Bregenzer Frühling: Compagnie Marie Chouinard mit „Magnificat“ (Foto: Sylvie Ann Pare)
Michael Löbl · 19. Jul 2025 · Musik

Sympathy for the Devil

„Der Freischütz“ in der Inszenierung von Philipp Stölzl auf der Seebühne startet in seine zweite Saison

Über die Seebühne in Bregenz zu berichten, ist ein heikles Unterfangen. Eine Organisation, die es schafft, über 350.000 Tickets für eine Opernproduktion – also eine richtige Oper, kein Musical oder eine sonstige Show – zu verkaufen, hat zweifellos sehr vieles richtig gemacht. Diese Zahl ist so unglaublich und Lichtjahre entfernt von allen anderen Opernproduzenten der Welt, da muss man höllisch aufpassen, um bei zu viel Gemeckere nicht als Spielverderber dazustehen.

Dazu kommt die Bedeutung der Bregenzer Festspiele als Kulturunternehmen und als Wirtschaftsfaktor für die ganze Region. Die Bilder des Seebühnen-Bühnenbildes gehen um die Welt, sie zählen zu den Markenzeichen der Stadt Bregenz und des Bundeslandes Vorarlberg. Respekt, vielleicht sogar ein ganz kleines bisschen Ehrfurcht, sind also durchaus angebracht.
„Der Freischütz“ in der Regie von Philipp Stölzl geht in sein zweites Jahr und hat nichts mit der neuen Intendantin Lilli Paasikivi zu tun; sie hat diese Inszenierung von ihrer Vorgängerin Elisabeth Sobotka geerbt. Noch nie zuvor gab es derart unterschiedliche Reaktionen auf eine Seebühnen-Oper wie bei diesem „Freischütz“, die Bandbreite sowohl in der Presse als auch beim Publikum erstreckte sich von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Der Regisseur hat so stark in die ursprüngliche Handlung aber auch in den musikalischen Ablauf eingegriffen, dass diese Reaktionen eigentlich vorprogrammiert waren. Für Opernpurist:innen ist diese Fassung ein absolutes No-Go, weniger opernaffine Zuschauer:innen sind vor allem vom Bühnenbild und der technischen Umsetzung begeistert.
Und ein seltsames Phänomen ist zu beobachten: Vieles, worüber man letztes Jahr noch den Kopf geschüttelt oder sogar die Nase gerümpft hat, erscheint heuer sogar logisch und schlüssig. Hat man etwa zu viel gelesen und gehört über diesen doch sehr anderen „Freischütz“ und hat dieses zusätzliche Wissen die eigene Wahrnehmung verändert? Oder hat vielleicht doch nur die Marketingabteilung der Festspiele ganze Arbeit geleistet? 
Die diesjährige Premiere fand am Donnerstagabend unter Traumbedingungen statt. Sonnenuntergang über dem Bodensee, angenehme Temperaturen, es war windstill. Allein dies wäre einen Besuch am Bregenzer Seeufer wert. Die Festspiele haben das Riesenglück, den optimalen Platz für ihr Festival zur Verfügung zu haben. Stünde die Seebühne etwa in Konstanz, würde man vergeblich auf den Sonnenuntergang warten. Über Philipp Stölzls Bühnenfassung und seine Besonderheiten ist bereits letztes Jahr in allen Medien ausführlich berichtet worden. Darum seien an dieser Stelle nur einige punktuelle Anmerkungen zum „Freischütz 2025“ gestattet.

