Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Peter Niedermair · 02. Sep 2023 ·

Theater anart Hard: Dagmar Ullmann-Bautz inszeniert in der Kammgarn „Die Insel in mir" von Daniela Egger

Die „Herausforderung Demenz" ins öffentliche Bewusstsein rücken

Das Theaterstück „Die Insel in mir" ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie soziale Institutionen mit Mitteln der Kunst und Kultur Bewusstseinsbildung für soziale Themen schaffen. Ziel ist das Befördern von Gesprächen und Auseinandersetzungen.

Im Septemberheft ‘23 der „Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft“ redet Katharina Klein mit Daniela Egger und Nikola Furtenbach über die Frage, wie soziale Institutionen mit einem Zugang zu Kunst und Kultur Bewusstseinsbildung für soziale Themen schaffen. Ziel ist das Befördern von Gesprächen und diskursiven Auseinandersetzungen. Ein aktuelles Beispiel, wie Kunst und Kultur als bedeutsame „Türöffner“ für den angestrebten Einstellungswandel im Hinblick auf Demenz funktioniert, um die bereits vorhandenen Aktivitäten und Innovationen auszuweiten, neue Zugänge zu schaffen und bestehende weiterzuentwickeln, ist das Theaterstück „Die Insel in mir“. Dagmar Ullmann-Bautz hat mit ihrem anart-Theater das von Daniela Egger verfasste Stück am 1. September in der Harder Kammgarn inszeniert. Die Premiere war ein großer Erfolg, das Publikum von der außergewöhnlichen Inszenierung begeistert. Aktuell gibt es am 2. und 3. September nochmals Gelegenheit, das Stück zu sehen. Weitere Aufführungen im November und im kommenden Frühjahr sind in Planung. Das sprachlich und inhaltlich anspruchsvolle Stück ermutigt mit den Mitteln der Kunst, dass wir uns in Zukunft mit dem Thema Demenz noch intensiv beschäftigen müssen.

