Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Tarja Prüss · 13. Aug 2025 · Tanz

Tango zwischen See und Sehnsucht

Tango-Abend bei den Bregenzer Festspielen

Es gibt Musik, die den Herzschlag eines Landes trägt – in Finnland ist es der Tango. Er klingt in Moll, weht wie ein kühler Sommerwind über spiegelglatte Seen und erzählt von Abschieden, die niemals enden. Seine Geschichten handeln von Liebe, die im Dämmerlicht verweilt, und von einer Wehmut, die nicht traurig macht, sondern lebendig. An diesem Sommerabend in Bregenz schien der Bodensee für einen Moment Teil dieser nordischen Szenerie zu werden. Die neue Intendantin der Bregenzer Festspiele, Lilli Paasikivi, brachte den finnischen Tango auf die Bühne – flankiert von strahlenden Namen der Szene: Arja Koriseva, Tangokönigin des Jahres 1989, und Johannes Vatjus, Tangokönig von 2019. Begleitet wurden sie vom Ensemble Alakulo und dem deutschen Autor und Moderator Roman Schatz, der seit vielen Jahren in Helsinki lebt.

Der Tango-Abend war die erste Veranstaltung der Festspiele, die ausverkauft war. Noch kurz vor Beginn standen Besucher vor dem Eingang in der Hoffnung, eine nicht abgeholte Karte zu ergattern – vergeblich. Drinnen wartete ein Publikum, das neugierig auf die Klänge eines Landes war, das viele eher mit Stille, Wäldern und dunklen Wintern verbinden.

Zwischen Volksmusik und Weltbühne

Arja Koriseva, eine der beliebtesten Sängerinnen Finnlands, begann mit 13 Jahren Tango zu singen, tief verwurzelt in einer Familie, in der Musik zum Alltag gehörte. „Tango war für uns Finnen nie nur ein Tanz, sondern ein Grund, einander nahe zu kommen – ohne Worte“, sagt sie. Johannes Vatjus fand erst spät zu diesem Genre, aus einem Elternhaus kommend, in dem nur Kirchenmusik erlaubt war. „Die Texte sind emotional, sie sprechen von Leidenschaft und Sehnsucht – sie sind wie eine Sprache der Leute.“
Diese Sprache spricht in Finnland jeder, auch ohne die Schritte zu kennen. Dort gehört der Tango zum Sommer wie das Licht der Mittsommersonne – und zum kulturellen Selbstverständnis. In den Moll-Tonleitern spiegelt sich das finnische kaiho, jene besondere Mischung aus Sehnsucht und Melancholie, die nicht lähmt, sondern wärmt.

Bühne mit Seele

Das finnisch-britische Ensemble Alakulo – benannt nach dem finnischen Wort für „Melancholie“ – spann einen Klangteppich, der gleichermaßen zart und erdverbunden war. Die Bühne war in Licht getaucht, das an Wellen auf einem finnischen See und an endlose Wälder erinnerte; Birkenstämme und Sommerimpressionen rahmten die Szene. Vor der Bühne glitten Paare übers Parkett, die Luft war mild, und der Himmel färbte sich ins Blassrosa, ehe der Mond über dem See aufstieg.
Musikalische Höhepunkte setzten Klassiker wie „Satumaa“, der berühmteste finnische Tango von Unto Mononen, „Onnen maa“ und die Lieblingsstücke der Gäste aus dem Norden: Korisevas „Rannalla“ (Am Strand), das nach salziger Seeluft schmeckt, und Vatjus’ „Öiset kitarat“ (Gitarren der Nacht), deren Melodie wie silbrige Fäden durch die Dunkelheit zieht.

Ein Tanz wie ein Dialog

Der Abend zeigte, wie universell dieser Tanz ist. Tango in Finnland ist weniger eine Show als ein Dialog zweier Körper, eine Nähe ohne Worte. In Zeiten, in denen Begegnungen oft flüchtig sind, wirkt das fast wie ein kultureller Gegenentwurf – eine leise Erinnerung daran, dass Verbindung manchmal im Gleichklang von Schritten beginnt.
Die Bregenzer Festspiele haben mit diesem Abend nicht nur musikalische Brücken geschlagen, sondern auch ein Stück finnischer Seele an den Bodensee gebracht - mal zart und flirrend wie das Mittsommerlicht, mal tief und dunkel wie ein See in der Nacht. Und als die letzten Töne verklangen, spiegelte sich der Mond im Wasser – und für einen Moment war die Distanz zwischen Bregenz und Helsinki nicht mehr als eine Tanzlänge.

 

Über die Autorin:
Tarja Prüss ist deutsch-finnische Journalistin und Autorin ist ausgewiesene Finnland-Expertin und war viele Jahre lang Redakteurin beim ORF. Heute ist sie Autorin mehrerer Finnland-Bücher sowie Reiseführer, hält Vorträge über ihr Herzensland und gilt als gefragte Kennerin des Landes.