Bühne

Da müssen die Festspiele alle zwei Jahre liefern. Es braucht Bilder, die es auf die Titelseiten der internationalen Presse schaffen. Erstaunlicherweise gelingt das immer, natürlich auch beim „Freischütz“. Ein vom Krieg zerstörtes Dorf, eine Mischung aus der versunkenen Kirche am Reschenpass und Harry Potter, so etwas gab es noch nie. Dazu die nach vorne gezogene Spielfläche mit ihrem See im See. Auch Winter, Kälte und Schnee sind neu. Was hier zwei Stunden lang mittels Technik und Licht aus diesem Bühnenbild gezaubert wird, ist wirklich atemberaubend. Jeder Bühnenzentimeter ist gleichzeitig Schauplatz, auch als hochkonzentrierter Zuschauer verliert man irgendwann einmal den Überblick. Aber allein die verschiedenen Stimmungen des riesigen Mondes von gleißendem Weiß bis Blutrot sind ein permanenter Hingucker. Oder wie das Licht nach der Wolfsschlucht in Sekundenbruchteilen vom schaurigen rot-blau in eine beige Neutralstimmung wechselt – phänomenal. Was allerdings kolossal nervt: Alle stehen, liegen oder sitzen permanent im Wasser. Wir schreiben ungefähr das Jahr 1650, also lange vor der Erfindung von Gore-Tex und Neopren, irgendwo in Norddeutschland, Wassertemperatur gefühlt maximal fünf Grad. Absolut niemand würde freiwillig auch nur einen Zeh in dieses Wasser stecken und auch nach intensivem Studium von Begleitmaterial ist nicht klar, was das mit dem Wasser eigentlich soll. Als Zuschauer hat man ständig einen leichten Phantomschmerz, ausgelöst durch den Anblick nasser Schuhe, Strümpfe, Röcke oder Hosen.

Handlung

Hier wurde wirklich massiv in die Originalversion eingegriffen. Max ist nicht der Schützenkönig in einer temporären Krise, sondern ein Loser, ein Weichei, der noch nie ein Gewehr in der Hand hatte. Das tut weder der Handlung gut noch passt es zur Musik. Ännchen fühlt sich mehr als nur freundschaftlich zu Agathe hingezogen und will sie zur gemeinsamen Flucht überreden, diese wiederum ist schwanger, muss daher schnellstmöglich unter die Haube. Na gut, warum auch nicht. Dass – neu seit diesem Jahr! – in der Schlussszene bereits das neugeborene Kind präsentiert wird, ist ein chronologisches Wunder. 

Samiel

Die allergrößte szenische Neuerung ist die Erfindung des Samiel, der als Strippenzieher von Anfang bis Ende auf der Bühne herumturnt. Er führt Regie in der ganzen Geschichte und kommentiert sie natürlich auch laufend. Nach anfänglicher Irritation über diese eingefügte Kunstfigur muss man einfach sagen: Genial! Ein roter Teufel und Kletterkünstler, der mit Knittelversen im Stil eines Jedermann das Publikum zum Lachen bringt, ist definitiv eine Bereicherung für diese Oper. Moritz von Treuenfels spielt das akrobatisch und sprachlich virtuos und bekommt am Schluss auch mit Abstand den meisten Applaus.

Sänger:innen

Eine hervorragende Entscheidung des Leading-Teams war es, ausschließlich Sänger:innen mit deutscher Muttersprache zu engagieren. So bleiben dem Publikum auch heuer Dialoge eines Max mit amerikanischem oder einer Agathe mit bulgarischem Akzent erspart. Gesungen wird durchwegs auf hohem Niveau, auch schauspielerisch macht die Premierenbesetzung eine gute Figur. Zwei Stimmen fielen durch besonderen Wohlklang auf: Der kernige Bariton von Johannes Kammler als Fürst Ottokar und der silbrig-glänzende Sopran von Katharina Ruckgaber als Ännchen. Von ihr hätte man sehr gerne noch die wunderschöne Arie mit der obligaten Bratsche gehört, sie ist aber leider dem Kürzungsstift zum Opfer gefallen.

