"Die Sterne" im Spielboden Dornbirn: Frontmann Frank Spilker und Philipp Janzen an den Drums (Foto: Stefan Hauer)
Peter Füssl · 09. Apr 2024 · CD-Tipp

The Messthetics and James Brandon Lewis

Drummer Brendan Canty und Bassist Joe Lally bildeten ab 1987 für eineinhalb Jahrzehnte als rhythmisch-explosives Kraftpaket die grundsolide, zumeist beinharte, aber höchst bewegliche Basis der legendären Post-Hardcore Band Fugazi, die sich stets den Mechanismen der Musikindustrie verweigerte und dennoch von Washington D.C. aus den unangepassten Teil der Post-Punk- und Indie-Rock-Welt mit wichtigen Impulsen versorgte. Fugazi (zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von „Fucked Up, Got Ambushed, Zipped In“) haben sich zwar niemals offiziell aufgelöst, aber dennoch komplett ins Private zurückgezogen. Umso erfreuter waren die Fans, als Canty und Lally sich 2016 mit dem experimentierfreudigen, stilistisch alle Grenzen sprengenden, aber durchaus Jazz-affinen Gitarristen Anthony Pirog zum Power-Trio The Messthetics zusammenschlossen, um 2018 mit dem Debütalbum und ein Jahr später nochmals mit „Anthropocosmic Nest“ kraftvolle Lebenszeichen zu setzen.

Mit ihrer gewagten Mischung aus rauen und hochenergetischen Ausbrüchen und ätherisch verlangsamten Stücken holten sie den aufgeschlosseneren Teil der Fugazi-Gemeinde ebenso ab, wie die auch Härterem gegenüber aufgeschlossenen Jazz-Fans. Mit dem dritten Album gehen die Messthetics nochmals einen entscheidenden Schritt weiter, denn der in New York stationierte Saxophonist James Brandon Lewis steht dem Trio in Sachen Vielseitigkeit und Experimentierfreude um nichts nach. Lewis und Pirog kannten und schätzten sich schon seit Langem, was letztes Jahr zu einer ersten Kooperation des nonkonformistischen Vierers führte, als der Saxophonist sein Album „Eye of I“ mit der wahnwitzigen, achtminütigen Achterbahnfahrt „Fear Not“ enden ließ. Da diese erste Zusammenarbeit über alle Maßen zufriedenstellend verlief und von der Kritik bejubelt wurde, war eine Fortsetzung der Aktivitäten im Quartett-Format wohl die logische Folge. Durch den eigentlich vom Gospel herkommenden, aber in den unterschiedlichsten Jazz-Idiomen versierten Lewis, hat sich das musikalische Vokabular der Band natürlich erheblich erweitert.

Eröffnet wird das Album mit dem rumpelnden Jazz-Rock-Stück „L’Orso“, in dem sich Gitarre und Sax erstmals die gleichermaßen impulsiven wie expressiven Soli teilen, während Canty und Lally mit ihrer kompromisslosen Rhythmus-Arbeit ganz klar den Weg weisen. „Emergence“ prescht in atemberaubender Post-Punk-Dringlichkeit voran, und auch das mit kreischender Gitarre und röhrendem Tenorsax explodierende „That Thang“ gönnt keinerlei Atempause. Die bekommt man dann erst knapp vor Schluss bei der mit feiner Klinge geschriebenen Ballade „Asthenia“ serviert. Auch das mit siebeneinhalb Minuten längste Stück „Boatly“ startet wundervoll melodisch, zieht dann aber das Tempo an und mündet in infernalische Sax-Ausbrüche und donnernde Drums, die in seltsamem Kontrast zu den ruhig gezupften Gitarrenakkorden stehen. „The Time Is The Place“ setzt das musikalische Wechselbad nahtlos fort, wohingegen der Zug in „Railroad Tracks Home“ unbeirrt groovend seinen Weg durch eine sanft anmutende Landschaft sucht – zumindest im Vergleich zum verminten Gelände in manch anderen Stücken. Etwa im Closer „Fourth Wall“, der nochmals ein ordentliches Tempo vorlegt und in heftig rockenden Gitarrenläufen gipfelt, ehe er mit einem eigenwillig suchenden, einsamen Solo-Saxophon endet. Ein phantastisches Album für nicht zu zart besaitete Seelen!

(Impulse/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2024 erschienen.