Prinz Grizzley legt mit "Dear Leftovers" sein drittes Album vor. © PiaPiaPia
Peter Füssl · 20. Jun 2024 · Tanz

Mit James Wilton und Sarah Jane Taylor im keltischen Zauberwald

Standing Ovations für britisches Tanz-Duo beim tanz ist Festival am Spielboden

Nach dem grandiosen Erfolg von Chris Haring/Liquid Loft und deren Live-Band Bulbul stand mit James Wilton ein weiterer altbekannter Protagonist auf dem Programm der 30-Jahre-tanz-ist-Edition, der über die Jahre hinweg das Festival mit exzellenten Produktionen, aber auch durch seine engagierten Workshops mit Jugendlichen und Tanzinteressierten wesentlich mitgeprägt hat. Erinnert sei etwa an „The Storm“ (2019), eine eindringliche Tanz-Performance zum Thema „Psychische Erkrankungen“, an das von Herman Melvilles Kultroman „Moby Dick“ inspirierte „Leviathan“ (2017) oder an den Tanz-Thriller „Last Man Standing“ (2015). Das aktuelle Stück „Lore“ gestaltet er nun im Duo mit seiner Langzeitpartnerin und Ehefrau Sarah Jane Taylor zu einer wunderschönen, mit geheimnisvollen Mythen aufgeladenen Expedition in einen düsteren, nebelverwobenen, archaisch wirkenden keltischen Zauberwald.

Keltische Mythologie und archaische Riten ...

Möglicherweise hätte es einen Mehrwert, wenn man sich in keltischer Mythologie und archaischen Riten auskennen würde, man kann sich aber einfach auch in die sechzig Minuten dauernde, mit verzaubernden Bildern gespickte Performance-Welt hineinfallen lassen, die Wilton und Taylor mit einfachen, aber ungemein wirkungsvollen Mitteln kreieren. Ein paar stark stilisierte Bäume und Baumstammscheiben am Boden – fertig ist der Wald und somit das Bühnensetting, ebenso gestaltet von James Wilton, wie das schon bedeutend elaboriertere Licht-Design, das er zusammen mit Joshua Tomalin entworfen hat. Hier gelingt es, mit zurückgenommener Beleuchtung und künstlichen Nebelschwaden mystische Stimmung zu zaubern, aber im Kontrast dazu auch durch grelles Gegenlicht interessante Effekte zu erzielen. Am Anfang hört man angenehm plätscherndes Wasser, in das Sarah Jane Taylor mit weit ausladenden Bewegungen genussvoll, aber auch sehr konzentriert eintaucht, unglaublich anmutig und kraftvoll zugleich. Irgendwie wirkt es wie eine Reinigungszeremonie zum Auftakt eines kultischen Geschehens. Rasch wird klar, dass wir es hier mit einer starken, charismatischen Frauengestalt zu tun haben – vielleicht eine Hüterin des Waldes, eine Beschützerin der Natur, oder gar eine Naturgöttin? Taylor wird noch ohne viel Aufwand geschickt in unterschiedlichste Rollen schlüpfen. So reicht es schon, wenn sie mit den Fingern ein stilisiertes Geweih aus ihrem Kopf herauswachsen lässt, um ein edles Wildtier zu imaginieren.   

