Ein Mann auf seinem Pferd am Beach of Assinie, Ivory Coast (2023). (© Chiara Wettmann / Agentur Focus)
Michael Löbl · 13. Aug 2025 · Musik

Eine Wunderkiste voller Überraschungen

Mit der dritten Premiere ihres ersten Festspielsommers, der Opernstudio-Produktion von Gioachino Rossinis genialer Opera buffa „La Cenerentola“, hat Intendantin Lilli Paasikivi einen Volltreffer gelandet. Empfehlung kann man leider keine abgeben, alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Oper im Theater am Kornmarkt funktioniert, und das seit vielen Jahrzehnten. Schon in der Ära Ernst Bär haben die Festspiele italienisches Repertoire, teilweise sogar mit Sänger:innen der Mailänder Scala, im Kornmarkttheater aufgeführt. Wieso man dieses Haus als Opernbühne immer wieder in Frage stellt, ist nach dieser umjubelten Premiere am Dienstagabend nicht nachvollziehbar. Das Bregenzer Publikum liebt Oper im Theater am Kornmarkt, das ist unbestritten. Nirgends ist man so nah an den Sänger:innen dran und auch junge Stimmen haben keinerlei Probleme, bis in die letzte Reihe der Galerie durchzukommen.

Zwei Komponisten funktionieren wegen ihrer perfekten Orchester- und Chorgröße und der Anforderungen für die Sängerinnen und Sänger im Theater am Kornmarkt am besten: W.A. Mozart und Gioachino Rossini. Für eine Produktion des Opernstudios ist „La Cenerentola“ genau die richtige Wahl, es gibt sieben Rollen mit Arien und Ensembles, alle Solist:innen können sowohl ihre lyrischen Qualitäten als auch virtuose Koloraturen präsentieren. 
„La Cenerentola“ ist die Geschichte vom Aschenputtel, bekannt in erster Linie aus den Märchensammlungen von Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm. Rossinis Librettist Jacopo Ferretti hat die Geschichte aber stark verändert und sich von zwei ähnlichen, zu dieser Zeit sehr populären Opern inspirieren lassen. So sucht man in seiner Fassung alle Zauberelemente vergebens. Es gibt weder eine Fee noch sprechende Vögel, weder gläserne noch goldene Schuhe, daher auch kein Blut darin und die böse Stiefmutter ist ein alkoholabhängiger Stiefvater. Prinz Ramiro hat mit dem Philosophen Alidoro einen väterlichen Freund und Berater, der – ähnlich wie Don Alfonso in Mozarts „Cosi fan tutte“ – im Hintergrund die Fäden zieht. Um den wahren Charakter aller in seinem Fürstentum wohnhaften Mädchen im heiratsfähigen zu erforschen, tauscht Ramiro mit seinem Diener Dandini die Rollen, was sich in der Tat als äußerst hilfreich erweist.

Die Magie zurückholen

Diese aus dem Libretto verbannte Magie wollte die englische Regisseurin Amy Lane in Ihrer Inszenierung wieder zurückholen. Das rein britische Leading-Team mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Reid und dem Lichtdesigner Charlie Morgan Jones hat eine Zauberkiste erschaffen, aus der immer neue Überraschungen heraussprudeln. Das Bühnenbild ist ein „Funhouse“ wie auf einem Jahrmarkt, mit Spiegeln, windschiefen Stühlen und knallbunten Kostümen im Stil einer Varietébühne. Amy Lane, selbst ausgebildete Sängerin, kann ihr Regiekonzept aus der Musik heraus entwickeln und weiß auch, wie ein Bühnenbild beschaffen sein muss, um den Sänger:innen akustisch zu helfen. Es gibt viele wirklich lustige Momente an diesem Abend. Wenn zum Beispiel der als Prinz im Stil von Elton John verkleidete Diener Dandini auf der Bühne einreitet, löst das eine wahre Lachorgie im Publikum aus. Und wieder zeigt sich, dass britischer Humor und italienische Opera buffa wunderbar zusammenpassen.
Gioachino Rossini wurde 76 Jahre alt und wird als sehr humorvoll und liebenswert beschrieben. Im jugendlichen Alter von 37 schreibt er seine letzte Oper, um fortan das Leben als Pensionist zu genießen. Rossini komponierte oft unter extremem Zeitdruck. Wenn es nicht mehr schaffte, eine Ouvertüre zu schreiben, bediente er sich einfach bei einer seiner früheren Opern, was zur Folge hatte, dass kein einziges Thema dieser Ouvertüren während des ganzen folgenden Abends noch einmal zu hören ist. Beim „Barbier von Sevilla“ ist das so und auch bei „La Cenerentola“. Trotz aller Rastlosigkeit der immer vorwärtsdrängenden „Cenerentola“-Musik gibt es immer wieder sehr berührende Szenen, etwa wie sich Ramiro und Cenerentola zum ersten Mal begegnen und man im Orchester ganz genau den Herzschlag der beiden vernehmen kann. Oder der Moment des großen Verzeihens am Schluss der Oper. Dazwischen hat Rossini ein Feuerwerk an musikalischen Ideen komponiert mit wirklich genialen Einfällen wie dem Sextett „Questo é un nodo avviluppato“ oder der großen Tenorarie mit Männerensemble.
Der originale Männerchor wurde bei dieser Produktion in ein stimmlich und spielerisch brillantes achtköpfiges Ensemble verwandelt, das sich aus ehemaligen Mitgliedern des Jugendchores „Voices“ – inklusive seines Leiters Jakob Peböck – zusammensetzt.

