"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Mirjam Steinbock · 28. Dez 2016 · Tanz

Zauberhaft anmutiger Tanz am See – Die Lindauer Marionettenoper begeistert mit „Schwanensee“

Mit ihrem Puppenspiel möchten sie menschlichen Vorbildern möglichst nahe kommen - so lautet das Ziel der Marionettenoper. Bei „Schwanensee“, dem einzigen Ballett des sonst aus Opern bestehenden Repertoires, wurde die Latte noch ein Stück höher gesetzt: Zusätzlich sollten die Anstrengungen der Tänzerinnen und Tänzer sichtbar gemacht werden; auch wenn diese an Fäden hängen und scheinbar mühelos über die Bühne schweben. Dass hinter der Leichtigkeit viel Arbeit steckt und es ein Höchstmaß an Virtuosität von den Spielenden erfordert, davon durfte sich das Publikum bei der Aufführung am ersten Weihnachtsfeiertag überzeugen.

„Schwanensee“ gehört zu den berühmtesten Balletten und begeistert seit gut 120 Jahren in klassischen wie modernen Inszenierungen. Dabei sah es für die von Pjotr Iljitsch Tschaikowski komponierte Suite zu Beginn nicht sehr erfolgsversprechend aus. Das Ballett floppte 1877 bei der Uraufführung am Moskauer Bolschoi-Theater. Das mangelnde Vermögen des Ballettensembles, die Streichung schwieriger musikalischer Passagen und der Ersatz von leichteren Nummern anderer Komponisten führten dazu, dass das Auftragswerk beim Publikum nicht gut ankam. Achtzehn Jahre später wurde „Schwanensee“ mit geändertem Libretto und einer neuen Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanov im Mariinski Theater in St. Petersburg erneut aufgeführt und an diese Inszenierung lehnten sich viele später an. Auch die Lindauer Marionettenoper nahm diese als Basis für ihre Interpretation. Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens wurde das Ballett 2010 nach einer zweieinhalbjährigen Vorbereitungszeit und rund 100 Proben erstmals aufgeführt.

Lang gehegter Wunsch

Ein Ballett ins Repertoire aufzunehmen entsprach schon lange dem Wunsch des künstlerischen Leiters und Puppenbauers Bernhard Leismüller, der die Marionettenoper vor sechzehn Jahren in Lindau gründete und sie dort etablierte. „Die Kombination aus Musik und Bewegung ist für Marionetten eine schöne Herausforderung“, sagt der Puppenspieler, der selbst Tanzerfahrung hat und seine Lehrerin Jutta Mähr als Choreografin engagierte. „Selbst hätten wir die Tänze nicht einstudieren können. Es braucht bei jeder unserer Produktionen einen Regisseur, der vom Zuschauerraum aus die Fäden zieht. Der Spieler selbst sieht ja alles nur aus der Vogelperspektive. So konnten wir mit Frau Mähr eine Choreografie entwickeln, die zwar an die von Marius Petipa angelehnt ist, aber die auch die Marionetten bewältigen können.“

Geschnitzte Köpfe, gedrechselte Oberschenkel

Ganz spezielle Marionetten wurden für Schwanensee angefertigt. Besonders ist, dass diese die Köpfe unabhängig vom Körper bewegen können und auch die Beine weisen eine andere Beweglichkeit auf als das sonst der Fall ist. Leismüller, der sowohl die Puppen anfertigt als sie auch bemalt und die Kostüme kreiert, holte sich die Unterstützung von drei Holzbildhauern für den Entwurf der Köpfe, die Schnitzarbeiten und die Anfertigung der gedrechselten Becken und muskulösen Oberschenkel. Aus Lindenholz bestehen die sichtbaren Gliedmaßen und sie werden ausgehöhlt, damit die Puppen möglichst leicht bleiben. Mit 800 Gramm Gesamtgewicht fordern sie den Spielenden dennoch Einiges ab. Zumal die sechs Personen auf der Brücke im Spiel immer wieder aneinander vorbei gehen und dadurch umgreifen müssen. Ein Verheddern der Fäden im Bühnenbild finde jedes Mal statt, so Leismüller. Dass dies jedoch dem Publikum nicht auffällt, kennzeichnet die Kunst, die die Marionettenoper auszeichnet.