Die „Herausforderung Demenz“ ins öffentliche Bewusstsein rücken

Im Jänner 2012 übernahm die in kulturellen Netzwerken eingebundene Autorin Daniela Egger das Projektmanagement der Aktion Demenz. Mit ihrem Team ist es gelungen, neue Schichten der Bevölkerung zu sensibilisieren, Menschen, die weder privat noch beruflich mit dem Thema Demenz konfrontiert sind. Diese zu erreichen ist ebenso wichtig, um das Image dieser Krankheit zu verändern. „Im Mittelpunkt der Aktion Demenz steht die Vision, dass in Vorarlberg Menschen mit Demenz am öffentlichen und sozialen Leben teilhaben. Wir wollen mit der Aktion Demenz einen Beitrag zur würdigen Umsorgung leisten. Als zentrale Aufgabe sehen wir die Verbesserung der Lebensbedingungen für Menschen mit Demenz. Durch Öffentlichkeitsarbeit wird das Bewusstsein für die Thematik gestärkt und ein aufgeklärtes Bild von Demenz vermittelt.“ Das Theaterstück „Die Insel in mir“ ist eine literarisch poetische, sensible und sinnliche, unter die Haut gehende und auch humorvolle Auseinandersetzung mit der Krankheit Demenz und ihren Auswirkungen auf die Beziehungen innerhalb des sozialen Systems Familie.
„Die Insel in mir“ präsentiert im Zentrum des Stücks wesentliche Teile der Geschichte von Doro, einer Musikerin in ihren 70ern mit einer demenziellen Entwicklung. Sie wird umsorgt von Milena, ihrer 24-Stunden Betreuerin, sowie Tochter Rita und deren Familie. Doro, die insgesamt in drei Frauenfiguren in unterschiedlichen Altersstufen aufgeteilt ist, und Theo, ihr verstorbener Mann, führen weiterhin intensive Gespräche und musizieren zusammen, denn Doros Wahrnehmung ist inzwischen unabhängig von den faktischen Ereignissen des Lebens. Sie fühlt sich in dem Haus, in dem sie schon so lange lebt und in dem sie gemeinsam ihre Kinder großgezogen haben nicht mehr wohl. Es ist ihr keine Heimat. Sie möchte zurück in ein imaginiertes früheres Zuhause in Marrakesh, das es aber nicht mehr gibt. Ihr Wunsch, ihren Sehnsuchtsort wieder zu konstituieren, bringt ihre Tochter Rita und deren Familie auf die Frage nach der besten Lösung für die Zukunft. Soll Doro in ein Pflegeheim kommen, oder sollen sie zusammenziehen und das große Haus übernehmen, um besser auf Doro achten zu können? Während des gesamten Stücks stehen immer drei Dorotheas – jung bis alt – auf der Bühne, um noch eindrücklicher die Lebensganzheit des Menschen, besonders dieser Frau zu zeigen, die in ihrer Verwirrtheit ihr Menschsein, ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Hoffnungen und Träume, auch durch ihre Vergesslichkeit nicht verloren hat.
Angela Gangl spielt die 78-jährige Dorothea: „Wörter stehlen sich davon, und dann sind sie auf einmal wieder da, wie die Möbel, die hier herumstehen. Die machen auch, was sie wollen." Nina Malfer spielt die 20-jährige Dorothea: „Aber ich bin glücklich! Wovon redest du?“ Simona Wulf verkörpert die 38-jährige Dorothea­: „Der Kalk hinterlässt weiße Spuren an der Kleidung, wenn ich an der Wand lehne. Ich lehne oft an der Wand.“ Dorothea repräsentiert im Stück eine Modellfigur, an der wir in der offenen komplexen Zeichnung von Daniela Egger das Wesentliche für den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit Demenz erfahren. Der Bogen ist weit gespannt, Ralf Stoffers spielt Mark, den Mann von Rita, und sagt über sie: „Seit sie dement ist, wird sie immer netter.“ Das Splitten der Dorothea Figur in drei Frauen ist eine kluge Entscheidung der Regisseurin.

„Wenn ich dir zuhöre, sehe ich die Sterne nicht“

Demenz bedeutet übersetzt aus dem Lateinischen „ohne Geist“. Das Menschenbild, das diesem Text zugrunde liegt, versteht den alten, verwirrten Menschen aber nicht als geistloses Wesen, sondern als Person, deren geistige Dimension unter allen Umständen erhalten bleibt. Es ist das Menschenbild des Shoa-Überlebenden Viktor E. Frankl. Zitiert nach Ingrid Bruckler „Menschsein – trotz Demenz / Über die Krankheit des Vergessens“. Sie weist auch darauf hin, dass die Bedeutung einer liebevollen, wertschätzenden Beziehung zwischen der vergesslichen Person und ihrer sozialen Umgebung immens sei. Denn die Qualität des Umgangs und des Verhaltens der Pflege- oder Bezugsperson habe Einfluss darauf, ob die vorhandene Verhaltensauffälligkeit verschärft oder gemildert werde.

„Ich bin über den Rand gefallen. Ganz leise. / Nimmst du mich mit? / Es ist eine holprige Reise.“