Akustik

Bei der Premiere: alles bestens, Reihe 14 Mitte, Sound vom Allerfeinsten! Dennoch kommt jetzt ein wirklich großer Kritikpunkt. Der Verfasser dieser Zeilen konnte bereits am Montag die Generalprobe besuchen. Im Gegensatz zu den Premieren-Pressekarten in der Kategorie 1 befand sich der Generalproben-Sitzplatz in Reihe 43, ganz oben am rechten Zipfel, Kategorie 7. Und der Unterschied ist absolutely shocking! Während man in der Reihe 14 Mitte natürlich optimal sieht und hört, fühlt man sich ganz hinten wie am Katzentisch bei einer Geburtstagsfeier. Dabei ist keineswegs die Entfernung oder der schräge Winkel das Problem, sondern der Sound! Alles klingt eindimensional wie aus einem zu leise eingestellten Küchenradio, der Text ist passagenweise kaum verständlich, die Musik ist weit weg, konturlos und vor allem mono. Auch die Sichtachsen zu den Monitoren werden durch Lautsprechertürme verdeckt. Man fühlt sich irgendwie nicht – wie heißt nochmal das Modewort – wertgeschätzt! Ok, der Preisunterschied von Kategorie 1 (ca. 185 Euro) zu Kategorie 7 (ca. 45 Euro) ist groß, aber akustisch sollten doch alle Besucher:innen die Vorstellungen genießen können und mit positiven Gefühlen nach Hause gehen. Das ist Bregenz mit dem viel gepriesenen BOA-Akustiksystem seinem Publikum einfach schuldig.

Musik

Hier gibt es auch noch etwas zu meckern. Während der Ouvertüre ist so viel Krach auf der Bühne, dass man von Carl Maria von Webers herrlicher Musik fast nichts mehr hört. Und den C-Dur-Schlussteil einfach wegzustreichen geht auch gar nicht. Schon zu Beginn beschleicht einen das Gefühl, dass Philipp Stölzl mit der Musik von Weber eigentlich nicht viel am Hut hat. Der neue Dirigent Patrik Ringborg kostet alle Klänge gerne aus und bewegt sich den ganzen Abend eher auf dem unteren Ende der Temposkala. Da wäre ab und zu deutlich mehr Virtuosität, Drive und Schmiss vonnöten. Und was wirklich nervt, ist die Band, drei seltsame Gestalten, die im Stil von Secco-Rezitativen die Sprechtexte untermalen soll. Klappt leider gar nicht, eine Schnapsidee.

Apropos Schnaps

Übereinstimmend wird von Mitwirkenden berichtet, dass es diesen Sommer leider vorbei ist mit der entspannten, lustigen und harmonischen Stimmung rund um die Festspiele und ihre Mitwirkenden. Auch für diese spezielle Atmosphäre war das Festival berühmt und nicht wenige haben sich bei der Auswahl ihrer Sommerjobs genau deshalb für Bregenz entschieden. Der Grund: Die Geschäftsleitung hat - aus welchen Gründen auch immer - ein striktes Alkoholverbot auf dem ganzen Festspielgelände erlassen, inklusive Kantine, Hinterbühne oder der kultigen Sonnenterrasse. Dieses Verbot gilt 24/7 nicht nur vor und während der Proben und Aufführungen (das ist ja eh klar), sondern auch danach. Seither gibt es keinen gemütlichen Ausklang eines Festspieltages mehr, an dem die Mitwirkenden zusammensitzen und gemütlich ein oder zwei Bierchen trinken. Mit Mineral oder Cola funktioniert das einfach nicht. Da gab es keine Rangordnung mehr, Dirigent:innen, Assistent:innen, Musiker:innen, Techniker:innen und Sänger:innen feierten gemeinsam. Zu später Stunde haben sich an diesen Abenden unzählige neue Kontakte ergeben und viele Freundschaften quer durch alle Abteilungen, Zuständigkeiten und Altersgruppen wurden geschlossen. Nun gehen alle nach Vorstellungsende getrennt voneinander nach Hause oder sonst wohin und trinken dort ihr Bier. Eigentlich schade …

weitere Vorstellungen:
19./20./22./23./24./25./26./27./29./30./31.7. jeweils 21.15 Uhr
1./2./3./5./6./7./8./9./10./12./14./15./16./17.8. jeweils 21 Uhr
Seebühne, Bregenz
https://bregenzerfestspiele.com/de