Das PulsArt Ensemble der Stella Privathochschule in Feldkirch (Foto: Victor Marin)
Michael Löbl · 22. Jun 2024 · Musik

Freundschaftsspiel Norwegen – Frankreich in Schwarzenberg

Klavier zu vier Händen mit den Pianisten Leif Ove Andsnes und Bertrand Chamayou am Donnerstagabend im Rahmen der Schubertiade

Irgendetwas war diesmal anders im Angelika-Kauffmann-Saal, ungewohnt. Bühne, Flügel, zwei Klavierhocker, doch der Stab sah nicht so aus wie immer. Das ist jenes Holzstück, welches den Klavierdeckel je nach Anforderung in höherer oder tieferer Position fixiert, um das Klangvolumen an die jeweilige Situation anzupassen. Dieser Stab war heute Abend braun gefärbt statt wie üblichen mit dem Schwarz des Klavierlackes, auch schien der Deckel weiter geöffnet als sonst.

Kurze Nachfrage bei Pascal Monti, dem Ausnahmetechniker, der bei der Schubertiade seit vielen Jahren exklusiv für Flügel, Stimmungen (nicht nur der Klaviere, auch der Künstler) verantwortlich ist und sogar in den Pausen den Instrumenten nochmals zu Leibe rückt. Tatsächlich: Diesen Stab hat Leif Ove Andsnes mitgebracht und gegen den originalen von Steinway ausgetauscht. Spezielles Holz für den Klang und ein anderer Abstrahlwinkel sollen dem ohnehin grandiosen Sound des Schubertiade-Steinways noch einmal einen Boost bescheren. Esoterik? Jedenfalls klang der Flügel unter den vier Händen der Pianisten Leif Ove Andsnes und Bertrand Chamayou auffallend präsent, rund und vor allem im Diskant ganz besonders glänzend und silbrig. Das könnte natürlich auch am Anschlag der Künstler liegen.

Zeitgenössisches in Schwarzenberg?

Es war ein langer Weg, bis das Publikum jenes Stück zu hören bekam, auf das es in erster Linie gewartet hatte: Franz Schuberts magische f-moll Fantasie D 940 für Klavier zu vier Händen, ein zwanzigminütiges Gipfelwerk nicht nur der vierhändigen Klavierliteratur. In der Beliebtheitsskala ist die f-moll Fantasie gleich nach der Winterreise, dem Quartett „Der Tod und das Mädchen“ oder dem C-Dur Streichquintett angesiedelt. Zuvor spielten Leif Ove Andsnes und Bertrand Chamayou aber noch drei weitere Werke Schuberts und – sehr ungewöhnlich für die Schubertiade – Zeitgenössisches. Je ein Programmteil vor und nach der Pause war dem ungarischen Komponisten György Kurtág gewidmet. Öffnet sich die Schubertiade knapp vor ihrem 50. Jubiläum der Moderne? Eher nicht. Das Duo Andsnes – Chamayou ist mit seinem Schubert – Kurtág Programm seit letztem Jahr auf Tournee, das heißt wenn man die beiden will, ist Kurtág ein unverzichtbarer Teil des Gesamtpaketes. War Bertrand Chamayou bei der Schubertiade in erster Linie als Klavierpartner der Cellistin Sol Gabetta zu erleben, gehört der Norweger Leif Ove Andsnes zweifellos zu den Top 20 der internationalen Pianist:innenszene. Bekannt ist er für sein hochvirtuoses, glasklares Spiel genauso wie für seine ungewöhnlichen und minutiös durchdachten Programmkonzepte. Aber auch die ganz großen Brocken der Literatur reizen ihn, Béla Bartóks zweites Klavierkonzert etwa, das er mit den Berliner Philharmonikern unter Pierre Boulez eingespielt hat oder Rachmaninoff 3, von ihm beeindruckend interpretiert letztes Jahr in Vaduz.