Sänger:innen mit großer Zukunft

Und wo kommen eigentlich die Solist:innen der jährlichen Opernstudio-Produktion her? Es handelt sich durchwegs um Sängerinnen und Sänger nach Abschluss ihres Studiums, die in den Opernstudios großer Häuser wie Hamburg, Berlin oder Zürich einen Platz gefunden haben. Durch Erfolge bei Wettbewerben ist die Opernwelt bereits auf sie aufmerksam geworden und ein Engagement bei den Bregenzer Festspielen ist sicher eine willkommene Bereicherung in ihrem Lebenslauf.
Die beiden undankbarsten Aufgaben fallen den bösen Schwestern Clorinda und Tisbe zu, sie nerven von Anfang bis Ende und sind unerträglich zickig – auch musikalisch. Ein paar wenige lyrische Momente gab es aber doch, in denen man die hohe Qualität der jungen Stimmen von Aitana Sanz und Anja Mittermüller erkennen konnte. 
Eine echte Ausnahmeerscheinung ist die chinesische Mezzosopranistin Jingjing Xu. Sie hat erst vor kurzem ihr Gesangsstudium in Montreal beendet und singt bereits auf einem wirklich professionellen Niveau. Die gefürchtete, weil mit schwierigsten Koloraturen gespickte Partie der Cenerentola bereitet ihr keinerlei Schwierigkeiten, sie singt das locker, lässt ihre angenehme, warme Stimme bei den liedhaften Passagen strömen und spielt dabei ihre Rolle auch noch überzeugend. Die junge Dame wird ihren Weg machen, das ist ziemlich sicher. Auch dem sympathischen britischen Tenor Aaron Godfrey-Mayes wird man in Zukunft vermutlich öfter begegnen, seine Stimme verfügt über Leichtigkeit und italienischen Schmelz, die zahlreichen Spitzentöne gelingen problemlos, allerdings noch nicht ganz ohne Anstrengung.  
Auch die drei tiefen Männerstimmen von Josef Jeongmeen Ahn (Dandini), Ferhat Baday (Don Magnifico) sowie Lobel Barun (Alidoro) begeisterten durch ihr humorvolles Spiel und ihre charaktervollen Bass- und Baritontimbres. Dass der Vater der drei Mädchen aussieht wie ihr Bruder, ist dem Opernstudio-Konzept geschuldet. Ein Sonderlob gebührt Hana Lee am Hammerklavier, die in allen Rezitativen humorvoll, virtuos aber nie aufdringlich immer den richtigen Charakter vermittelte.

Musik wie ein Uhrwerk

Nicht wirklich überzeugen konnte der junge finnische Dirigent Kaapo Ijas. Er hat die tückische Akustik des Hauses in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht in den Griff bekommen, das Orchester war fast immer zu laut, zu grob und auf weite Strecken mit der Bühne nicht ganz synchron. Gioachino Rossinis Musik ist immer unterhaltsam, seine wahre Genialität zeigt sich aber erst dann, wenn alle Beteiligten perfekt zusammenwirken, wenn Stimmen und Instrumente wie Zahnräder eines Uhrwerkes perfekt ineinandergreifen und wenn alle dynamischen Details der Raum- und Bühnenakustik angepasst sind. Auch die zahlreichen Crescendo-Walzen erzielen ihre volle Wirkung erst dann, wenn man wirklich leise beginnt, um sie in der Folge so richtig steigern zu können. 
Das Publikum war aus dem Häuschen, Bravos und Standing Ovations für alle Sängerinnen und Sänger, für Regie, Bühne, Kostüme, Licht, Dirigent und Orchester.

https://bregenzerfestspiele.com/de/musiktheater/la-cenerentola