Das Stück bringt die Sichtweise der dementen Dorothea auf Augenhöhe mit der Lebenswelt der anderen Personen, die sich fürsorglich jenen Fragen stellen, die die Krankheit an die gesamte Familie richtet. Das langsame Abschiednehmen von der Mutter, wie sie früher war, ist für Tochter Rita sehr schwer, die Zurufe des Bruders Tony aus dem fernen Wien sind nicht unbedingt hilfreich. Daniela Egger leitet die Aktion Demenz von connexia und beschäftigt sich seit dem Jahr 2012 mit dem Thema Demenz. „Für mich war es wichtig, dass die Hauptperson möglichst viel von ihrer Welt mitteilen kann. Dafür braucht sie ein Gegenüber, das ihr vollkommen recht gibt und darauf verzichtet, sie zu berichtigen. Dieses Gegenüber ist Milena, eine 24-Stunden Betreuerin, die mit viel Gespür und Humor den Alltag von Doro strukturiert und erleichtert. Milena ​ist als Mensch einfach präsent in Doros Leben, sie entzieht sich auch nicht mit ihrem eigenen Schmerz und ihrer Einsamkeit, sondern begegnet Doro täglich neu und mit großer Offenheit.“ Die substanzielle Beziehung dieser beiden Frauen ist ein Beispiel für eine gelingende Betreuungssituation, auch wenn diese eine Schieflage aufzeigt, die das österreichische Pflegesystem prägt. Wir sind auf die Dienste von Betreuer:innen aus sozial ärmeren Ländern angewiesen. Das Stück thematisiert u.a. auch die Frage, welchen Preis diese unverzichtbar wichtigen Betreuer:innen dafür bezahlen.

Die Farbe Blau und andere Inseln

Die Regisseurin Dagmar Ullmann-Bautz hat, nachdem 2015 bei ihrer Mutter eine beginnende Demenz diagnostiziert wurde, sich intensiv mit dieser Krankheit auseinandergesetzt, hat gemeinsam mit ihrer Schwester Renate Bautz und der Unterstützung von Daniela Egger ein umfangreiches Übungsprogramm, eingebettet in einen speziell auf ihre Mutter zugeschnittenen Tagesrhythmus entwickelt. Für Dagmar Ullmann-Bautz hat das Schockwort ‚Demenz‘ inzwischen viel an Schrecken verloren und zunehmend entdeckte sie auch positive Aspekte dieser Erkrankung, eine, wie sie selbst einräumt, natürlich sehr subjektive Erfahrung. ‚Mama und ich, wir lachen viel öfters zusammen, haben mehr Spaß und genießen insbesondere eine berührende und wohltuende Nähe! Mir fällt es leicht, ihr nicht zu widersprechen, denn weshalb sollte sie in ihrem Alter noch irgendwelchen Konventionen folgen, das musste sie ja schon ihr ganzes Leben!‘
Für die Regisseurin Dagmar Ullmann-Bautz ist es ein großes Anliegen, genau diese positiven Seiten, wie die gemeinsame Freude, den Spaß, das „Verrückt Sein“, das gemeinsame Erinnern, in den Mittelpunkt zu stellen. Darüber hinaus soll im Stück neben all den Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gilt, eine ganz individuelle Geschichte erzählt werden, mit einer guten Portion Humor und Poesie. Dabei wird ein Chor, der Originalzitate von Menschen mit Demenz deklamiert, zu einem zentralen Element des Stücks. Die Sätze stammen aus Gesprächen mit Betroffenen, sie sind aus dem Zusammenhang herausgelöst und neu arrangiert. Ihre Kraft soll die vielen Aspekte einer Demenz eindringlich auf die Bühne bringen.

