Derzeit in den Vorarlberger Kinos: The Zone of Interest (Foto: Filmcoopi Zürich)
Michael Pekler · 01. Apr 2024 · Film

Neu in den Kinos: „Ich Capitano“

Zwei senegalesische Teenager brechen nach Europa auf: Matteo Garrone verfilmt die Odyssee als eine zwischen surrealer Schönheit und brutaler Realität angesiedelte Fluchterfahrung.

Seydou (Seydou Sarr) möchte helfen, doch er kann nicht. Und er darf auch nicht, will er nicht selbst sterben. Seit vielen Stunden gehen er und sein Cousin Moussa (Moustapha Fall) durch die Wüste, in einer schier endlos langen Reihe von Männern, Frauen und Kindern. Alle folgen sie dem unbeirrt in der Gluthitze voranschreitenden Führer nach Libyen. „Aidez-moi! Aidez-moi!“ ruft plötzlich eine Frau hinter Seydou. Sie ist zu Boden gestürzt, erschöpft, mit zerschundenen Füßen. Seydou redet auf sie ein, gibt ihr zu trinken. Doch er kann nichts für sie tun – wenn Moussa und er den Anschluss an die Gruppe verlieren, werden sie in der Sahara zurückgelassen.
Doch plötzlich geschieht Erstaunliches und, wie man meint, zugleich Vorhersehbares: Kaum hat er sich abgewandt, läuft Seydou zur sterbenden Frau zurück und hilft ihr in die Höhe. Worauf sie sich bei ihrem Retter bedankt und – man traut den Augen kaum – mühelos über dem leuchtend gelben Wüstensand zu schweben beginnt. Eine Illusion, für Seydou möglicherweise eine Fata Morgana des schlechten Gewissens, ein an Kitsch grenzender lyrischer Moment in einem Film, der realistisch vom Leiden und Sterben jener erzählt, die sich aus Afrika auf den Weg nach Europa machen.

Naive Träumer

Es wird weitere solche Augenblicke in „Ich Capitano“ („Io capitano“) geben, in dem der italienische Filmemacher Matteo Garrone von der Odyssee zweier senegalesischer Jugendlicher erzählt, die zu einer Reise ins Ungewisse aufbrechen. Seydou und Moussa sind sechzehn Jahre alt, leben in Dakar, besuchen die Schule und träumen von einer Karriere als Musiker. Aber nicht im Senegal, sondern in Europa, wo die Weißen sie feiern werden. Obwohl von Beginn an kein Zweifel besteht, dass die beiden naiven Träumer die bittere Wahrheit kennenlernen werden, gewährt ihnen Garrone erstaunlich lange die Hoffnung. Seydou und Moussa fliehen aus keinem Slum, sie leiden nicht Hunger, sondern haben Familie, Geschwister, Freunde. Und dennoch vergraben sie monatelang ein Bündel Geld und nehmen eines Tages den Bus Richtung Mali. Wo das Ersparte rasch weniger wird und die Passfälscher, die korrupten Grenzsoldaten und die Schlepperbanden schon auf sie warten.
„Ich Capitano“, mit einer Nominierung für den Auslandsoscar bedacht, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Garrone, seit seinem internationalen Erfolg „Gomorrha“ als einer der profiliertesten italienischen Regisseure gehandelt, zeigt kein Interesse an der Ästhetik bekannter Nachrichtenbilder von Flucht und Vertreibung, die in überfüllten Schlauchbooten im Mittelmeer enden. Im Gegenteil entledigt er sich mit einem Schlag der Bürde, das Elend möglichst realistisch nachzeichnen zu müssen: Nahezu pittoresk wirkt die bunte Vorstadt von Dakar zu Beginn des Films, wo gefeiert, getanzt und gelacht wird. Für sein realistisches Bild genügen Garrone die beiden formidablen Laiendarsteller und Wolof als Originalsprache. Doch Seydou und Moussa fliehen nicht vor Krieg oder der Klimakatastrophe, sondern wollen schlicht reich werden. Ist das Grund genug für zwei leichtsinnige Burschen, sich tödlicher Gefahr auszusetzen, körperliche Grausamkeiten in Gefängnissen und psychische Qualen auf sich zu nehmen? Dies dem Film zum Vorwurf zu machen, so geschehen anlässlich seiner Uraufführung beim Festival zu Venedig, erscheint dennoch müßig.

Heldengeschichte

Irritierender als die von Kameramann Paolo Carnera in satten Farben fotografierten Wüstenbilder und Garrones surreale Traumsequenzen ist hingegen die Entwicklungsgeschichte, die Seydou – den Cousin und Freund Moussa verliert der Film zwischenzeitlich aus dem Blick – am Ende seiner Reise zum titelgebenden Kapitän werden lässt. Mali, Niger, Libyen – gleich einem Initiationsritual durchquert der junge Mann die Stationen seiner Odyssee, um schließlich immer mehr zum selbstbestimmten Akteur zu werden. Doch damit erzählt „Ich Capitano“ letztlich eine Heldengeschichte eines Reisenden, der auszog, die Welt zu erobern. Der wahre Held wäre, wie Seydous alleinerziehende Mutter es von ihm verlangt, zu Hause geblieben und hätte die Verantwortung für jene übernommen, die ihn brauchen und lieben.