Das PulsArt Ensemble – geistreich und impulsiv
Viel Applaus für eine lange nachklingende Sonntagsmatinee an der Stella Hochschule
Ein starkes Zeichen setzte das PulsArt Ensemble der Stella Privathochschule in Feldkirch. Unter der Leitung von Benjamin Lack erklangen Kompositionen, die hierzulande sonst kaum zu hören sind. 2024 wird der 150. Geburtstag von Arnold Schönberg gefeiert. Dieses Jubiläum bot Anlass, die revolutionären Orchesterstücke, op. 16 sowie den ersten Teil des Pierrot Lunaire, op. 21 aufzuführen. Den Rahmen bildeten Werke der griechischen Komponistin Calliope Tsoupaki und der polnischen Komponistin Gażyna Bacewicz. Im Mittelpunkt stand die hervorragend disponierte Mezzosopranistin Sarah Kling. Das Ensemble setzte all seine Gestaltungskraft ein und beeindruckte mit seiner konzentrierten und emotionsgeladenen Spielart.
Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“, op. 21 ist ein Schlüsselwerk der Musikgeschichte. Der allegorische Charakter der melodramatischen Szenen beflügelt die Fantasie stets aufs Neue. Allein deshalb war es eine exzellente Idee des PulsArt-Leiters Benjamin Lack, die ersten sieben Stücke auf das Programm zu setzen.
Mit Sarah Kling stand eine Künstlerin auf der Bühne, die den Rezitationspart des überaus dicht gesetzten Werkes eindrucksvoll ausdifferenzierte. Schönberg legte großen Wert darauf, dass die zugrundeliegenden Gedichte von Albert Girauds nicht gesungen, sondern gesprochen und rezitiert werden. Diese Vorgabe stellte an die Interpretin höchste Anforderungen, denn die Stimme musste teilweise emotionsgeladen über große Distanzen und Phrasierungsbögen hinweg geführt werden. Jede musikalische Szene öffnete einen anderen Blickwinkel auf das musikalisch-literarische Ambiente. Schönberg hat die Musik komplex gesetzt und in jede kleine Geste eine große musikalische Bedeutung hineingelegt. Die in der Partitur extra vermerkten musikalischen Hauptlinien kristallisierten die Musiker:innen unter der Leitung von Benjamin Lack gut heraus, sodass sich ein inspirierendes Hörerlebnis einstellte.
Gut aufeinander hörend sich selbst einbringen
Ebenso als „Substrat“ komponierte Schönberg die fünf Orchesterstücke, op. 16, in die er vorrangig unterschiedlich changierende Klangfarbenspiele einschrieb. Das PulsArt Ensemble musizierte das Werk in einer Fassung für Kammerorchester. Zwar kamen die wesentlichen Eigenschaften zur Geltung, allerdings stellt die „reduzierte“ Kammerorchesterfassung im Vergleich zur großen Orchesterbesetzung einen Kompromiss dar. Trotzdem ließen zahlreiche Passagen dieser Werkdeutung aufhorchen: Ihre Soli brachten alle Ensemblemitglieder hervorragend ein. Rhythmisch vertrackt setzten die Instrumentengruppen den musikalischen Fluss in Gang. Konzentriert aufeinander hörend, wurden die spezifischen Instrumentalfarben ausgelotet. Den Höhepunkt bildeten in „Peripetie“, in der die expressiv auseinanderdriftenden Linien am Ende eindrucksvoll kulminierten.
Calliope Tsoupaki komponierte mit „Melos hidiston“ ein snnliches Werk, das Sarah Kling mit ihrem warm timbrierten Mezzosopran klangvoll entfaltete. An ihrer Seite musizierte Carolina Riegler an der Tenorblockflöte. Teilweise wurde die sensibel gestaltende Flötistin vom Ensembleklang allzu stark in den Hintergrund gedrängt. Doch die reizvolle archaisch-modale Tongebung und der in sich ruhende musikalische Gehalt kamen in der Interpretation des PulsArt Ensembles gut zur Geltung.
Gażyna Bacewicz baute ihr Werk „Contradizione per orchestra da camera“ auf Gegensätzen auf. Die Musiker:innen loteten diese zuerst mit markanten Bewegungsformen und, im zweiten Teil, mittels unterschiedlicher Gewichtungen aus. Mehr als die Gegensätze beeindruckten in meiner Wahrnehmung die Zusammenführungen mit spannenden Texturen und energetischen Motiven.
Benjamin Lack rief mit seiner motivierenden und ausdrucksstarken musikalischen Leitung sowie seinen informativen und geistreichen Werkeinführungen Bewunderung hervor. Ein Musikpädagoge, Musiker und Dirigent, der über Jahre hinweg die Musikszene im Land bereicherte und derzeit (noch) das Symphonieorchester der Stella Privathochschule sowie das Ensemble PulsArt für neue Musik leitet. Wohl auch aus Mangel einer seinem Potenzial entsprechenden künstlerischen Weiterentwicklung im Land und an der Stella hat er den Schwerpunkt seines Wirkens nach Graz verlegt.
Mit jubelndem Applaus dankten die Zuhörenden für eine Sonntagsmatinee, in der die Sinne anregend geschärft wurden. Und wieder stellte sich der intensive Wunsch ein, hier im Land öfter Musik des 20. und 21. Jahrhunderts erleben zu können. So müsste Schönbergs Musik nicht immer noch – mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung – so unerhört neu wirken.