„Antigone" in einer Bearbeitung von Michael Köhlmeier derzeit im Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.(Foto: Jan Friese)
Peter Füssl · 18. Jun 2017 · Tanz

Wahnwitziger Selbstergründungs- und Selbstoptimierungstaumel – tanz ist-Finale mit „Candy’s Camouflage“ von Liquid Loft/Chris Haring

Mit „Candy’s Camouflage“ präsentierten Liquid Loft/Chris Haring am Dornbirner Spielboden den dritten und letzten Teil ihrer von Andy Warhols frühen filmischen Arbeiten inspirierten Performance-Reihe „Imploding Protraits Inevitable“. War der letztes Jahr aufgeführte zweite Teil „False Coloured Eyes“ noch als grellbunte Selbstdarstellungsorgie konzipiert, so war die diesjährige siebzigminütige Performance durch Reduktion in allen Bereichen gekennzeichnet – von sechs auf drei Darsteller, von psychedelischen Farben auf Schwarzweiß, von wildem Durcheinander auf ruhige Konzentration. Ein sehr intensives Erlebnis, das weit mehr Fragen aufwarf, als es Antworten gab.

Zugleich Betrachter und Betrachtete ...

 

Katharina Meves, Karin Pauer und die schwangere Stephanie Cumming bedienen Scheinwerfer und Camcorder, stehen gleichzeitig vor und hinter der Kamera, sind zugleich Betrachter und Betrachtete, Darsteller und Zuschauer, Subjekt und Objekt. Sie beherrschen das filmtechnische Handwerk mittlerweile – wir haben es immerhin mit dem Finale einer Trilogie zu tun – gleichermaßen souverän wie die Performancekunst. Die Live-Aufnahmen werden mit zwei Projektoren sich leicht überlappend auf eine überdimensionale Leinwand geworfen, wo die Bilder nunmehr in Schwarzweiß im Stil des Film Noir ihr Eigenleben entwickeln. So entsteht neben der dreidimensionalen Live-Performance der Tänzerinnen auf der spartanischen Bühne und deren auf unterschiedlichste Weise manipuliertem, zweidimensionalen Abbild auf dem Screen eine Art dritte Dimension aus der Interaktion dieser beiden Darstellungsebenen. Verstärkt, unterstrichen, konterkariert oder hinterfragt werden die Bilder vom aus fragmentarischen Sprachfetzen, Liedteilen, volkstümlichen Zungenbrechern, Elektronikschnipseln und Alltagsgeräuschen zusammengemischten Soundtrack von Andreas Berger.

 

Konzentration auf das Innenleben

 

Die drei Protagonistinnen erschaffen Imaginationen von mythischen Göttinnen, archaischen Prinzessinnen, orientalischen Frauen, Baby Dolls und It-Girls, also von unterschiedlichsten Formen des Femininen, lassen Sein und Schein verschwimmen, nutzen ihre spärliche Kleidung geschickt zu Camouflage und Verwandlung. Sie entwerfen sich immer wieder neu, setzen sich zueinander in Beziehung, verstricken und entwirren sich, ziehen sich an und stoßen sich ab. Das Äußerliche überdimensional auf die Leinwand geworfen, in gnadenlosen Close-ups, Körpermutationen oder eigenwilligen Deformationen gipfelnd, legt zunehmend das Innenleben der Akteurinnen offen, lässt nebelhaft deren Träume, Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte erahnen und wieder verschwimmen. Deutungsebenen und Perspektiven werden schräg durcheinandergeschüttelt. Euphorie und Langeweile, Tragik und Witz, Tiefgründiges und Oberflächliches, Sein und Schein liegen in diesem Selbstergründungs- und Selbstoptimierungstaumel nah beieinander. Also eine vortreffliche Hommage an die reale Candy Darling, jene transsexuelle Drag Queen und Kurzzeit-Superstar-Diva aus dem sich in den späten 1960-er, frühen 70er-Jahren in der New Yorker Szene austobenden Warhol-Clan. Sie dient als Sinnbild für die Suche nach einer eigenen Identität, aber auch für extreme Selbstdarstellung und für die Entwicklung einer realen Person zu einer medialen Existenz. Und ähnlich wie Warhol und Darling werfen auch Liquid Loft/Chris Haring weit mehr Fragen auf, als sie Antworten geben und hinterlassen die Zuschauer ein wenig ratlos. Alles andere wäre ja auch vermessen und langweilig.