dritten Akt Selbstbestimmung, Bildung, Wissen, Aufklärung und auch die Gegenwelt zu dieser Enge. „Es gibt eine andere Aufgabe, die zuerst gelöst werden muss. Zuerst muss ich mich erziehen. Du bist nicht der Mann, der mir dabei helfen könnte. Das muss ich alleine schaffen. Und darum verlasse ich dich jetzt.“ Elias Lepper kommentiert diese Situation im Programmheft sehr anschaulich: „(…) verlässt Nora den Haushalt ihres Mannes Helmer. Die Tür ist ins Schloss gefallen. Sie hat sich auf den Weg gemacht. Der Mut, seinen Verstand zu gebrauchen, ist der Mut, das zu verlieren, was man für Verstand hielt. Da sie sich in einem patriarchalischen System befindet und sie keine wirkliche Selbstbestimmung erreicht, ist es für Nora mutig, diesen Schritt in der Akzeptanz der Absurdität der menschlichen Existenz zu wagen und das Sein nicht mehr zu verdrängen, sondern lebensverändernde Konsequenzen aus seiner absurden Qualität zu ziehen.“

Rezeptionsgeschichtliche Dimensionen

In der Rezeptionsgeschichte von Noras Thema an sich tauchen bis heute eine Fülle von Frauen und Männern auf, die neben den Ibsen’schen Perspektiven – wie auch denen von Strindberg und dessen dämonisiertem Geschlechterkampf – neben anderen literarischen Zeitzeugen, wie Arthur Schnitzler und Joseph Roth, wobei die feministischen Perspektiven, u.a. Simone de Beauvoir und Elfriede Jelinek (die Dekonstruktion einer kulturell-codierten Geschlechtlichkeit) die Ideologielastigkeit zwar demaskieren, der Carneval der Illusionen nicht nur subtil wirksam geblieben ist. Mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung haben sich die Fesseln und Käfige zeitgeschichtlich aktueller männlich-weiblicher Lebensperspektiven bis zum heutigen Tag nicht wirklich aufgelöst. Ich befürchte, Noras Plot, eigentlich die Geschichte einer Loslösung, die Nora von ihrem Ehemann Helmer durchlebt, wird noch eine Weile auf den alltagsdramatischen Bühnen des Lebens wie auch im Theater der Schauspielkunst geboten. Ganz nach Ibsens Nora in II/8:
Helmer (in der Tür rechts): Wo bleibt denn meine kleine Lerche?
NORA (mit offenen Armen auf ihn zu): Hier kommt sie, deine Lerche.
In diesem Sinn hat Ibsen ein bis heute aufrührerisches Stück hinterlegt.

3. Akt / 3.Bild

Nora: Bist du nicht müde, Torvald?
Helmer: Nein, nicht im Geringsten.
Nora: Willst du nicht schlafen?
Helmer: Absolut nicht; im Gegenteil, ich bin hellwach. Und du? Ich finde, du siehst sehr müde aus.
NORA: Ja, ich bin sehr müde. Jetzt werde ich bald schlafen.
Helmer: Siehst du, siehst du! War es doch richtig, dass wir nicht noch länger geblieben sind.
Nora: Alles, was du tust, ist richtig.
Helmer küsst sie auf die Stirn: Jetzt redet meine Lerche wie ein vernünftiger Mensch. Ist dir eigentlich aufgefallen, wie lustig Rank heute Abend?
Nora: Ja? War er das? Ich habe nicht mit ihm gesprochen, ich bin gar nicht dazu gekommen.
Helmer: Ich auch kaum; aber ich habe ihn lange nicht mehr so ausgelassen gesehen. Blickt sie eine Weile an; dann geht er näher zu ihr. Hm – es ist so herrlich, nach Hause zu kommen; wieder mit dir allein zu sein. – Du junge, bebende Schönheit!
Nora: Schau mich nicht so an, Torvald!
Helmer: Ich soll mein liebstes Eigentum nicht anschauen? Diese Herrlichkeit, die mir gehört, mir ganz allein?
Nora (geht auf die andere Seite des Tischs): Du sollst heute Nacht nicht so mit mir reden.
Helmer (folgt ihr): Dir sitzt noch die Tarantella im Blut, merke ich. Aber das macht dich noch verführerischer. Hör mal! Die Gäste fangen an zu gehen. Ach – wenn ich so mit dir in Gesellschaft bin, – weißt du, warum ich so wenig mit dir rede, mich von dir fernhalte, dir nur manchmal zwischendurch einen verstohlenen Blick zuwerfe, – weißt du, warum ich das tue? Weil ich mir vorstelle, du wärst meine heimliche Geliebte, meine junge heimliche Verlobte, und niemand wüsste es.“

Ein Puppenhaus als Kartenhaus

Die zentrale Protagonistin Nora ist eine hochkomplexe Frauenfigur und gleichermaßen eine paradoxe Figur. Am Ende des Ibsen’schen Textes in drei Akten, geschrieben 1879, verlässt sie Helmer, mit dem sie drei Kinder hat. Trotz dessen inständigem Flehen verlässt sie ihren Mann und die Kinder. Mit Nora hält Ibsen der Gesellschaft einen Spiegel vor, lässt seine Sheroe sich gegen die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnen, die nicht nur in Norwegen so waren. Wenngleich sie auch ihre Kinder damit verlässt, wird sie dennoch zur Sympathieträgerin des Stücks. Eigentlich ein Phänomen, ziemlich subtil! Eine maßgeblich relevante Form für Noras Portrait findet Ibsen in der literarischen Verfahrensweise des dialogisch angelegten analytischen Dramas, das sowohl Ibsen wie auch Strindberg mit ihren dramatischen Werken im ausgehenden 19. Jahrhundert zeitparallel mit dem Aufkommen und dem Zugang zur Psychoanalyse zu einer ersten umfänglichen Bedeutung führten. Mit „Nora“ 1879 wandte sich Ibsen nach „Stützen der Gesellschaft“ 1877 bereits zum zweiten Mal Themen des gesellschaftlich-realistischen Dramas zu. Im Privat-Persönlichen soll er eher konservativ gewesen sein. Künstlerisch-literarisch intendiert Henrik Ibsen, das Thema zu vertiefen. 1870 lernte Ibsen die talentierte Schriftstellerin Laura Smith Petersen (später: Laura Kieler) kennen, deren weitere Biografie angeblich das Vorbild für die Figur der Nora lieferte. Ob, wenn überhaupt, und inwieweit Ibsen mit „Nora“ „zur Befreiung der Frauen“ beitragen wollte, verbliebe zunächst noch eine Weile im Wartesaal rezeptionsästhetischer Fragen zur Wirkungsforschung.
Das Stück ist sehr sehenswert: Diese „Nora“ ist ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Vorarlberger Landestheaters in der Intendanz von Stephanie Gräve, das wiederholt mit einem faszinierenden Ensemble von Schauspieler:innen zu überzeugen weiß. Mit einem Seitenblick auf die aktuellen Lohnabschlüsse der Metaller bleiben über die jüngste landeskulturpolitische Enquete in Schwarzenberg hinaus einige veritable Fragen zur Kulturförderung offen.

Vorarlberger Landestheater: „Nora oder Ein Puppenhaus“ von Henrik Ibsen, deutsch von Hinrich Schmidt Henkel
weitere Vorstellungen: 8.11, 29.12.2022; 28./30.4.2023, jeweils 19.30 Uhr
31.12.2022, 18 Uhr

https://landestheater.org/spielplan/stuecke-1/detail/nora/