Das PulsArt Ensemble der Stella Privathochschule in Feldkirch (Foto: Victor Marin)
Anita Grüneis · 22. Jun 2024 · Literatur

Streifzüge durchs Mittelalter mit Ulrich von Ems

Das Schundheft Nr. 50 erscheint als Doppel-Nummer

Dr. Alois Niederstätter kennt die Geschichte von Vorarlberg und der Region wie kaum ein anderer – nun hat er sein Wissen auch in einem Schundheft der unartproduktion wiedergegeben. „Ritter Ulrich von Ems und die Kellhöfler“ heißt die Geschichte, oder, wie es der Verlag formuliert: „das sowohl literarisch als auch historisch kreative Experiment im Doppel-Schundheftformat“. Die vergnügliche Erzählung erstreckt sich über 500 Jahre und erzählt viel über Handel und Händel, Fressen und Saufen, das Volk und die Mächtigen.

Man schreibt das Jahr 1388. Der stämmige Mittzwanziger Ulrich von Ems soll an einem Julimorgen ein „denkwürdiges Geschäft“ unter Dach und Fach bringen. Zu seiner „fein herausgeputzten Reisegesellschaft“ gehören auch die beiden Jagdhunde Fang und Greif aus der „Bärenbeißer“-Rasse. Über eine viel frequentierte Reichsstraße geht es den Rhein entlang nach Fussach und dann über den Bodensee weiter nach Buchhorn (das spätere Friedrichshafen). Ulrich von Ems nächtigt in einem Einzelzimmer, während seine Entourage auf dem Heuboden über dem Pferdestall einquartiert wird. Vor den Toren der Stadt liegt das Benedektinerinnenkloster Hofen, dem sieben adelige Frauen angehören, „die von ihren Eltern wegen allzu geringer Chancen auf dem Heiratsmarkt für den geistlichen Stand bestimmt worden waren. Seit einiger Zeit litt das gewöhnlich nur von den üblichen Eifersüchteleien (mittellateinisch: Mordacitas equarum, frühneuhochdeutsch: Stutenbissigkeit) gestörte kontemplative Dasein der Nonnen unter baulichen Mängeln“. Das Dach des Konvents ist undicht, für eine Reparatur müssen Besitztümer verkauft werden. Dazu gehört auch der Kellhof in Dornbirn. 

Perfekter Kauf, aber das Geld fehlt

An diesem Kellhof ist Ulrich von Ems interessiert. Sein Notar Hermann hatte penibel aufnotieren lassen, was „irgendwie zum Kellhof“ gehören könnte. Nach langem Feilschen einigt sich Ulrich von Ems mit den Klosterfrauen auf einen Kaufpreis von 850 Pfund. Eine stattliche Summe, die natürlich nicht bar bezahlt wird, „denn auf ein Pfund kamen mehr als tausend Pfennigmünzen, insgesamt hätte Ulrich an die 160 Kilogramm Silber übergeben müssen. Man behalf sich daher mit einem Kreditbrief, für den Konrad Pfefferhart, ein in derlei Geschäften gleichermaßen versierter wie erfolgreicher Konstanzer Bankier garantierte.“ Aber Ulrich kann nur etwa die Hälfte der Summe aus dem väterlichen Erbe aufbringen, für die andere verpfändet er  allerlei Rechte und Einkünfte an Pfefferhart. Kurzfristig hilft auch die Feldkircher Jüdin Toltzka aus. Schnelles Geld ist allerdings teuer. Toltzas Zinssatz beläuft sich auf mehr als 60 Prozent.

