Das „braune“ Rankweil – Wie eine Gemeinde die NS-Herrschaft erlebte
Meinrad Pichler: „Rankweil 1938–1945. Eine Gemeinde im Nationalsozialismus“
Der renommierte Historiker Meinrad Pichler hat eine umfassende Studie der Geschichte der Marktgemeinde Rankweil in den Jahren der NS-Herrschaft veröffentlicht. In der für ihn so charakteristischen Art und Weise gelingt es Pichler auf rund 250 Seiten, die Geschehnisse und Entwicklungen der „großen Politik“ jener Zeit herunterzubrechen, dadurch der Leserschaft die spezifischen lokalen Verhältnisse Rankweils der 1930er und 40er Jahre anschaulich zu schildern und in einen größeren Kontext zu setzen.
Pichler nutzt die von ihm erarbeiteten Biografien verschiedener Rankweiler Persönlichkeiten als Ausgangspunkt, um der Leserschaft die Eigentümlichkeiten des NS-Regimes mittels eines vertrauten Umfelds zu skizzieren. All dies schafft Pichler in einer Sprache, die Wissenschaftlichkeit und Lesevergnügen gekonnt miteinander verbindet. Ergänzt wird dieser Effekt durch die Gestaltung des Buches selbst, denn die zahlreichen Abbildungen lockern den Text ebenso auf wie die grundsätzliche Layoutierung der Publikation. Die Leserinnen und Leser werden nicht durch eine Lawine von Buchstaben erschlagen, sondern erhalten einen niederschwelligen Zugang, der das Buch auch für Laien interessant machen sollte. „Rankweil 1938–1945“ ist nicht als Lehrbuch für den sprichwörtlichen wissenschaftlichen „Elfenbeinturm“ geschrieben worden, sondern richtet sich augenscheinlich an eine möglichst breite Leserschaft. Und dies ist nur zu begrüßen.
Der Lokalgeschichte ein Gesicht geben
Der gelungene und klar verständliche Aufbau der Arbeit erlaubt zudem das punktuelle Nachschlagen und Sich-Vertiefen. Besonders herausgehoben werden dürfen die bereits eingangs erwähnten zahlreichen Kurzbiografien Rankweiler Persönlichkeiten, mit denen Meinrad Pichler der Lokalgeschichte und dem durch ihn behandelten Thema ein Gesicht gibt. Eine unbestrittene Spezialität Pichlers. Er skizziert in „Rankweil 1938–1945“ sowohl die Lebensläufe von Rankweiler NS-Parteigängern wie der Schriftstellerin Natalie Beer oder dem NS-Funktionär Hanns Dietrich, als auch jene von Regimegegnern wie dem Tischler Alfons Branner oder Opfern des NS-Rassenwahns wie dem Kriegsneurotiker Franz Miller, der 1941 unmittelbar nach seiner Ankunft in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet wurde. Dem Themenkomplex Valduna widmet Meinrad Pichler erwartungsgemäß viel Raum.
Etwas negativ fiel dem Rezensenten der stellenweise leicht moralisierende Tonfall der Arbeit auf. Dass Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus solche Emotionen hervorrufen, ist zweifellos verständlich, nachvollziehbar und – der Rezensent kennt dies aus eigener Erfahrung – eine Herausforderung für jeden Historiker. Grundsätzlich handelt es sich bei diesem Kritikpunkt aber ohnehin eher um eine Frage des persönlichen Geschmacks und im Gesamten um eine Nebensächlichkeit. Der Marktgemeinde Rankweil darf abschließend für die Initiative gratuliert werden, aktiv die Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte betrieben und gefördert zu haben. Auch im Jahr 2025 ist dies leider noch nicht selbstverständlich. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist jedoch nicht erst seit Neuem ein Markenzeichen Rankweils. Die Gemeinde besitzt seit nunmehr 35 Jahren mit der „Reihe Rankweil“ ein Instrument, mit dessen Hilfe die Geschichte Rankweils in bereits 19 Bänden und vier Sonderbänden wissenschaftlich aufgearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Ein Engagement, mit dem selbst die ein oder andere der Vorarlberger Städte nicht mithalten kann, das aber – so hofft der Historiker – Vorbild für andere Gemeinden sein wird. Die Vorarlberger Lokalgeschichte hat viel zu bieten – in, vor und nach der NS-Zeit.
Meinrad Pichler: Rankweil 1938–1945. Eine Gemeinde im Nationalsozialismus, Reihe Rankweil, Nr. 19, 2025, 250 Seiten, € 22
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