​„Gehst du mit mir, es ist ein holpriger Weg“

In den 80 Minuten des Stücks entwickelt man das Gefühl einem Schauspiel surrealer Zukunft beizuwohnen, einem Kabinett von Kuriositäten. Daniela Eggers Text ist hochkomplex, durchwoben von Originalzitaten demenzkranker Menschen und sprachlich beachtlich. In einer Stunde und 20 Minuten erfährt man Substanzielles in vielen verschiedenen Facetten und Perspektiven, differenziert und umfassend, wie das Stück auf das Thema Demenz und den gesellschaftlichen Umgang damit eingeht. Theatral gesehen ist es extrem berührend, Einblicke in diese innere Erlebenswelt einer Person zu bekommen und das Publikum mit eigentlich so wenigen Bildern auf dieser holprigen Reise mitzunehmen, in diese Innenwelten einzusteigen, sich darauf einzulassen, wenn sie plötzlich nachts um drei die Wände blau anmalen will, oder wenn sie Möbel entsorgt, was aus der Außenperspektive unverständlich bleibt. Das gelingt ihr über diesen Perspektivenwechsel, so dass man am Ende ein Gespür dafür bekommt, dass diese scheinbar unverständlichen Handlungen in einen Sinnkontext gestellt werden können. Gleichzeitig sind andere brennenden gesellschaftspolitischen Fragen im Stück aufgenommen; in vielschichtiger Weise wird die Situation der pflegenden Angehörigen thematisiert, genauso wie die Einsamkeit von Dorothea und das Heimweh der Pflegerin, oder auch die Situation mit der Ärztin, die auf die Bühne kommt und für kurze Momente eine Fassade wie erstarrt zu erleben ist.
Die Inszenierung kommt wie ein gesellschaftliches Lehrstück daher, ohne auch nur den geringsten Zeigefinger zu erheben. Es ist vielmehr wie ein Spiegel, man schaut auf diese Situation und das Geschehen und gelangt zur Einsicht, warum kann man diese Dorothea nicht in ihrer Welt lassen? Diese Realitätswelt, in der wir uns bewegen und erleben, wie diese Welt auf die andere, die Innenwelt dieser Frau, clasht und damit eigentlich Zeit und Raum aufgehoben sind, „ich wohne gleichzeitig in vielen Zimmern, nur weiß das niemand“. Man sitzt mit allen diesen normativen Vorstellungen von Leben im Theater und fragt sich, warum lassen sie diese Frau nicht einfach sein, so wie sie ist. Bühnenbild und Ausstattung sind sehr reduziert und karg. Die Musik trägt das Stück, leise wie auf einem Teppich.

„Die Wörter sind mir hinausgefallen“

Die schauspielerische Leistung ist beachtlich, besonders Angela Gangl als die ältere Dorothea, die am stärksten diese Demenz repräsentiert. Dem Stück ist zu wünschen, dass es von vielen Besucherinnen gesehen und gehört werden kann; dass es in Gemeinden gezeigt wird. Man muss das Stück zu den Menschen bringen, es geht darum, das Thema Demenz zu verrücken und es ein Stück weit zu enttabuisieren. Weil es so prägnant und so einleuchtend und unter die Haut gehend ist, sich in diesen Perspektivenwechsel einzufühlen, in die Erlebenswelt einer Person, nicht diese Person in unsere rational-kognitive Welt zurückholen will, die Krankheit verliert damit etwas vom Verstörenden. Wenn man sich mit Neuroerkrankungen wie Demenz befasst, weiß man aus den Alltagserfahrungen schon ziemlich einiges. Und trotzdem entwickelt diese Darstellungsform, das Thema mit den Mitteln des Theaters auf die Bühne zu bringen, in die Formensprache des Theaters zu verpacken, eine starke Energie, sich in das Erleben dieser Dorothea einzuschwingen, einzufühlen … und intuitiv zu spüren, wie man ihr eigentlich begegnen sollte.

Es spielen: Hans Braun, Ulli Filler, Angela Gangl, Gilbert Hämmerle, Maria Keckeisen-Felder, Elisabeth Lindner, Nina Malfer, Verena Steurer, Ralf Stoffers, Simona Wulf;                             
Kostüme: Caro Stark und Ulli Filler, Musik: Thomas Reif, Bühne und Regie: Dagmar Ullmann-Bautz, Layout und Grafik: Heinz Franziska Ullmann, Fotos: Heinz Franziska Ullmann, Roland Breuss und Jean Theisen                                                                                                                             
Weitere Aufführungen: 2. / 3. 9.  jeweils 20 Uhr in der Kulturwerkstatt Kammgarn in Hard; weitere Aufführungen sind im November und im Frühjahr 24 geplant - Kartenreservierung per Mail: anarttheater@gmx.at oder telefonisch unter 0677 64807853
Buchempfehlung: Bruckler, I: Herausforderung Demenz, Facultas Verlag, April 2019.