Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast ( Foto: Matthias Horn))
Dagmar Ullmann-Bautz · 01. Apr 2024 · Theater

Theater darf alles – auch stinken!

Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast und feierte Vorarlberg-Premiere.

In Martin Kušejs „Menschenfeind“ stinkt es zum Himmel! Es stakst, stolpert und watet die feine Gesellschaft knöcheltief in brauner Gülle, wälzt sich und tanzt ausgelassen darin! Am Karsamstag feierte das Stück in Bregenz Premiere, seine Uraufführung erlebte Molières rabenschwarze Komödie bereits im Jahr 1666 in Paris.

Die Liebe zur Wahrheit

Der Adelige Alceste verabscheut die Heuchelei und erhebt für sich den Anspruch, immer die Wahrheit zu sagen. Kein Wunder, dass ihn das ständig in Schwierigkeiten bringt, er Hass und Feindschaft auf sich zieht. Was ihm jedoch am meisten zu schaffen macht, ist seine Liebe zu Célimène, einer lebenslustigen jungen Witwe, die das Intrigenspiel der Gesellschaft bestens beherrscht und auch genießt.

Spiegelbild und Güllegrabe

Martin Kušej holt den Menschenfeind nach Wien, mit adaptiertem Text hält er der Bussi-Bussi-Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vor. Eine die ganze Bühne ausfüllende Spiegelwand lässt je nach Beleuchtung den Blick dahinter zu oder spiegelt den Publikumsraum. Eine wunderbare Idee. Die im Bühnenboden mehrfach eingelassenen Wasserbecken, die Güllegräben, sind nicht nur Bild, sondern werden fast grenzenlos bespielt, entfalten zwischendurch auch einen, in den ersten Reihen nur schwer auszuhaltenden Duft. Ein absolut überzeugendes Bühnenbild von Martin Zehetgruber und Stephanie Wagner, ganz wunderbar ins Licht gesetzt von Reinhard Traub.

Tief stampfende Rhythmen

Es ist ein beeindruckender Theaterabend, ein Theaterabend, der mit seiner Kritik und Raunzerei kaum etwas auslässt. Die feine Partygesellschaft, die Eitelkeiten selbsternannter Künstler, die Politik und das Burgtheater selbst werden hier von einem großartigen Ensemble abgebildet und dargestellt. Und im Hintergrund wird wild und ausgelassen gefeiert und getanzt, unterlegt von dem immer selben, tief stampfenden, an marschierende Soldaten erinnernden Rhythmus, vermischt mit Opernball-Seligkeit, Volksfeststimmung und wilder Sado-Maso-Party, alles in großartigen Kostümen von Heide Kastler. Für die Musik zeichnet Bert Wrede verantwortlich.

Großartiges Ensemble

Das Ensemble begeistert mit reduziertem Spiel und grandioser Sprachgewalt. Kein Wort geht verloren, jeder Vers wird zelebriert, gerade dann, wenn sich bösartige Intrigen entspinnen oder Eifersucht und Eitelkeit sich verbinden, wenn ähnlich einer Büttenrede ordentlich mit Witz vermischtes Gift verspritzt wird.
Itay Tiran spielt den Alceste mit größter Sorgfalt, weiß jede Gefühlsregung minutiös darzustellen, sei es die Abscheu gegenüber allem Verlogenen, seine Wut, sein Hass, aber auch seine Liebe und den Schmerz, den er dabei erleidet. Mitnehmend auch sein Klavierspiel zum Auftakt und Abschluss des Stücks. Ebenso begeistert Mavie Hörbiger in der Rolle der Célimène, ist es doch ein Genuss, ihr zuzuhören, ein großes Vergnügen, ihr Minenspiel zu beobachten. Ganz wunderbar Alexandra Henkels körperbetonte Darstellung der scheinheiligen Arsinoé, und auch Lili Winderlich weiß mit ihrem zurückhaltenden Spiel die Klugheit und Zufriedenheit von Éliante großartig zu zeigen. Ebenso spielt Christoph Luser den Philinte, Alcestes einzigen Freund, und vermittelt mit großer Wärme seine Solidarität und Verbundenheit. Herrlich Markus Meyer als selbsternannter Dichter Oronte, sprühend erst vor selbstbewusster und dann vor gekränkter Eitelkeit. Tilmann Tuppy und Lukas Vogelsang erfreuen als wunderbares Paar Acaste und Clitandre, zwei feine Pinkel, eitle Gecken wie sie im Buche stehen. Und auch die kleinen Parts von Christoph Griesser als Bosco und Hans Dieter Knebel als Beamter sind spielerisch und sprachlich auf dem Punkt.

Blick hinter die Kulissen

Kušej, das Burgtheater und die Bregenzer Festspiele haben ohne zu übertreiben einen Blick hinter die Kulissen einer Gesellschaft, auch ihrer eigenen Community gewährt, die Molière bereits im Paris des 17. Jahrhunderts ortete und die sich bis heute weltweit gehalten und ihr Spiel meisterlich entwickelt hat.
Großer Applaus für einen großen Theaterabend!