... treffen auf emotionsgeladene Paarbeziehungen

Auch James Wilton schlüpft in unterschiedliche, zum Teil kaum zu entschlüsselnde Rollen – etwa wenn er mit einer Strohmaske vor dem Gesicht zu einem unbekannten mystischen Wesen mutiert. Vermutlich ist es der keltische Natur- und Tiergott Cerunnos, der Gehörnte – zumindest heißt das dazugehörende Musikstück so. In Wiltons Solo-Performances wird rasch sichtbar, dass auch diverse Kampfsportarten und Breakdance-Erfahrungen in seinem kraftvollen Bewegungsrepertoire ihre Spuren hinterlassen haben. Er nennt in Bezug auf eine Bewegung in „Lore“ als Einfluss auch Lucha Libre, die mexikanische Spielart von Wrestling. Seine energische Art zu tanzen steht oftmals im reizvollen Kontrast zu Taylors lyrisch anmutenden, geschmeidigen, grazilen Bewegungen – und meistens finden sie gerade in ihrer Verschiedenartigkeit zu einer ganz besondern Harmonie. An diesem Abend deklinieren sie die ganze Bandbreite an emotionalem Paarverhalten ausdrucksstark herunter – sie lieben und bekämpfen sich, locken und umgarnen sich und versuchen einander zu unterwerfen. Dieser Geschlechterkampf ist vom Bewegungsvokabular her entsprechend variantenreich und atemberaubend – für die beiden Akteure auch buchstäblich. Alle einzelnen Szenen dieses Programms werden durch kurze, komplette Dunkelheit von der nächsten Szene getrennt – so werden auch diese Pas de deux mehrfach durch absolute Finsternis unterbrochen und oftmals nach Wiedererhellen auf überraschende Weise fortgeführt. Besonders eindrucksvoll sind auch jene Momente, in denen Taylor und Wilton ihre Körper ineinander verzahnen oder förmlich miteinander verschmelzen und sich auf eigentümliche Weise wie imaginäre Phantasietiere oder unergründliche Fabelwesen langsam fortbewegen.

Atmosphärischer Soundtrack von Michał Wojtas schafft Stimmungen

 Einen wesentlichen Anteil an der stimmungsvollen, zwischen lyrischen Momenten und höchster Dramatik changierenden Atmosphäre hat der eigens für das Stück komponierte Soundtrack des polnischen Sängers und Multiinstrumentalisten Michał Wojtas (Vocals, Synthsizer, Rahmentrommel, Perkussion, Gitarre, Cello), der unterstützt von seinen Landsleuten Sebastian Wieladek (Kora, Hurdy Gurdy, Lyra, Duduk) und Kornel Popławski (Violine) Elemente keltischer, normannischer und slawischer Folklore in seinen bunten Medieval-Rock-Musikmix einfließen lässt. Wojtas kennt sich im Tanz-Universum von James Wilton Dance bestens aus, hat er doch mit seiner Band Amarok auch schon „The Storm“ erfolgreich seinen Prog-Rock-Stempel aufgedrückt. Bei „Lore“ schafft er auf höchst sensible Art Stimmungen, manchmal nur mit dem Klang seiner wunderschönen, stark verhallten Stimme. Was natürlich nicht heißt, dass er es manchmal nicht kräftiger rocken lässt, wenn er insgesamt auch nur kurz seine an Mike Oldfield oder Pink Floyd erinnernde E-Gitarre auspackt. Auch Naturgeräusche werden in die Musik integriert, etwa bei „The Oak Tree“ wo Regen und heftiges Donnergrollen zusammen mit einer stark verhallten, dramatisch klagenden Duduk, einem aus Armenien stammenden Holzblasinstrument, eine unheimliche Stimmung schaffen. Vom Tanzgeschehen her ist das eine beschauliche Szene, denn Taylor malt mit ihren in grüne Farbe getauchten Fingern einen Eichenbaum auf Wiltons nackten Rücken. Geht das noch freiwillig vonstatten, so bedarf es in der Schlussszene schon zumindest magischer Gewalt, wenn sie ihn in eine waagrechte Haltung zwingt und mit Händen und Füßen und zuletzt auch noch mit dem Kopf unentrinnbar auf dem Boden fixiert und so – symbolhaft? – dem Waldboden übergibt. Gibt sie der Natur den Menschen zurück, oder umgekehrt die Natur dem Menschen? Ist es eine Form der Erdung, schwierig, aber letztlich beglückend? Die Waldgöttin hat jedenfalls die Oberhand behalten, soviel ist klar. James Wilton und Sarah Jane Taylor, die in Cornwall zuhause sind, einem Epizentrum keltischer Mythologie, kennen wahrscheinlich sogar die passende Sage dazu. Das Publikum empfanden „Lore“ (auf Deutsch soviel wie Kunde, Geschichten, Überlieferungen) aber trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Vieldeutigkeit als intensives Vergnügen und bedankte sich mit Standing Ovations.  

Weitere Termine des tanz ist Festivals 2024:
Fr, 21.6. Mélanie Demers/Angélique Willkie
Sa, 22.6. Demestri & Lefeuvre


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