Bewegungen ersetzen Mimik

Bei Schwanensee ist es der grazile Tanz der feingliedrigen Puppen im liebevoll ausgestatteten Bühnenbild, der begeistert. Prinz Siegfried feiert mit seinen Freunden auf einem Dorfplatz nahe des Schlosses seinen Geburtstag. Ausgelassen und fröhlich ist die Stimmung, die beiden Freunde tanzen mit zwei Dorfmädchen, deren beleibte Mutter immer wieder beherzt durch die Szenerie gleitet und deren misstrauischer Vater das Geschehen beäugt und schließlich selbst, obwohl am Stock gehend, fröhlich das Bein schwingt. Eine nahende Pferdekutsche ist bereits im Hintergrund vor glänzendem Wasser und der Schloss-Silhouette zu sehen und schließlich kommt die Königin mit ihrem Hofnarren, um dem Prinzen die Heirat nahezulegen. Dies löst bei diesem eine tiefe Melancholie aus.
Obwohl das jeweilige Thema vom Komponisten musikalisch geprägt wurde und auch die Geschichte von Schwanensee bekannt sein sollte, sind es die Gesten und Bewegungen der Puppen, die den Gemütszustand nur zu sichtbar machen und im Publikum viel Mitgefühl auslösen. Zarte Handbewegungen, die Neigung des Kopfes und ein entschlossener Schritt ersetzen Worte und Mimik und es ist klar, worum es geht. Wenn die Königin beim Ball dem Tanz einer bayerischen Prinzessin zunächst wohlwollend zuschaut und mit dem Oberkörper mitwippt und schließlich beim hüpfenden Dekolleté der bajuwarischen Tänzerin entrüstet den Kopf schüttelt, wird nicht nur das Ringen um eine gute Prinzenpartie deutlich. Auch die Hofetikette wird kristallklar dargestellt.

Detailreich ausgestattet

Präzise Beobachtungen müssen dem vorangegangen sein. Aber nicht nur Menschen wird in diesem Theater Leben eingehaucht, auch Tiere bekommen ihren Schauplatz. Der Schwan, der eigentlich die Prinzessin Odette ist und von Rotbart verzaubert nur nachts Menschengestalt annehmen kann, fliegt elegant über das Schilf des Sees, die Pferde der Königskutsche scharren mit den Hufen in freudiger Erwartung des Futters, zwei Pudel streiten um eine geklaute Wurstkette und hüpfen in vollendeter Dressur über das Bein des Hofnarren und ein Frosch hüpft zwischen zwei Szenen vergnügt am Ufer des Sees.
Bezaubernde und erheiternde Details machen dieses Ballett zu einem Genuss, allein das Auge vermag nicht all die raffinierten Kleinigkeiten in der Kleidung oder im wunderschön gestalteten Bühnenbild auszumachen. Aber man spürt die akribische und mit viel Passion angefertigte Ausstattung in ihrer Gesamtkomposition.

Regiekonzept mit vielen Clous

Ergänzt wird sie durch die gute technische Ausführung der Ballettfiguren wie der mit hohem Bein ausgeführten „Arabesque“ der anmutigen Tänzerinnen oder der die vielen Sprünge ermöglichenden Kniebeuge, der „Pliés“, der Tänzer. Auch viele Hebefiguren sind Teil der Choreografie und es erstaunt, wie das bei den vielen Fäden überhaupt möglich ist. Das fällt vor allem bei den vier Schwänen in ihrem synchronen Tanz auf, der sogar in den Kopfbewegungen mit dem Original übereinstimmt.
Auf einer guten Idee fußt auch die Umsetzung des Solos des schwarzen Schwans auf dem Ball: Rund dreißig Ausführungen des „Fouetté en tournant“, einer Drehung mit Pirouetten und kreisförmigen Bewegungen des Beines in der Luft sind auch hier mittels einer Vorrichtung möglich. Einer von vielen Clous des Regiekonzepts von Bernhard Leismüller, welche bereits im Vorfeld entwickelt wurden, damit sie beim Marionettenbau berücksichtigt werden konnten. Spontane Entscheidungen sind hier nicht möglich und das ist der maßgebliche Unterschied zur Regie- und Choreografie-Arbeit beim menschlichen Theater sowie ein weiterer Beweis, wie hochprofessionell dieses Unternehmen agiert.

Backstage

Einen Blick hinter die Bühne durfte das Publikum nach der rund zweistündigen Aufführung übrigens auch noch werfen. Es wurden Fragen beantwortet und man hatte die Möglichkeit, den so menschlich wirkenden Figuren tief in die Augen zu schauen. Nicht nur einen Besuch ist die Marionettenoper wert. Das umfangreiche Repertoire an Opern, einem Märchen und eben diesem Ballett regt an, öfter mal einzutauchen in die bezaubernde Welt bewegter Puppen.

Nächste Vorstellung: „Die Fledermaus“ am 30.12.2016, 19.30 Uhr.

Spielplan 2017 und Details: http://www.marionettenoper.de