Die Herkunft des Namens Kellhof

Nachdem alles unter Dach und Fach ist, wird ausgiebig gefeiert, wofür der „Emser“ aufkommen muss. Zum Essen gibt es unter anderem Rindermarkpastetchen, im Speckmantel geschmorten Hecht, Kalbszungenterrine, gebackene Schweinsfüße und zum Trinken einen aus weißen und roten Trauben gekelterten Grauen. Bei diesem Gelage verrät der Notar Hermann, dass es kein Dokument über den Erwerb des Kellhofs durch das Kloster gebe. Ulrich erfährt, dass den benediktinischen Gütern in Dornbirn ein „cellerarius“ zu Deutsch „Keller“ vorstand, woher der Name „Kellhof“ stammte. Weiters wird ihm erzählt, dass vor 300 Jahren der Abt Ulrich von St. Gallen in einer Auseinandersetzung mit dem Herzog Welf und dem Grafen von Bregenz den Kellhof verlor. Der Herzog Welf habe aber – aus dem tiefen Glauben, dass Gotteshausgut in Kirchenhand bleiben müsse – seinen Anteil dem Kloster Weingarten und dessen weiblichem Ableger, den Hofener Nonnen, vermacht.

Kompliziertes Wirtschaften auf den Feldern 

Und so reist der Emser zurück nach Dornbirn, um sich seinen neu erworbenen Kellhof anzuschauen. Dabei erfährt die Leserschaft viele Details über die damalige Landwirtschaft, die mit der heutigen nicht vergleichbar ist. Vor allem die Fruchtwechselwirtschaft war gang und gäbe. Ein Feld fürs Wintergetreide, eines für das Sommergetreide und ein Brachland. Da die Äcker immer nah beieinander lagen, bedingte dies ein koordiniertes Miteinander. Dem neuen Herrn werden nach seiner Ankunft mögliche Einkünfte aus der Landwirtschaft aufgezählt: „Das sind vor allem zweiundachtzig Dritteläcker. Sie heißen so, weil deren Inhaber, sechsundzwanzig an der Zahl, alljährlich ein Drittel des geernteten Getreides, sei es Vesen (Dinkel) oder Hafer, der Kellhofherrschaft abliefern muss. Vierunddreißig der Äcker liegen in den Feldern des Niederdorfes, vier bzw. drei im Oberfeld und im Steinebacher Feld. In der Hatler Flur zählt man achtundvierzig Dritteläcker, davon achtzehn im äußeren Feld nach Hohenems und Haslach hin, weitere sechszehn im oberen Feld gegen Mühlebach und vierzehn im unteren Feld der Ach zu. Weil sie Schupflehen sind, kann Herr Ulrich sie jedes Jahr nach Belieben vergeben.“

Eine vergnügliche Reise in die Vergangenheit 

Bei der Lektüre dieses 50. Schundheftes ist viel über die Zeit von damals zu erfahren, und das in einem vergnüglichen Ton, wenn auch nicht immer einfach zu lesen. Das liegt am „dualen“ Lesen, denn beide Bücher sind immer gleichzeitig in der Hand oder auf dem Tisch zu haben, eines oben, eines unten. Von links oben liest es sich nach links unten und dann das gleiche auf der rechten Seite. Oder auch nicht. Wenn sich nämlich eines der Bilder von Andreas Gabriel über zwei Seiten hinzieht, ist eine Neuorientierung zwingend erforderlich. Wo geht es denn nun weiter? Oben oder unten? Training fürs Hirn. Und Freude für die Augen wie zum Beispiel das Bild auf Seite 57 oben: Eine Nonne (oder ein Mönch im Nonnengewand?) und erkennbar Papst Franziskus beim Glaserl Wein – die Nonne hält gleich zwei Gläser in der Hand und ihr Gegenüber Glas und Flasche. Nicht umsonst wurde im Mittelalter überall Wein angebaut. Und Bier gebraut. Autor Alois Niederstätter lässt seinen Ulrich von Ems auf Seite 65 oben resümieren: „An manchen Abenden dachte Ulrich, ob es, da er ohnehin keine Kinder habe, nicht klüger wäre, den ganzen Plunder zu verkaufen und den Erlös nach und nach mit gutem Bodenseewein zu versaufen. Das würde die Verwandtschaft ordentlich ärgern.“

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2024 erschienen.

Alois Niederstätter: Ritter Ulrich von Ems und die Kellhöfler. Andreas Gabriel (Illustrationen), Sylvia Dhargyal (Gestaltung), Doppel-Schundheft Nr. 50, unartproduktion, 2024, geheftet, ISBN 9783902989734, € 17,90
www.unartproduktion.at