Tobias Grabher, die Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier bescherten dem Publikum ein „österliches Cineastenfest“.
Peter Füssl · 02. Apr 2024 · CD-Tipp

John Surman / Rob Luft / Rob Waring / Thomas Strønen: „Words Unspoken“

Wer wie der Schreiber dieser Zeilen von einem Auftritt des englischen Saxophonisten/Bassklarinettisten John Surman (damals im Duo mit der norwegischen Vokalistin Karin Krog) beim Jazzfestival Saalfelden 1983 dermaßen geflasht war, dass er seither das umfangreiche Oeuvre des experimentierfreudigen Musikers mitverfolgt hat, der weiß, dass es bei aller stilistischen Verschiedenartigkeit des Gebotenen, bei den unterschiedlichsten Besetzungen und Band-Formaten nie eine Surman-Produktion gegeben hat, die auch nur mittelmäßig gewesen wäre. Und dabei geht es seit seinem Debütalbum aus dem Jahr 1969 immerhin um mehr als 40 Alben unter eigenem Namen, und um dreimal so viele anderer Musiker:innen, die er mit seinen Beiträgen veredelt hat. John Surman war und ist ein Garant für Erstklassiges, und das trifft auch auf die zehn neuen Kompositionen zu, die er 2022 im berühmten Osloer Rainbow Studio aufgenommen hat und nun kurz vor seinem 80. Geburtstag bei seinem Münchner Stamm-Label ECM veröffentlicht.

Als Band-Leader ist es John Surman stets gelungen, seine Mitmusiker:innen zu Höchstleistungen zu motivieren, und da reden wir von absoluten Könnern wie Jack DeJohnette, Dave Holland, John Potter, John Taylor, John Abercrombie oder Terje Rypdal, um nur einen Bruchteil der möglichen Kandidat:innen zu nennen. Wahrscheinlich bestand sein Erfolgsrezept immer schon in der gemeinsamen Herangehensweise als Gruppe an die Musik, wie sie Surman in den Liner Notes zu „Words Unspoken“ schildert: „Ich brachte den Musikern einfach ein paar Ideen mit und ohne zu besprechen, wer welche Elemente spielen und wie die Melodien Gestalt annehmen würden, versuchten wir, die Teile zusammenzufügen, indem wir uns einfach gegenseitig zuhörten und entsprechend aufeinander reagierten.“ Das hat auch mit dem englischen Gitarristen Rob Luft, der in letzter Zeit besonders mit der Sängerin Elina Duni in Erscheinung getreten ist, mit dem wandlungsfähigen und vielbeschäftigten norwegischen Drummer Thomas Strønen und mit dem amerikanischen Vibraphonisten Rob Waring bestens geklappt – dieser wohnt wie Surman schon vielen Jahre in Oslo und hat auch schon auf dessen letztem ECM-Album „Invisible Threads“ (2018) seine tiefe musikalische Verbundenheit mit dem Saxophonisten bewiesen. Alle Beteiligten wissen die kreative Entfaltungsfreiheit innerhalb der von Surman angebotenen musikalischen Anreize in den größtenteils zwischen fünf und acht Minuten langen Stücken perfekt zu nützen und den taufrisch wirkenden Altmeister auf Sopran- und Baritonsax, sowie auf der Bassklarinette zu kraftvollen und expressiven Höchstleistungen anzuspornen. Bereits die ersten Sekunden des Albums lassen aufhorchen, wenn Rob Waring im Auftaktstück „Pebble Dance“ seine Schlägel auf dem Vibraphon energievoll tanzen lässt, Strønen mit gefühlvoller Percussion und Luft mit schwebenden Klangwolken die Energie herunterbremsen, bündeln und schließlich in geballtem Maß an Surman weitergeben, der ein an Intensität nicht mehr zu überbietendes, folkloristisch angehauchtes Sopransax-Solo drüberlegt. Schon zum Start Ekstase pur! Darauf folgt das Titelstück, in dem Waring, Luft und Strønen, der mit dunklem Trommelgrollen ganz spezielle perkussionistische Akzente setzt, auf verschiedenen Ebenen wundervoll durch Zeit und Raum mäandern und so den perfekten Soundteppich für Surmans kraftvoll schmachtendes Baritonsax bieten. „Graviola“ ist ein leichtfüßig schwebendes, tänzerisches Stück, in dem die Klangflächen fließend ineinander übergehen. Als besondere Showcases für das Sopransax stechen das lautmalerische, ruhig fließende „Flower in Aspic“, „Precipice“, das durch Strønens Trommelkunst eine interessante Grundierung erfährt, und das achtminütige „Onich Ceilidh“ heraus, das auch Waring und Luft viel Raum für intensive Soli bietet. Auf dem sich durch verzerrte, mitunter auch eigentümlich schrille, fast schon fernöstlich wirkende Klangwelten schlängelnde „Belay That“ und dem durch ein langes Duo mit Strønen eingeleiteten Closer „Hawksmoor“ beweist John Surman seine Meisterschaft auf der Bassklarinette, die dann zum Schluss mit Vibraphon und Gitarre noch ein beschwingtes Tänzchen hinlegt, das auch zum Soundtrack für einen flippigen „Tom & Jerry“-Streifen taugen würde.

(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2024 erschienen.