Knappe Aussagen, ungewöhnliche Klänge

Als Duo passen die beiden Pianisten ganz hervorragend zusammen. Der Franzose Bertrand Chamayou wirkt gegenüber dem dominanteren Norweger etwas zurückhaltend, das gilt aber mehr für die Körpersprache als für die musikalische Interpretation. Am Flügel sind sich beide Pianisten zu hundert Prozent einig und entwickeln gemeinsam einen wunderbar ausgewogenen Klang, jeweils passend zu Schubert als auch zu Kurtág. Der 98-jährige György Kurtág ist einer der am meisten geschätzten Komponisten der Gegenwart. Alle schwärmen von ihm, Interpret:innen, Veranstalter.innen und Kolleg;innen. Für das Schubertiade-Publikum, bekannt für seine Zurückhaltung, wenn es um neue Musik geht, waren die Klangsprache der beiden Kurtág-Blöcke sicher ungewohnt. Kurtágs Spezialität sind Miniaturen, kurze Stücke mit knappen Aussagen, in denen er überraschende, ungewöhnliche Klänge und Kombinationen kreiert. Durch die Kürze der Stücke gibt es keinerlei musikalische Entwicklung, alles wird unmittelbar auf den Punkt gebracht. Der Reiz seiner Musik liegt zweifellos in den vielen verschiedenen originellen Klangfarben, die er mit Hilfe seiner Interpreten dem Flügel entlockt, jedoch ohne das Instrument mit Metallteilen im Korpus oder ähnlichen Folterinstrumenten zu traktieren, wie es viele seiner Kolleg:innen tun.
Andsnes und Chamayou präsentierten Auszüge aus György Kurtágs „Játékok“, zu deutsch „Spiele“, einem neunteiligen Zyklus, geschrieben zwischen 1972 und 2017, also im Laufe von 50 Jahren, teils zwei-, teils vierhändig. Neben der Kürze und der ganz speziellen Klänge ist auch die ungewöhnliche Notation bezeichnend für Kurtágs Musik. Auch wenn man seinem Stil nichts abgewinnen kann, die wirklich originellen Sounds hört man sonst nirgends, zum Beispiel wenn sich die Oberstimme in rasenden Kaskaden in Richtung Klaviaturmitte bewegt. In Schwarzenberg waren zehn Stücke für Klavier solo und fünf für vier Hände zu hören, alles ganz gerecht aufgeteilt zwischen den beiden Pianisten. 

Magische Momente

Es gibt wohl keinen größeren Kontrast, als auf Kurtags Miniaturen Franz Schuberts Duo „Lebensstürme“ D 947 folgen zu lassen. Liegt bei Kurtág die Würze in der Kürze, ist bei Schubert das Gegenteil der Fall. Drei Themen werden hier sehr häufig wiederholt, mehrmals von allen Seiten beleuchtet, zitiert und umspielt. Die großartige Wiedergabe durch Leif Ove Andsnes und Bertrand Chamayou ließ allerdings diese Längen vergessen. Das allererste Stück des Klavierabends, das „Grand Rondeau“ D 951, ist Hausmusik im besten Sinne des Wortes. Man denkt sofort an das berühmte Bild „Schubertiade“ des Malers und Schubert-Freundes Moritz von Schwind, das eine solche Hausmusik im Hause Schubert zum Thema hat. Auch hier treffen die beiden Pianisten genau den richtigen Ton, vermeiden jede übertriebene Biedermeierlichkeit. Der zweite Konzertteil wurde mit der kurzen Fuge e-moll D 952 eröffnet. 
Die Interpretation der f-moll Fantasie durch Leif Ove Andsnes und Bertrand Chamayou war absolut überzeugend. Mehr streng als romantisch, glasklar, stets etwas vorwärtsdrängend, schnörkellos, auf Englisch könnte man sie als „straightforward“ bezeichnen. Große agogische Freiheiten sind in ihrem Konzept nicht vorgesehen. Meisterhaft gelingt die Balance der einzelnen Stimmen, vollkommen mühelos klingen die technisch schwierigen Passagen. Und dann der atemberaubende Moment, als die Musik nach dem aufwühlenden Mittelteil und einer kurzen Pause wieder zum überirdisch schönen Anfangsmotiv zurückkehrt, um dann schnell in den Schluss zu münden. Magisch.
Das nächste Konzert mit Schuberts grandioser f-moll Fantasie wird in genau einem Jahr, am 25. Juni 2025 stattfinden, wieder in Schwarzenberg. Dann mit der hochinteressanten Besetzung Elisabeth Leonskaja und Julius Drake. Termin vormerken! 

www.schubertiade.at